Gezeitenwechsel

Ob in der informellen Wirtschaft oder in den Freihandelszonen des Südens: das Fußvolk der globalen Ökonomie ist weiblich. New Internationalist-Autorin Megan Rowling untersucht, wie die Gewerkschaften darauf reagieren.

Von Megan Rowling
Als ich Gladys Manzanares im Oktober vergangenen Jahres traf, hatte sie ein Strafverfahren am Hals. Ihr „Verbrechen“? Ein einstündiger Streik. Sie und andere GewerkschafterInnen hatten versucht, eine seit neun Monaten offene Lohnforderung durchzusetzen. Sie arbeiteten bei Chentex, einer taiwanesischen Textilfabrik in der Freihandelszone Las Mercedes in Managua, Nicaragua. Die Arbeit hatten sie schon verloren; nun drohten ihnen sogar Gefängnisstrafen. Und doch war Gladys optimistisch: Eine internationale Kampagne hatte Missstände in der Fabrik angeprangert, in der Bekleidung für große US-Einzelhandelsketten hergestellt wird. Tatsächlich ordnete ein nicaraguanisches Gericht im vergangenen Mai die Wiedereinstellung der entlassenen GewerkschafterInnen an. Doch das Unternehmen akzeptierte nur vier von ihnen - Gladys gehörte nicht dazu. Zwei Monate später hatten alle vier gekündigt. Chentex hatte jede und jeden entlassen, der beim Gespräch mit ihnen ertappt wurde, ob innerhalb oder außerhalb der Fabrik. Sie wurden ausspioniert und immer wieder in das Büro der Firmenleitung beordert. Man nannte sie „Terroristen“.
Maura Parsons, eine der vier, erzählt von einer Unterhaltung mit einer anderen Chentex-Arbeiterin, die versteckt hinter einem Kleiderstapel stattfand: „Sie sagte mir, sie wünschte zwar aus tiefstem Herzen, dass wir die Gewerkschaft wieder aufbauen könnten, doch dass die ArbeiterInnen in der Fabrik uns ihrer Ansicht nach nicht unterstützen würden. Sie hätten zu viel Angst um ihre Arbeit. Als die ArbeiterInnen uns dann sagten, es sei besser, wenn wir gingen, hatten wir nicht das Gefühl, dass wir bleiben sollten.“

In den Freihandels- oder Exportproduktionszonen (EPZ), die als integraler Bestandteil der Globalisierung rund um die Welt aus dem Boden schießen, ist die Geschichte dieser Frauen nicht ungewöhnlich. In diesen Zoll- und Steueroasen arbeiten ausländische Firmen als Subunternehmer für viele unserer Boutiquenketten - hinter unüberwindlichen Mauern und geschützt von bewaffnetem Wachpersonal. Arbeitskraft ist dort spottbillig, und wenn die Nachfrage hoch ist, wird auch 18 oder 24 Stunden durchgearbeitet. Im Schnitt sind 80 Prozent dieser ArbeiterInnen Frauen. Sie finden sich mit erschreckenden Zuständen ab, nur weil sie das Geld für Lebensmittel, Wohnung, Medikamente und die Ausbildung der Kinder brauchen. In manchen Ländern wie Bangladesch ist es EPZ-ArbeiterInnen verboten, sich gewerkschaftlich zu betätigen. Und wo Gewerkschaften legal sind, sorgen Schikanen und Angstmacherei zumeist für ein Scheitern der Organisationsversuche. Falls sich tatsächlich eine Gewerkschaft bildet, sperrt das betroffene Unternehmen oft einfach zu und wandert ab, manchmal in ein anderes Land.
Noch vor sieben oder acht Jahren, erzählt Linda Yantz vom Maquila Solidarity Network in Kanada, hätten sich Gewerkschaften kaum für EPZ-Firmen interessiert. Heute aber begriffen sie, dass sich ihr traditioneller, männerorientierter Zugang an die neuen Trends in der Beschäftigung anpassen müsse. Am nächsten Internationalen Frauentag (am 8. März) wird der Internationale Bund Freier Gewerkschaften (IBFG) eine dreijährige Kampagne starten, um die Zahl seiner weiblichen Mitglieder zu verdoppeln. Schon heute liegt der Frauenanteil bei 40 Prozent, vor 50 Jahren waren es nur sechs Prozent. Die Kampagne wird auf Grundlage einer weltweiten Umfrage unter organisierten und unorganisierten Arbeiterinnen entwickelt, die vom Frauenausschuss des IBFG Anfang des Jahres durchgeführt wurde. „Frauen erklärten uns, sie seien von Gewerkschaften nicht angesprochen worden, sie wüssten nicht, wie Gewerkschaften ihnen helfen könnten, und dass sie männerdominiert seien“, sagt Siham Friso vom IBFG. „Unsere Strategie wird beinhalten, unser Image zu verbessern, mehr auf Frauen einzugehen und engeren Kontakt mit ihnen aufzubauen.“


Zur Zielgruppe der Gewerkschaften gehören nicht nur Frauen in den EPZ. Die IBFG-Kampagne zielt insbesondere auf Frauen im sogenannten „informellen Sektor“. Dazu gehören Frauen, die Bekleidung oder Spielzeug in der eigenen Wohnung oder in kleinen Werkstätten herstellen, aber auch Straßenhändlerinnen. Die Globalisierung und die Finanzkrise in Asien 1997 haben genauso zu einer Ausbreitung solcher Arbeitsformen beigetragen wie strukturelle Anpassungsprogramme des Internationalen Währungsfonds (IWF). Der damit verbundene Beschäftigungsabbau ging zum Großteil auf Kosten von Frauen, was den Druck erhöht hat, weniger abgesicherte Arbeit anzunehmen. Beinahe drei Viertel der Warenproduktion in Südostasien erfolgt heute im informellen Sektor. Die Gewerkschaften müssen sich entsprechend verändern, warnt Amrita Sietaram von der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO): „Tun sie das nicht, werden sie vor der Situation stehen, dass mehr ArbeiterInnen im informellen Sektor arbeiten als im formellen, und sie werden ihre Mitgliederbasis verlieren.“
Was diesen Wandel mit vorantreibt, sind die vielen unabhängigen Gewerkschaften und Organisationen, die zur Unterstützung von Arbeiterinnen gegründet werden. Die Korean Women’s Trade Union (KWTU) etwa entstand im August 1999, um Frauen eine dauerhafte Gewerkschaftsmitgliedschaft zu ermöglichen; 80 Prozent ihrer Mitglieder arbeiten unregelmäßig. Im Februar 2000 gelang es der KWTU, die Wiedereinstellung von 15 Teilzeitarbeiterinnen durchzusetzen, die von der Eastern Red Cross Blood Bank in Seoul illegal gekündigt worden waren, und sie unterstützt die 20.000 weiblichen Golf Caddies (Anm. d. Red.: Caddies tragen u.a. die Schläger der Golfspieler) in Korea in ihrem Kampf um reguläre Dienstverträge.

Ein bedeutendes Hindernis bei der Organisierung von Frauen im informellen Sektor ist ihre Unerreichbarkeit. Sie leben oft isoliert zuhause, und viele haben keine Ahnung von ihren Rechten, geschweige denn von deren Durchsetzung. Frauenorganisationen in Zentralamerika haben deshalb den traditionellen Ablauf bei der gewerkschaftlichen Arbeit umgekehrt: zuerst Bildung, dann Organisierung. „Wir müssen Frauen die Kenntnisse und die Kraft vermitteln, die sie brauchen, um für ihre Rechte zu kämpfen“, sagt Sandra Ramos, Leiterin der Bewegung für beschäftigte und arbeitslose Frauen „Maria Elena Cuadra“ (MEC) in Nicaragua. MEC organisiert Seminare über Frauen und Arbeitsrecht, bietet aber auch Kreditprogramme.
Im laufenden Jahr wurde damit begonnen, Frauen in gewerkschaftlicher Organisierung, Führung von Tarifverhandlungen und Streikorganisation auszubilden. MEC versucht auch, auf die Gesetzgebung Einfluss zu nehmen. Kürzlich wurden mehr als 2.500 Arbeiterinnen zu einer Reform des geltenden Arbeitsrechts befragt.
Langsam, aber doch beginnen die Gewerkschaften den Erfolg von Frauenorganisationen in der Bewusstseinsbildung anzuerkennen. Aber manche fühlen sich bedroht. Die Beziehungen der MEC mit der wichtigsten TextilarbeiterInnengewerkschaft in Nicaragua etwa waren eher gespannt. „Als Arbeiterin finde ich es natürlich gut, dass es eine Gewerkschaft gibt. Aber sie müssen sich anpassen und neue Methoden anwenden“, sagt Delia Soza von der MEC, eine EPZ-Arbeiterin. „Sie können nicht alles mit agressiven Methoden erreichen. Selten kommt bei einem Streik etwas Positives heraus. In unserem Kampf wenden wir gewaltlose Methoden an, das aber sehr zielgerichtet.“

Frauenorganisationen ist es im Gegensatz zu Gewerkschaften gelungen, auf die Bedürfnisse arbeitender Frauen einzugehen, meint Marina Prieto vom Central America Women’s Network in Großbritannien. Einige Gewerkschaften anerkennen das und nehmen sich sogar Strategien der Frauenorganisationen zum Vorbild. Mitgliedsgewerkschaften des IBFG betreiben Alphabetisierungsprojekte für „informelle“ Arbeiterinnen; in Burkina Faso wurde ein Zentrum für Frauen aus dem informellen Sektor und ihre Kinder gegründet. In Malaysia errichteten Gewerkschaften ein Heim für Frauen, die für Elektronikfirmen in EPZ arbeiten. In ganz Asien beinhaltet die Kampagne „Women know your rights“ auch ein Video über sexuelle Belästigung - nicht gerade Themen, mit denen sich Gewerkschaften bisher hervorgetan hatten.
Jedoch bleibt noch viel zu tun. Zwar gibt es erfolgreiche Gewerkschaften im informellen Sektor, aber die Unterdrückung von Gewerkschaften in den EPZ ist weiter ein großes Problem. Die Organisierung innerhalb solcher Zonen sollte einfacher werden, wenn sich eine Vielfalt von Bewegungen rund um bestimmte Konfliktpunkte bildet, glaubt Linda Yantz. „Aber ob wir diese Qualität erreicht haben, werden wir erst wissen, wenn es eine Reihe von Gewerkschaften in Betrieben gibt, die nicht gleich zusperren.“
Zuversichtlicher formuliert es eine andere Aktivistin: „Die Gewerkschaften sind wie Hefe im Brotteig. Egal, wie oft man sie plattwalzt, sie kommen immer wieder hoch.“

Megan Rowling arbeitet als freie Journalistin. Kontaktadresse: meganr@flashmail.com copyright New Internationalist

nach oben

Durch die Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich mit dem Einsatz von Cookies einverstanden. Mehr Informationen