Giftiges Cola in Indien

Von Brigitte Voykowitsch ·

Coca-Cola und Pepsi wurden aus mehreren indischen Bundesstaaten hinausgeworfen. Die Getränkemultis verwenden verseuchtes Wasser und wollen die chemische Zusammensetzung ihrer Drinks nicht offen legen.

Wir haben beschlossen, Coca-Cola und Pepsi aufzufordern, sowohl die Produktion als auch den Vertrieb aller ihrer Produkte einzustellen, nachdem wissenschaftliche Studien deren schädliche Auswirkungen belegt haben.“ Das erklärte V. S. Achuthanandan, der Chefminister des südindischen Bundesstaates Kerala am 9. August. Bereits zuvor hatten mehrere andere Bundesstaaten, darunter Rajasthan, Gujarat, Punjab und Madhya Pradesh den weiteren Verkauf der US-amerikanischen Softdrinks an staatlichen Schulen und Universitäten und zum Teil auch in Behörden untersagt. Der Oberste Gerichtshof Indiens hatte seinerseits Coca-Cola und Pepsi aufgefordert, die Zutaten und chemische Zusammensetzung ihrer im Land verkauften Softdrinks offen zu legen. und den Konzernen dafür eine Frist von vier Wochen gesetzt.
Anlass für diese Schritte waren Studien des unabhängigen Zentrums für Wissenschaft und Umwelt (Centre for Science and Environment, CSE), denen zufolge die Pestizidbelastung in den Softdrinks der beiden Konzerne das 24fache des indischen Grenzwerts beträgt. In einer in Kolkata (ehemals Kalkutta) gekauften Coca-Cola-Flasche hätten die Rückstände des krebserregenden Pestizids Lindan gar das 140fache des indischen Grenzwerts ausgemacht. Das CSE testete nach eigenen Angaben insgesamt 57 Proben von elf verschiedenen Softdrinks. Anders als bei einer 2003 durchgeführten Studie, bei der alle 36 Proben aus Neu Delhi stammten, seien dieses Mal 25 Getränke aus Produktionsstätten in zwölf verschiedenen Bundesstaaten geprüft worden, gab das CSE bekannt.

Coca-Cola und Pepsi wiesen alle Vorwürfe zurück und betonten, die Sicherheit der VerbraucherInnen stehe für sie an erster Stelle. Die in Indien hergestellten Softdrinks entsprächen internationalen Normen und nationalen Vorschriften. Die beiden Unternehmen lancierten auch eine PR-Kampagne und schalteten große Inserate in Tageszeitungen. „Pepsi“, wurden die KonsumentInnen darin umworben, „ist eines der sichersten Getränke, das Sie heute zu sich nehmen können“. Bei Pepsi erkannte man zwar an, dass in Indien Pestizide im Grundwasser zu finden wären und diese häufig in die Nahrungskette gelangten. Verglichen mit den Pestizidrückständen in Tee und anderen Nahrungsmitteln wäre der Schadstoffgehalt in Softdrinks allerdings zu vernachlässigen.
Von derartigen Argumenten und PR-Kampagnen, in die auch prominente Bollywood-Größen eingespannt wurden, ließ man sich beim CSE nicht beirren. Wenn Filmstar Shahrukh Khan in einer Zeitung erklärte, dass Indien ein schmutziges Land sei, „wollte er dann damit sagen, dass wir verschmutzte Produkte verdienen?“, hieß es in einer Presseaussendung des CSE. Selbstverständlich steht es um die Lebensmittelstandards in Indien nicht zum Besten. Die einen werden nicht eingehalten, die anderen zwar von der Regierung beschlossen, aber nicht in Kraft gesetzt. Sunita Narain, die Leiterin des CSE, hält sich auch diesbezüglich nicht mit Kritik zurück. Sie betont aber zugleich, dass Fruchtsäfte – im Gegensatz zu Softdrinks – zumindest auch für die Ernährung wertvoll wären.

Der jüngste Konflikt mit US-Softdrinkherstellern ist nicht der erste in der Geschichte Indiens. 1977 zog sich Coca-Cola aus dem Land zurück, nachdem Neu Delhi auf der Offenlegung der Cola-Rezeptur bestanden hatte. Erst 16 Jahre später kehrte das Unternehmen wieder nach Indien zurück. Doch schon zu Beginn dieses Jahrzehnts kam es in Kerala zu neuerlichen Kontroversen um die 1998/99 errichtete Coca-Cola-Flaschenabfüllfabrik in Plachimada. Die intensive Ausbeutung des Grundwassers durch Coca-Cola führte zu einem starken Absinken des Grundwasserspiegels in der Region. Ernteausfälle waren die Folge. Zudem wies das Wasser einen stetig zunehmenden Salzgehalt und Härtegrad auf. Das Coca Cola-Werk brachte auch faul riechenden, schlammigen Abfall als Düngemittel aus, was zu Verschmutzungen und Hautproblemen führte. Auch hier wiesen Vertreter von Coca-Cola jegliche Verantwortung zurück und bezeichneten sich als Opfer einer Kampagne von Extremisten.
Das CSE selbst würde eine Situation begrüßen, in der man ohne die Verbote von Unternehmen auskommt. „Wir haben immer gesagt, klare Regelungen und deren Einhaltung sind die Lösung, nicht Verbote.“ Doch das würde die Kooperation der Softdrink-Industrie erfordern. Für Sunita Narain steht fest: „Wenn es um die öffentliche Gesundheit geht, darf es keine Kompromisse geben.“

www.cseindia.org/cola.asp www.indiaresource.org

Die Autorin ist Indienspezialistin und freie Journalistin in Wien.

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