Wenn das Meer ein Dorf verschlingt

Von Peter Böhm ·

Das Südsee-Dörfchen Lateu ist das erste offizielle Opfer des Klimawandels. Vor rund 15 Jahren hat das Meer die Siedlung zum ersten Mal überflutet, jetzt geschieht das fast monatlich. Nun wird sie ins Landesinnere verlegt. Ein Lokalaugenschein.

Lateu ist dem Untergang geweiht. Seine BewohnerInnen werden das Dörfchen verlassen. Die Hütten, aus Holz und geflochtenen Palmblättern gebaut, werden verfallen. Hier und dort stehen schon einige leer, andere sind zu hölzernen Gerippen abgemagert. Nur früh morgens und abends, wenn die BewohnerInnen nicht bei der Arbeit in ihren Gärten sind, erscheint die Siedlung überhaupt bewohnt. Dann flackern kleine Holzfeuer in den schummrigen Behausungen und wallt dichter Rauch aus den löchrigen Wänden.
Warum das Dorf aufgegeben wird, ist an den Fundamenten der Hütten abzulesen. An allen sind die Holzpfosten und Schilfwände verschimmelt. Seit einigen Jahren wird Lateu regelmäßig vom Meer überflutet. Zuerst stellten die BewohnerInnen ihre Hütten noch auf Fundamente aus Korallenblöcken, aber auch das half schließlich nicht mehr. Nun werden sie ihr Dorf einige hundert Meter im Inneren ihrer Insel wieder aufbauen. Finanzielle Unterstützung erhalten sie von der kanadischen Regierung.
Die Umweltorganisation der Vereinten Nationen (UNEP) hat Lateu zur ersten Siedlung erklärt, die wegen der Folgen des aktuellen Klimawandels aufgegeben werden muss. So geschehen bei der letzten Klimakonferenz in Montreal im Dezember 2005. Seither gilt das Dörfchen auf Tegua, einem von fünf Korallen-Atollen der Torres-Gruppe im schwer zu erreichenden Norden der kleinen Südsee-Nation Vanuatu, als Symbol für die zerstörerische Kraft der Erderwärmung.

Die Folgen des Klimawandels sind an Teguas Küste unübersehbar. Am Ufer liegen überall umgestürzte Palmen, das Wurzelwerk freigelegt, der Boden, der sie einst trug, von der See weggespült. „Ende der achtziger Jahre ist das Meer zum ersten Mal in unser Dorf geflossen“, sagt Lateus Dorfchef Reuben Seluin. „Heute passiert das fast jeden Monat.“
Lateu liegt direkt an einer Bucht auf der Windseite des Atolls. Dieser Platz wurde ursprünglich ausgesucht, weil dort eine Quelle entspringt, die sich bei Ebbe zu einer Süßwasser-Lacke sammelt. Vanuatus Regierung ließ im Dorf in den 1980er Jahren einen kleinen Regenwasserspeicher aus Zement bauen. Andere Süßwasserquellen gibt es auf dem Atoll nicht.
Früher hatte Lateu einen flachen Sandstrand. Ein Teil jedoch, berichtet Dorfchef Seluin, ist 1997 einer Flutwelle nach dem Erdbeben auf einer Nachbarinsel zum Opfer gefallen. Danach sei das Meer bei jeder Springflut dem Dorf ein bisschen näher gekommen. Heute trennt Lateu von der See nur noch ein niedriger Wall von Korallenfindlingen, über den bei Flut die Gischt spritzt. „Ich weiß nicht, ob der Klimawandel daran schuld ist, oder was der Grund dafür ist“, sagt der 63-Jährige. „Ich weiß nur, dass unser Sandstrand verschwunden ist.“
Das alles erzählt Seluin ohne Verbitterung. Was er davon halte, dass die Ursachen des Klimawandels in den Industrieländern zu suchen, die Folgen aber auf Tegua zu spüren sind? „So etwas würde ich nie sagen“, antwortet er vorsichtig und blickt dabei zu Boden.

Seinen Emotionen freien Lauf zu lassen, würde auch nicht zur Rolle passen, die Reuben Seluin in Lateu zu erfüllen hat. Als Dorfchef ist er nicht nur einziger Polizist, Richter und Amtschef der Insel, sondern auch ihr Familienpatron. Die sechzig BewohnerInnen Teguas gehören alle zu einer einzigen Großfamilie. Vierzehn Kinder sind allerdings gerade in Internaten auf den Nachbarinseln, weil es auf Tegua keine Schule gibt. Seluin ist der Älteste und somit Oberhaupt des Clans. Er trägt eine ausgewaschene kurze Hose und ein T-Shirt mit der Aufschrift „Das Leben ist eine einzige Enttäuschung … und dann gehst du tauchen“, das ihm die Mannschaft einer Hochseejacht vor ein paar Jahren hier gelassen hat. Und er geht stets barfuß. Aber er wirkt immer souverän, wie man es von einem Familienpatron erwartet.
Alle BewohnerInnen Lateus sind entweder mit ihm verwandt oder verschwägert. Sohn Godwin hält am Morgen um halb sieben den Gottesdienst in der kleinen Kirche. Kusine Bettina betreut den Kindergarten, und sollte ein Kind Fieber bekommen, wird es zum ältesten Sohn Aden in die Krankenstation geschickt.
Da erst zwei Familien ihre Wohnhütten im neuen Dorf fertig gebaut haben, stehen die sechs mit kanadischen Hilfsgeldern errichteten Gemeinschaftsgebäude dort noch etwas verloren herum. Der aus Holzlatten zusammengenagelte Frauenklub, der neue Kindergarten und das Gästehaus werden vorerst nur dazu benutzt, das Regenwasser von ihren flachen Dächern in sechs Trinkwassertanks zu sammeln.
Die Welt außerhalb von Tegua für das eigene Schicksal verantwortlich zu machen, steht für die InsulanerInnen nicht zur Debatte. Dort kommt die weite Welt, wenn überhaupt, nur am Rand vor. Fast alles, was die BewohnerInnen zum Überleben brauchen, finden sie auf ihrem Atoll. Obst und Gemüse bauen sie in ihren Gärten an. Für die Beilage im Mittagstopf gehen sie in den Wald und suchen ein paar runde, violett schimmernde Krabben, die dort überall herumlaufen. Oder sie sammeln ein Stück weiter den Bergkamm hinauf Kokoskrabben, die in den Restaurants von Vanuatus Hauptstadt Port Vila als teure Spezialität angeboten werden. Nachts gehen sie mit einer wasserdichten Taschenlampe zum Hummer-Fischen, oder tagsüber mit einem Speer im Korallenriff oder im Kanu etwas weiter draußen.
Ab und zu paddeln sie in ihren Einbäumen anderthalb bis zwei Stunden auf die Hauptinsel Loh, um Kokoskrabben zu verkaufen und Dinge wie Kleider, Batterien oder Streichhölzer einzukaufen. Ansonsten dringt wenig durch nach Tegua. Auf der Insel gibt es ein einziges Kurzwellenradio, und der Mann, der es besitzt, erzählt den anderen, wenn etwas Interessantes passiert ist. Die Fußballweltmeisterschaft in Deutschland gehörte nicht dazu.

Dass der Meeresspiegel in der Südsee angestiegen ist, steht außer Zweifel. In einem von Australien finanzierten Projekt haben WissenschaftlerInnen seit Ende 1992 an zwölf Punkten in der Südsee einen jährlichen durchschnittlichen Anstieg von sechs Millimetern gemessen, insgesamt also 7,8 Zentimeter seit Beginn der Messung. Der Unterschied zwischen den Ergebnissen der einzelnen Messpunkte ist erheblich, der Trend jedoch überall gleich: Im Hafen von Port Vila zum Beispiel wurde ein jährlicher Anstieg des Meerespiegels von 4,6 Millimeter, auf Tuvalu von 5,7 und auf Tonga, rund 3.000 Kilometer weiter östlich, von 8,7 Millimeter gemessen.
In einer im März im US-Wissenschaftsmagazin „Science“ veröffentlichten Studie wird ein Anstieg des Meeresspiegels um rund einen Meter bis zum Jahr 2100 vorausgesagt, sollte sich die Erdatmosphäre weiter unvermindert aufheizen. Erhöht sich die Temperatur der Erdatmosphäre um drei bis fünf Grad Celsius, steigt der Meeresspiegel laut Studie um bis zu sechs Meter.
Ausgewaschene Palmenstrände allein sind noch nicht unbedingt auf einen angestiegenen Meeresspiegel zurückzuführen, erklärt der Ozeanologe Steve Koletti von der Universität von Süd-Kalifornien in Los Angeles. „Das Meer und der Strand sind Teil eines dynamischen Systems. Nach der Sturmsaison ist ein ausgewaschener Strand nichts Außergewöhnliches.“ Gewöhnlich fülle das Meer jedoch nach der Sturmsaison im Frühjahr den Strand wieder auf, so der Wissenschaftler.
Auf Vanuatu zeigt sich auch der Trend zu häufigeren Stürmen. Dies führen viele WissenschaftlerInnen auf die Erwärmung der Meeresoberfläche zurück. Vanuatus Meteorologisches Institut führt seit 1941 Buch über die Taifune, die das Land treffen. „Von 1941 bis 1946 hatten wir jährlich fünf Taifune“, berichtet der Leiter Jotham Napat. „Aber heute haben wir oft mehr als 15 dieser Stürme im Jahr.“

Von den wissenschaftlichen Untersuchungen über Hintergründe des Klimawandels weiß Dorfchef Seluin genau so wenig wie von der UNEP-Erklärung. Er verhehlt nicht, dass er über die bevorstehende Umsiedlung nicht glücklich ist. „Unser gesamter Besitz steckt doch in unserem alten Dorf.“ Der Umzug der gesamten Siedlung mit dem Kindergarten und der Kirche wird wohl erst im nächsten Jahr abgeschlossen sein.
An einem Punkt jedoch lässt er keinen Zweifel. Trotz der vielen Unannehmlichkeiten, die das Leben auf einer so abgelegenen Insel mit sich bringt, sagt er, hätten die BewohnerInnen noch keinen Gedanken daran verschwendet, Tegua zu verlassen. „Wir lieben unsere Insel. Wir haben unsere Gärten, wir haben die Fische im Meer, wir haben Krabben zum Essen. Da ist es auch egal, dass wir kein Radio haben und nicht reisen können. Wir werden auf jeden Fall hier bleiben.“

Peter Böhm ist freiberuflicher Journalist und lebt zur Zeit in Los Angeles. Er besuchte Lateu im Juni.

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