Gewerkschaften - die globale Herausforderung

Falls Gewerkschaften Dinosaurier sind, dann leben wir alle im Jurassic Park, sagt New Internationalist-Redakteur David Ransom - und wenn sie ohnehin zum Aussterben verurteilt sind, warum dann all die schwarzen Listen und Todeslisten?

In Wahrheit sind Gewerkschaften nach wie vor quicklebendig. Es kommt auf sie an, und vermehrt auch in Zukunft. Denn solange Menschen ihre Arbeitskraft verkaufen müssen, um zu überleben, wird für die Vereinigungsfreiheit gekämpft werden. Solange Menschen sich auf dem Weg zur Arbeit nicht in Maschinen verwandeln, solange werden sie sich für Würde, Selbstentfaltung und Demokratie an ihren Arbeitsplätzen einsetzen. In den ersten zwanzig Jahren des 19. Jahrhunderts, während der Anfänge der Industriellen Revolution, waren Gewerkschaften in Großbritannien durch die „Combination Acts“ verboten 1). Der Geruch einer Rebellion der „niedrigen Stände“ hing in der Luft, und ArbeiterInnen war sogar der Gedanke an eine „Vereinigung“ gegen ihre Arbeitgeber verboten, unter Androhung von Verhaftung, Gefängnis und Deportation. Wenn auch nicht der erste - und schon gar nicht der letzte -, dann war das sicher der massivste Versuch, die Vereinigungsfreiheit in Großbritannien zur Gänze der staatlichen Kontrolle zu opfern. Aber es funktionierte nicht. Im Endeffekt, schreibt der bedeutende britische Historiker E.P. Thompson, wurden damit „die noch vorhandenen Reste an Loyalität der Arbeiterschaft zu ihren Herren beseitigt, und es breitete sich Unzufriedenheit in einer Welt aus, die den Behörden nicht zugänglich war“. Wegen dieser unbeabsichtigten Folgen wurden die Combination Acts eiligst aufgehoben, und der langwierige Marsch in Richtung Demokratie am Arbeitsplatz konnte wieder beginnen.
Gemeinsam sind wir stark“ - das war das traditionelle Erfolgsrezept der Gewerkschaften und ist es noch heute. Aber ihre Geschichte ist auch eine der menschlichen Schwächen, der Korruption durch Mafia und Macht sowie umstrittener Figuren wie Jimmy Hoffa in den USA oder Fidel Velásquez in Mexiko, der zuletzt 1997, im Alter von 96 Jahren, wieder zum Chef des offiziellen Gewerkschaftsverbands gewählt wurde - bis 2004 2). Warum dieser Niedergang? Einer Erklärung zufolge sind die Gewerkschaften einfach Opfer ihres eigenen Erfolgs. Seit dem Aufkommen des Industriekapitalismus ritten die Gewerkschaften gleichsam auf einem Tiger, und in einem harten und blutigen Kampf konnten sie ihn zu einem Verhalten wider die eigene Natur zwingen. Ohne Gewerkschaften gäbe es heute wohl nur wenig von dem, was im Norden mehr oder weniger als selbstverständlich gilt: das Wahlrecht, das Recht auf Bildung, auf Gesundheitsversorgung, Sicherheit am Arbeitsplatz, auf Ruhe und Freizeit. Daher, so diese Argumentation, hätten sich die meisten arbeitenden Menschen nun mit dem Kapitalismus arrangiert: Der Tiger wurde gezähmt, und die Gewerkschaften hätten den Kapitalismus vor sich selbst gerettet.
Leider will der Kapitalismus aber nicht vor sich selbst gerettet werden. Wie ein Fisch das Wasser benötigt der Kapitalismus die Freiheit, sich rund um den Erdball auszubreiten und immer mehr Reichtum, Macht und Profite zu akkumulieren, um nicht unterzugehen. Alles, was ihm im Wege steht, wird attackiert. Und bisher haben die Gewerkschaften nur gezeigt, was in einer kleinen Enklave möglich ist: Nämlich für jene 20 Prozent der Weltbevölkerung, die 80 Prozent ihrer schwindenden Ressourcen verbrauchen.
Man kann verstehen, dass Gewerkschaften im Norden den Wunsch hegen könnten, sich gegen den Rest der Welt abzuschotten. Diese Taktik ist aber ein Eigentor, wenn die wichtigsten Kämpfe anderswo stattfinden - einer der Gründe, warum GewerkschafterInnen stets eine internationale Perspektive hatten.

Dank der Globalisierung befindet sich heute der Großteil der Industriearbeiterschaft der Welt im Süden - und arbeitet unter Bedingungen, die denen im frühen 19. Jahrhundert in England ähneln. Und im Süden schließen sich immer mehr Menschen den Gewerkschaften an, nicht zuletzt, weil sie keine andere Alternative haben: Ihre Regierungen stehen heute bereits unter Kontrolle des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank.
Befinden sich also die ArbeiterInnen im Süden auf dem selben Weg zum selben Ziel? Tatsächlich hat die Entstehung von Gewerkschaften im Süden bereits zivilisierende Effekte. In Brasilien entstand die linksgerichtete Arbeiterpartei (PT) aus den Gewerkschaften der Autoindustrie von São Paulo, unter Führung des charismatischen Luís Inácio Lula da Silva („Lula“). Die PT hat eine wichtige Rolle dabei gespielt - und spielt sie noch immer -, das Land aus der Militärdiktatur zu führen und seine raubgierige Oligarchie zu zügeln. Der Nigeria Labour Congress, COSATU in Südafrika, die ZCTU in Simbabwe bewirken Ähnliches in Afrika. Gewerkschaften haben die autoritären Regime der „kleinen Tiger“ in Asien gezähmt - und werden vielleicht auch in China erfolgreich sein. Und es war wohl auch der Streik der russischen KohlearbeiterInnen von 1989, der die Sowjetunion auf einen neuen Kurs brachte, ein Muster, das sich auch in anderen früheren Ostblockländern wie Polen und Rumänien erkennen lässt.
So weit, so gut. Verfolgt man diesen Entwicklungspfad aber weiter, findet man heraus, dass er nirgendwohin führt. Die Kluft zwischen den „Fortgeschrittenen“ und den „Zurückgebliebenen“ wird größer, nicht kleiner - es gibt keinen Aufholprozess. Im Gegenteil, der fortschrittlichere Teil ist bereits außer Sicht geraten. Die große Mehrheit blieb verlassen zurück und beginnt sich zu fragen, ob sie überhaupt jemals auf dem gleichen Weg war. Die Unfähigkeit des Kapitalismus, selbst die grundlegendsten Bedürfnisse zu decken, zeigt sich im globalen Maßstab besonders krass: Weder kann er genügend Arbeit schaffen, noch einen halbwegs zufrieden stellenden Lebensstandard. Susan George verweist darauf, dass die 100 größten Firmen der Welt ihre Umsätze von 1993 bis 1996 um 24 Prozent erhöht, ihre Mitarbeiterzahl aber gleichzeitig reduziert haben. Die Arbeitslosigkeit hat fast überall drastisch - und seltsamerweise unbemerkt - zugenommen. Selbst dort, wo sie angeblich gesunken ist, etwa in den USA oder in Großbritannien, lugt sie hinter dem Nebelschleier der Teilzeitarbeit, der „flexiblen“ Arbeit, Beschäftigungsprogramme und amtlichen Statistiken hervor.

Und auch im Norden selbst zeigen sich Risse im Gebälk. Die Gewerkschaften sind nicht nur wegen ihrer eigenen Schwächen in die Defensive geraten, sondern auch, weil sie anhaltenden Attacken ausgesetzt waren und sind. Regierungen, die sich Unternehmerinteressen und der Ideologie des freien Markts verschrieben haben, würden sie am liebsten alle zum Teufel jagen. Und selbst wer eine gute Arbeit hat, glaubt sich keineswegs im Paradies. Nach einer Ende August veröffentlichten Umfrage unter Angestellten in Großbritannien fühlen sich erstaunliche 80 Prozent ihren Arbeitgebern kaum wirklich verpflichtet: „Die indifferente Mehrheit sagt, sie wüssten nicht, was von ihnen erwartet wird, ihre Vorgesetzten zeigten kein menschliches Interesse an ihnen, sie fühlten sich für ihre Arbeit schlecht geeignet und ihre Chefs würden ihre Ansichten generell missachten.“
Menschen leben nicht vom Brot allein. Beim gewerkschaftlichen Kampf ging es immer um mehr als um Lohnsklaverei. Römische Kaiser boten ihren Untertanen bekanntlich „Brot und Spiele“, um sie ruhig zu halten, und zunehmend tut das auch unser heutiger Kapitalismus. GewerkschafterInnen erfinden lieber ein Lied und tanzen dazu. Wie heißt es doch in dem Lied: „Hearts starve as well as bodies; give us bread, but give us roses“ 3). Dafür standen die Gewerkschaften seit jeher, und darin liegt auch nach wie vor ihre Zukunft. Der französische Intellektuelle André Gorz hat die aktuelle Situation folgendermaßen skizziert: „(Die) meisten unserer Bedürfnisse sind weitgehend gedeckt, während viele unserer unbefriedigten Bedürfnisse nicht durch Mehrproduktion gedeckt werden können, sondern dadurch, dass anders produziert und anderes hergestellt wird - ja sogar, dass weniger produziert wird. Dies gilt insbesondere für unsere Bedürfnisse nach gesunder Luft, trinkbarem Wasser, nach Raum, Ruhe, Schönheit, Zeit und zwischenmenschlichen Beziehungen. (…) In einem gesellschaftlichen Kontext, in dem es keine ausreichenden Vollzeitarbeitsplätze für alle mehr gibt, wird es somit zum Überlebensgebot für die Gewerkschaftsbewegung selbst, die Arbeitsideologie aufzugeben. (Dies) ist übrigens in keiner Weise eine Verleugnung der Tradition der Arbeiterbewegung, im Gegenteil: Seit ihren Ursprüngen wurden die Kämpfe der Arbeiterbewegung ebenso sehr durch das Thema der Befreiung von der Arbeit motiviert wie durch das Thema ‚weniger arbeiten, damit alle arbeiten können‘.“ (Gorz, Kritik der ökonomischen Vernunft, 2. Auflage 1998, S.308f.)

Man sollte der Versuchung widerstehen, das als Wunschdenken zu verwerfen, selbst wenn sich Gorz weitgehend auf den Norden bezieht. Insbesondere französische und deutsche Gewerkschaften nehmen seine Ideen tatsächlich sehr ernst. Es existiert damit eine realistische Aussicht, aus der absoluten Abhängigkeit von kapitalistischem Wachstum auszubrechen und nicht tragfähigen Konsumniveaus und rapide zunehmender Ungleichheit ein Ende zu bereiten. Politische Befreiung ist eines, wirtschaftliche Befreiung etwas ganz anderes. Wenn die Gewerkschaften nicht für wirtschaftliche Befreiung kämpfen, wer dann?
Ebenso wie der Einfluss der Gewerkschaften im Süden - und besonders der ihrer weiblichen Mitglieder - hat auch ihre Interaktion mit der Gesellschaft insgesamt zugenommen. Breite Bündnisse werden geschlossen, und es zeigt sich eine Öffnung hin zur Welt außerhalb der Arbeit, ein Phänomen, das manchmal als „Social Unionism“ bezeichnet wird. Das Wenige, was wir über die Überwindung der Armut wissen - heutzutage wissen wir eher mehr darüber, wie sie erzeugt wird - sagt uns, dass sie letztlich von den Armen selbst überwunden werden musste. Sie brauchen keine Anweisungen von oben, sondern Grundfreiheiten und Menschenrechte. In ländlichen Gebieten ist das Recht auf Land entscheidend, in den Städten das Recht auf einen Lohn, der das Existenzminimum deckt. Unabdingbar ist überall die Vereinigungsfreiheit - das Recht, sich zu organisieren, ob für den Kampf um Landrechte oder in Gewerkschaften.


Gewerkschaftsmitglieder im Norden haben sich größtenteils - mit einigen bemerkenswerten Ausnahmen - daran gewöhnt, sich ihre Brüder und Schwestern im Süden als Menschen vorzustellen, die weit weg in einer machtlosen und weitgehend irrelevanten „Dritten Welt“ leben. Zu oft haben sie es Hilfsorganisationen und Regierungen überlassen, sich mit internationalen Fragen auseinander zu setzen. Umgekehrt haben Entwicklungsorganisationen dazu tendiert, „Entwicklung“ oder „Armutsverringerung“ als ihr privates Spezialgebiet zu behüten und Gewerkschaften im wesentlichen als lästige Begleiterscheinung zu betrachten.
Aber die von Kapitalinteressen bestimmte Globalisierung hat die Karten neu gemischt. Was heute zweifellos notwendig ist und endlich auch in Gang kommt, ist eine „Globalisierung von unten“, ein internationaler Prozess, der als erste und dringlichste Aufgabe eine Zusammenarbeit von Gewerkschaften und Entwicklungsinstitutionen erfordert. GewerkschafterInnen haben nun auch den ersten Schritt getan, indem sie den Großteil der DemonstrationsteilnehmerInnen gegen die Globalisierung in Seattle, Québec und Genua gestellt haben. Und es wird sicher nicht der letzte gewesen sein.

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