„Größere Bedeutung als die Vereinten Nationen“

Von Redaktion ·

Das Weltsozialforum (WSF), das bereits auf eine zehnjährige Existenz zurückblickt, ist das am weitesten fortgeschrittete Begegnungszentrum der Zivilgesellschaften des Südens. Südwind-Redakteur Werner Hörtner im Gespräch mit Leo Gabriel, Mitglied des Internationalen Rats des WSF.

Südwind: Die großen Weltsozialforen haben bis jetzt ausschließlich in Lateinamerika, Asien und Afrika stattgefunden. Kann man sie als so etwas wie ein Begegnungszentrum der Zivilgesellschaften des Südens bezeichnen?
Leo Gabriel:
Die ursprüngliche Idee des Weltsozialforums war, dass es aus der Sicht des Südens eine Reaktion gegenüber dem Norden geben sollte – wenn man das überhaupt mit diesen Begrifflichkeiten von Norden und Süden zusammenfassen kann. Es war eine Antwort auf das Weltwirtschaftsforum in Davos in der Schweiz. Es ist bezeichnend, dass diese Antwort Fuß gefasst hat in Porto Alegre in Brasilien und nicht in Seattle oder in Paris oder sonst wo. Aber dort waren eben die Voraussetzungen gegeben, eine Plattform zu schaffen, wo sich alle, die sich gegen den neoliberalen Umbau und gegen den Krieg auflehnten, zusammengefunden haben, und das waren eben federführend Organisationen aus dem Süden.

Vor allem aus Lateinamerika, zumindest beim ersten Forum 2001.
Sehr stark aus Lateinamerika, ja. Aber es ist immer so, dass von der Region, in der das Forum stattfindet, der Großteil der Teilnehmerinnen und Teilnehmer kommt
Man kann das Weltsozialforum nicht als eine Art UNO verstehen, wo eigentlich jeder in funktionärshaftem Gehabe sein Land oder seine Kultur vertritt.
Auch die Themenstellungen sind immer wieder von den Regionen bestimmt, wo das Treffen stattfindet.

Haben sich nach den ersten Weltsozialforen dauerhafte Beziehungen zwischen sozialen, zivilgesellschaftlichen Bewegungen des Südens gebildet?
Ja, und ganz besonders nach den Foren in Mumbai (Bombay) und in Nairobi. Dort hat sich gezeigt, dass Konzepte, die in Lateinamerika, in Porto Alegre gewachsen sind, dann zu Allianzen geführt haben. Zum Beispiel mit den afrikanischen Bauernorganisationen, die zuvor selbst untereinander wenig Kontakt gehabt haben. Durch dieses Ferment von außen hat es eine Stimulierung gegeben, so dass sich plötzlich die Ernährungssouveränität in Afrika als Konzept durchgesetzt hat. Es wurde dann in der Schlusserklärung festgehalten, es gehe jetzt darum, den inneren Organisationsprozess in Afrika, der teilweise recht „zurückgeblieben“ war, in Schwung zu bringen.

Früher verliefen die Süd-Süd-Beziehungen auf institutioneller, auf staatlicher Ebene: die antikolonialistische Bewegung, die Blockfreienbewegung, die G-77. Werden in Zukunft die zivilgesellschaftlichen Bewegungen die Träger einer Süd-Süd-Kooperation sein?
Ich würde sagen, jetzt stärker denn je. Wenn wir uns zum Beispiel die Szene beim Klimagipfel in Kopenhagen anschauen, so war die Staatengemeinschaft, wenn man das aus der Perspektive eines Marsmenschen betrachtet, total chaotisch und desorganisiert. Die haben sich völlig auseinander dividiert an verschiedenen Bruchlinien: Europa und USA, Europa/USA zusammen gegen die neuen Großmächte wie Brasilien, China, Indien u.a., dann Venezuela und Bolivien gegen den Norden und so weiter. Und es ist nichts dabei herausgekommen. Hingegen hat die Zivilgesellschaft schon im Vorfeld einen einheitlichen Mobilisierungsprozess durchgeführt, was gar nicht so einfach war, weil die meisten dieser zivilgesellschaftlichen Organisationen auf das ökologische Thema gar nicht so eingespielt waren. Plötzlich haben sie sich mit der weltweiten ökologischen Krise auseinander gesetzt, und es ist dann etwas herausgekommen, was nun unter dem Motto steht: „Change the system and not the climate.“ Die dahinterstehende Aussage ist, dass es innerhalb der neoliberalen Rahmenbedingungen keine Rettung für die Erde gibt.
Ich analysiere das so, dass die Staaten, die Politiker und Politikerinnen sich strukturell im Weg stehen, indem sie nie diese Optik des „von unten“ gehabt haben. Ich glaube, die Zivilgesellschaft, von der das Weltsozialforum eine der Ausdrucksformen darstellt, ist jetzt eine Avantgarde gegenüber der Staatengemeinschaft, und diesem Forum kommt perspektivisch eine größere Bedeutung zu als den Vereinten Nationen.
Leo Gabriel, österreichischer Anthropologe, Journalist, Buchautor und Filmemacher, nebenbei auch Vorstandsmitglied des Vereins Südwind Entwicklungspolitik, ist seit 2001 Mitglied des Internationalen Rats des WSF und war bis jetzt bei allen Weltsozialforen anwesend. In diesem Rat sind etwa 50 stimmberechtigte AktivistInnen vertreten.

Gegenwärtig ist er mit der Vorbereitung des 5. Österreichischen Sozialforums (www.sozialforum-asf.at) beschäftigt, das vom 13. bis 16. Mai in Leoben stattfinden wird; Istanbul ist dann vom 1. bis 4. Juli Schauplatz des Europäischen Sozialforums.

Welche praktischen Beispiele einer dauerhaften Süd-Süd-Zusammenarbeit gibt es denn?
Das erste und auch größte Beispiel einer solchen Zusammenarbeit ist Via Campesina, die internationale Bauernorganisation, die weltweit Zigmillionen Bäuerinnen und Bauern vereint. Interessant, dass nicht die Gewerkschaften, nicht die modernen Produktionsprozesse diejenigen sind, die den Mobilisierungsprozess der Zivilgesellschaft vorangetrieben haben, sondern die, die von der Basis, von der Scholle her kommen.
Was mir immer ein Anliegen ist, sind diese geopolitischen Brennpunkte. Und da war das Weltsozialforum ein Begegnungszentrum zwischen dem irakischen Widerstand, den Menschen, die überall in den arabischen Ländern unter die Räder ihrer hausgemachten Diktatoren gekommen sind, und der weltweiten Anti-Kriegs-Bewegung. Das hat gezündet und ist zu einer globalen Plattform geworden, die in Europa viel zu wenig gewürdigt wurde.
Man kann sagen, diese Kämpfe haben nicht viel gebracht, denn die Kriege gehen weiter, aber es kommt darauf an, wer den längeren Atem hat.

Trotz aller Fortschritte habe ich den Eindruck, dass es bei den zivilgesellschaftlichen Süd-Süd-Beziehungen wesentlich mehr Kooperation geben könnte. Wird das Weltsozialforum initiativ, um mehr transkontinentale Zusammenschlüsse zu erreichen?
Der Internationale Rat, das höchste Entscheidungsgremium des Forums, wird von Vertreterinnen und Vertretern aller Regionen bestückt, mit einem gewissen Überhang der Brasilianer und den Europäern als quantité negligeable. Also zwischen den Kontinenten gibt es schon eine gewisse Ausgeglichenheit. Aber dass auf dem Niveau der Kontinente selbst nicht so viel getan wird in Richtung Zusammenarbeit, hat auch mit den jeweiligen Schwerpunktsetzungen zu tun. In Sri Lanka war und ist der Krieg das beherrschende Thema, im Nahen Osten ebenso. Aber was zum Beispiel die Frage der ökonomischen Alternativen betrifft, die ja jetzt sehr diskutiert wird, so entstanden hier, im Bereich der Solidarischen Ökonomie, Netzwerke, die den ganzen Globus umspannen.

Und wie schaut es derzeit aus mit der Bewegung, was sind die nächsten Aktivitäten?
Das Weltsozialforum fand erstmals 2001 in Porto Alegre und danach alljährlich statt. Ab nun wird das große Treffen alle zwei Jahre abgehalten, und in den Zwischenjahren gibt es eine Reihe von Veranstaltungen, die sich auf allen Kontinenten mit der Krise in einem umfassenden Sinn auseinandersetzen. Das nächste Welttreffen findet Ende Jänner 2011 in Dakar in Senegal statt.
Im kommenden April findet in Cochabamba in Bolivien – auf Einladung von Präsident Evo Morales – ein Treffen sozialer Bewegungen aus aller Welt mit einem ökologischen Schwerpunkt statt. Diese Bewegungen werden sich dort auf das Kopenhagen-Nachfolgetreffen vom November 2010 im mexikanischen Badeort Cancún vorbereiten.
Es freut mich ganz besonders, dass dieses große und wichtige Treffen in Bolivien möglich ist, denn von allen diesen fortschrittlichen Präsidenten Lateinamerikas oder auch weltweit ist Morales der einzige wirkliche waschechte Sozialforumsaktivist. Ich kann mich noch erinnern, wie er bei den Versammlungen gesessen und bei den Demonstrationen mitgegangen ist, wo seinen Namen noch niemand gekannt hat.

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