Globalisierung trifft Salon

Die Haar-Industrie in Afrika boomt. Auch dort, wo die Menschen teils unter der Armutsgrenze leben, investieren sie in Haare. Das zeigt ein Besuch in einem ugandischen Flüchtlingslager.

Von Simone Schlindwein

Der Friseursalon „Salon La Gloire“: Nach dem Lockdown im April und Mai wird wieder frisiert, die Maske für KundInnen ist Pflicht.© Sumy Sadurni

Mit flinken Fingern flicht Grace Birugi feine Zöpfe in das Haar ihrer Kundin. Die kräftige Frau im blauen Kleid und Sandalen sitzt auf einem blauen Plastikstuhl. Ihre Kundin Rebecca Nakaba hat es sich vor ihr auf einer Decke auf dem Fußboden gemütlich gemacht. Vor ihnen an der Wand hängt ein großer Spiegel. Die beiden Frauen unterhalten sich, tauschen Neuigkeiten aus: über die aktuelle Coronasituation in Uganda, über die schlecht laufende Wirtschaft, Unsicherheiten und Ängste bezüglich der Zukunft.

Birugis Friseursalon „Salon La Gloire“ im Westen Ugandas besteht aus einem einzigen Raum ohne Fenster und einer großen Eisentür, durch die das starke Licht der afrikanischen Mittagssonne hereinscheint. Bunte Graffitis von Männern und Frauen mit toller Haarpracht und von einem elektrischen Rasierer an der Außenfassade werben für Birugis Dienstleistungen.

An den Wänden hängen zahlreiche Verpackungen mit Kunsthaar verschiedener Arten und Farben: von den Mini-Zöpfen in Lila bis zu fast echt aussehenden Glatthaar-Teilen oder kunstvoll dauergewellten Perücken – quasi alles, was die afrikanische Frau gern auf dem Kopf trägt.

Kassenschlager. Wie in so vielen afrikanischen Ländern ist auch in Uganda die Dienstleistung rund um die Frisur ein echter Kassenschlager: von den aufwendigen Flechtarbeiten, bei denen krauses kurzes Haar mit Hilfe von künstlichen Verlängerungen in lange Zöpfe verwandelt wird, bis hin zur Glatze, die man sich fast wöchentlich rasieren lässt. Fast an jeder Straßenecke, in jedem Dorf, in jeder Stadt finden sich Friseurläden. Wo es die nicht gibt, wird in den Dörfern im Schatten des nächsten Mangobaums geflochten und rasiert.

Selbst im Flüchtlingslager Kyaka im Kyegegwa District im Westen des Landes, wo Birugis Laden sich zwischen kleinen Shops und dem Gemüsemarkt in einer staubigen Straße einreiht, ist das Friseur-Geschäft ein wirklich gutes Business für Frauen wie sie. „Ich habe nicht viel Schulbildung“, gibt sie zu, während ihre Finger wie automatisch flechten. „Doch ich habe es geschafft, meine Kinder mit den Einkünften aus dem Salon zu ernähren und sie zur Schule zu schicken.“ Ihre 16-jährige Tochter lehrt sie nun die Flechtkünste, damit sie eines Tages den Laden übernehmen kann.

Grace Birugi.© Sumy Sadurni

Birugi ist eine Geflüchtete aus dem Nachbarland, der Demokratischen Republik Kongo. Vor allem im Osten des riesigen Landes herrscht seit 25 Jahren Krieg. In ihrer Heimat hat sie alles verloren. Doch mit Hilfe ihrer Haarschere und ihren Flechtkünsten ist es ihr gelungen, sich in Uganda am Rande des gewaltigen Flüchtlingslagers Kyaka ein neues Leben aufzubauen. Ihre KundInnen sind dabei vor allem selbst Geflüchtete.

Den größten Umsatz mache bzw. machte sie mit dem Einflechten von Haarverlängerungen, sagt sie. Doch auch der Verkauf von Glatthaarperücken boomte.

Seit sich das Coronavirus in Uganda immer mehr verbreitet, laufen die Geschäfte jedoch schlecht: „Zu Zeiten der Ausgangssperre im April und Mai durfte ich nicht arbeiten“, so Birugi seufzend. Seitdem sie wieder geöffnet habe, kämen nur ein oder zwei Kundinnen pro Tag. Früher seien es bis zu zehn gewesen: „Die Leute haben Angst, sich anzustecken. Wenn ich ihre Haare flechte, sind wir uns nah.“ Deswegen herrsche in ihrem Salon Maskenpflicht.

Koloniales Erbe. Bis heute erkennt man an der Haarpracht afrikanischer Frauen das Erbe des Kolonialismus. Krauses kurzes Haar wird nach wie vor nicht als „schick“ angesehen.

Nur in den abgelegenen Dschungeldörfern der DR Kongo oder in den Wüsten des Südsudans sieht man sie noch: die traditionellen Frisuren, die sich je nach ethnischer Zugehörigkeit oder gar unter den verschiedenen Clans einer Ethnie unterscheiden: kraus und kurz oder lang in abstehenden Zöpfen oder Knoten.

Einst war die Haartracht ein wesentliches Herkunftsmerkmal und damit einhergehend auch für die Männer wichtig bei der Brautwahl.

Heute sind Haare nicht nur für Friseurinnen wie Birugi ein gutes Geschäft. Der Handel rund um das Kunsthaar und dessen Pflegeprodukte ist einer der führenden Wirtschaftssektoren auf dem afrikanischen Kontinent. An den Wänden der Friseursalons hängen alle möglichen Varianten von Haarverlängerungen: Kunst- oder auch Echthaar, vom Pferd oder gar vom Mensch – Hauptsache es ist glatt. Dabei gibt es eine enorme Bandbreite – auch beim Preis.

Synthetische Strähnen können umgerechnet nur ein paar Euro kosten, für unbehandeltes Echthaar als Verlängerung oder gar Perücke muss frau schon bis zu hundert Euro oder gar mehr hinlegen.

Eine nigerianische Sängerin hat im Interview zugegeben, sie habe sich für umgerechnet fast 2.000 Euro eine Echthaarperücke anfertigen lassen. Sprich: Auch heute ist das, was frau auf dem Kopf trägt, noch immer ein Statussymbol.

Globale Handelsströme. Haar ist zudem ein Wirtschaftszweig geworden, in welchem enorm viel Geld umgesetzt wird und globale Handelsströme sichtbar werden: Das meiste Haar, ob synthetisch oder echt, kommt aus Asien nach Afrika. Das teure menschliche Echthaar stammt aus Indien, oft aus den Hindu-Tempeln, wo Köpfe geschoren werden.

Synthetisches Haar wird in China hergestellt. Das Wirtschaftsinstitut Euromonitor International schätzt den Umsatz mit Haarpflegeprodukten wie Shampoo allein in Südafrika, Nigeria und Kamerun auf über eine Milliarde US-Dollar. Der Absatz von Kunst- und Echthaar für Verlängerungen und Perücken wird auf über sechs Milliarden Dollar pro Jahr geschätzt, Tendenz steigend.

Selbst in denjenigen Ländern, wo ein Großteil der Menschen unter der Armutsgrenze lebt, geben Frauen noch immer einen signifikanten Teil ihres Geldes für Haare aus.

Ein Großteil der Produkte wird jedoch nicht in Afrika hergestellt. Führend sind noch immer europäische Marken wie L’Oréal oder Unilever. Doch auch indische und chinesische Hersteller drängen immer mehr auf den Markt.

Haar ist eines der Haupt-Importprodukte der Ostafrikanischen Gemeinschaft. Afrikanische Haar-HändlerInnen kaufen oft bis zu hundert Kilo in Dubai ein, dem Handelsknotenpunkt zwischen Asien und Afrika.

Aus Afrika für Afrika. Neu ist, dass jetzt in Afrika selbst lokale Hersteller das Haar für sich entdeckt haben und damit den Weltmarktgiganten Konkurrenz machen. In Uganda produziert die Firma „Darling Hair“ Kunsthaar für ganz Ost- und Zentralafrika und unterhält rund 200 Arbeitsplätze – die meisten Angestellten sind Frauen.

Friseursalons wie der von Birugi sind demnach Zentren, in denen die Globalisierung in Afrika deutlich sichtbar wird – nicht nur was Schönheitstrends anbelangt, sondern auch die wirtschaftliche Situation und Integration des Kontinents in den Welthandel.

Simone Schlindwein lebt und arbeitet seit zwölf Jahren in der Region der Großen Seen in Afrika als freie Journalistin für Print, Radio und Fernsehen.

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