Gleichstellung im Blick

Eine Vielzahl an feministischen Projekten in Uganda arbeitet an der Utopie gelebter sozialer Gerechtigkeit.

Von Edna Ninsiima, Kampala

Alun Be: Potentiality, Edification Series.© Alun Be

Die Stärke von Frauen zu trainieren, das wurde bei Milred Apenyo vor wenigen Jahren sehr konkret: Aus dem Stand zog die Schriftstellerin und Menschenrechtsaktivistin ein Fitnessstudio für Frauen in Kampala auf, das erste seiner Art in Uganda. Was als Start-up namens „Fitclique Africa“ begonnen hat, wurde mittlerweile um das Kunstprojekt „Feminist Utopia“ erweitert.

Apenyos Initiative ist eines der Projekte, die das ostafrikanische Land mittlerweile verändern, Stück für Stück. Aber alles der Reihe nach: Als 2013 im Parlament Ugandas ein Gesetz gegen Pornographie vorgeschlagen wurde, das u.a. Frauen verboten hätte, Miniröcke zu tragen, nahmen sexuelle Belästigungen und Übergriffe zu. Einige Frauen wurden von Männerbanden im Zentrum Kampalas am helllichten Tag dazu gezwungen, sich auszuziehen.

Das veranlasste Apenyo und ihr Team dazu, einen sicheren Ort für Frauen zu schaffen – ein Fitnessstudio nur für Frauen, in dem es weniger um Selbstoptimierung sondern mehr um Selbstverteidigung geht: „Es war uns ein tiefes Bedürfnis, Räume zu schaffen und Programme zu entwickeln, die auf die Sicherheit und das Wohlbefinden der Frauen und sexuellen Minderheiten Afrikas fokussieren.“

Auf dem alljährlichen Bayimba International Festival of the Arts 2016 in Uganda erweiterte sie dann ihr Konzept auf eine Kunstinstallation, „Feminist Utopia“. Heute organisiert sie Seminare, eine Art Oasen, die Frauen einen Rückzug aus der Realität des Lebens in einer gewalttätigen und patriarchalen Welt ermöglichen. Dort werden eine Vielzahl von Kursen angeboten, darunter: Aerobic, afrikanisches Yoga, Tanz, Kickboxen, Krafttraining.

Und: Neben den Handgriffen der Selbstbehauptung werden bei „Feminist Utopia“ auch die strukturellen Ursachen von Gewalt gegen Frauen reflektiert und Diskussionskreise zu Schwarzem Feminismus abgehalten.

Digitaler Raumgewinn. Frauenräume gilt es nicht nur physisch, sondern auch virtuell zu etablieren: Studentinnen, Mütter, Aktivistinnen, Lehrerinnen und Karrierefrauen – sie alle sind der Aufforderung von Prudence Nyamishana gefolgt. Die Feministin und Bloggerin hat Frauen dazu aufgerufen, Briefe an ihr früheres zwölfjähriges Ich zu verfassen. Unter dem Titel „Dear younger me: Voices of African Women“ wird die Sammlung online veröffentlicht. „Afrikanische Frauen haben großartige Geschichten zu erzählen“, sagt Nyamishana. Zwar würden Frauen vermehrt digitale Räume nutzen, viele dieser Erzählungen würden aber ohne ihr Online-Projekt nie dokumentiert werden, ist sie überzeugt.

Es sind persönliche Geschichten, die vom Aufwachsen in einer weitgehend patriarchalen Gesellschaft erzählen, in der Frauen auf eine untergeordnete Rolle beschränkt werden, und von der täglichen Konfrontation mit den Stereotypen, die auf sie projiziert werden.

Die Briefe böten Möglichkeit zur Reflektion, aber auch für eine Anerkennung der eigenen Entwicklung, so die Bloggerin. Nyamishana geht es auch um mehr Präsenz von Frauen im Internet: „Ihre Geschichten werden eine Inspiration für viele andere sein.“

Dass soziale Medien feministische Ideen heftig pushen können, das wissen auch ugandische Aktivistinnen. Ebendort kritisieren sie seit Jahren die Unterrepräsentation von Frauen in großen „Mainstream-Medien“. Ein verbreitetes Phänomen ist etwa, dass ExpertInnenwissen von Frauen zu verschiedensten Themen weit weniger gefragt ist als von Männern.

Tatsächlich hat die Kritik feministischer Aktivistinnen nun eine Veränderung bewirkt, wenn auch nicht die wirklich gewünschte: Waren früher im Fernsehen rein männliche Talkrunden die Regel, bemühen sich nun viele TV-ProduzentInnen um zumindest eine Alibifrau.

Raus aus dem Passiv. Und noch einen (Teil-)Erfolg kann der Online-Aktivismus in Uganda verbuchen: Auch hier geht es um die Wahrnehmung im öffentlichen Raum, genauer gesagt um das Thema Gewalt gegen Frauen. So ist es gelungen, die vor allem in Printmedien oft verharmlosende Berichterstattung über physische und psychische Gewalt ins Bewusstsein zu rücken.

Lokale Zeitungen beschrieben etwa eine Reihe von sexuell belästigenden Textnachrichten eines Studenten namens Brian Isiko an die Abgeordnete Sylvia Rwabwogo als „Liebesbotschaften“. Feministinnen, allen voran die Schriftstellerin und Journalistin Rosebell Kagumire, starteten daraufhin eine Kampagne mit dem Hashtag #HarassmentIsNotLove.

Mittlerweile ist eine digitale Community entstanden, die sowohl visuelle als auch literarische Inhalte produziert und präsentiert. Ein Beispiel ist die 2019 gegründete Online-Plattform Lakwena, auf der ausschließlich Frauen Geschichten von und für Frauen veröffentlichen.

Endlich gehört werden. Mit Lakwena soll ein Entwicklungsraum für Frauen geschaffen werden, erklärt Irene Atim, Redakteurin und Mitbegründerin der Plattform. „Wir wollten eine Gemeinschaft ohne jeden männlichen Einfluss aufbauen“, erläutert sie. „Eine Gemeinschaft, in der alles, was sich außerhalb der binären Geschlechterdefinition der Gesellschaft bewegt, dieselbe Bedeutung erhält wie das, was im männlichen Mainstream behandelt wird; ohne Beschränkungen, und ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse eines männlichen Publikums.“

Etwas Ähnliches probiert auch Patricia Kigula aus. Sie ist Gründerin und Ko-Produzentin des YouTube-Kanals Black, No Sugar. Dort behandelt sie brisante Themen wie soziale Gerechtigkeit, Karriere und Sex.

Moderiert wird das Ganze von drei Frauen mit unterschiedlichen Gästen. Die darin diskutierten Inhalte beschreiben sie als „kompromisslos, unzensuriert und unbequem“ – Themen, die auch vor gesellschaftlichen Tabus nicht halt machen und in den dominierenden kommerziellen Medien häufig ignoriert oder für zu sensibel gehalten werden.

Edna Ninsiima ist eine feministische Journalistin und Bloggerin (beingedna.com) aus Uganda. Sie lebt in Kampala.

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