Grüne Schatzkammer in Gefahr

Für Chinas Naturwälder gilt seit der Jahrhundertflut vor fünf Jahren ein umfassendes Abholzungsverbot. Dafür plündern chinesische Unternehmen jetzt die Tropenwälder anderer Länder. Zum Beispiel jene von Surinam in Südamerika – eines der letzten unberührten Regenwaldgebiete der Erde. Karl-Heinz Raach (Fotos), Dietmar Telser (Text)

Von Dietmar Telser
Willkommen im „Fort Vietnam“: Zwei Unterstände mit Palmblattdächern mitten im Regenwald von Surinam. In krakeliger Schrift wurde dem Dschungelcamp der Armee dieser Name gegeben. Ohne Funkgeräte und Jeep müssen zwei Soldaten an dem Vorposten der „National Army of Surinam“ ausharren. Sie tragen Tarnanzüge und Waffen und spielen so ihren Vietnamkrieg. Später werden sie erzählen, wie sie selbst einen Schreck bekommen hatten, als wir plötzlich aus dem Dschungel aufgetaucht waren.
Willkommen im „Fort Vietnam“. Von Krieg keine Spur. Spricht man den Schmächtigeren der beiden darauf an, zupft er verlegen an seinem Bärtchen und erzählt vom Camp der chinesischen Holzfäller, gleich hinter der Anhöhe. Seit mehr als einem Jahr fällt dort die „Ji-Sheng Forestry Company“ Tropenholz. Da die Abholzungs-Erlaubnis legal von der Regierung Surinams erworben wurde, müssen die Soldaten den Chinesen Schutz vor den BewohnerInnen des Regenwaldes gewähren. Sie müssen also die chinesischen Holzfäller beschützen, während diese den Lebensraum der einheimischen Bevölkerung zerstören.

Surinam in Südamerika, Teil des „Guyana-Schildes“, dem nordöstlichen Urwald des Amazonasbeckens. Mehr als 90 Prozent der ehemaligen holländischen Kolonie sind von Regenwald bedeckt. Im Tropenwald südlich der Hauptstadt, am Oberlauf des Surinam-Flusses, haben im 18. Jahrhundert geflohene schwarze SklavInnen, die Saramakaner, eine Heimat gefunden. Der Einfall der chinesischen Holzunternehmen könnte „das Ende für eine der vielleicht kreativsten Kulturen der afrikanischen Diaspora bedeuten“, sagt der Anthropologe Richard Price aus Virginia, USA.
Rund 25.000 SaramakanerInnen leben heute in den 70 Dörfern am Fluss. Menschen wie Guillaume Huur. Ein kleiner geschäftiger Schwarzer mit großen runden Brillengläsern und gehetztem Blick – Inhaber des einzigen Ladens der Gegend: „Groot + klein Handelssaak.“ Eine Bretterbude, wenige Kilometer vom Chinesen-Camp entfernt, wo die rotsandige Straße von der Hauptstadt Paramaribo am Surinam-Fluss endet. Wo der Nebel des Dschungels die Menschen in ihren Pirogen verschluckt und andere ausspuckt. Sogar solche, die das Land noch nie gesehen hat: „Wilde“ Indianer aus dem Süden des Landes – und vor einigen Wochen angeblich auch einen bärtigen Taliban-Kämpfer im Kampfanzug und mit schweren Gewehren. „Sie müssen es mir glauben“, sagt einer im Gemischtwarenladen.
Bei Huur kaufen die Dschungel-BewohnerInnen Mehl in 45-Kilo-Säcken, warmes Bier in Einliterflaschen, Sardinenbüchsen und weißen Rum, bevor sie wieder in der grünen Hölle verschwinden. An den Wänden hängen Fußballposter von Edgar Davids und Clarence Seedorf, den gebürtigen Surinamern im Trikot der holländischen Nationalelf. Strom gibt es keinen. Abends stellt Huur Kerzen auf den Tresen.
Huur hat den Buschkrieg zwischen den Schwarzen und der Regierung in den 80er Jahren überlebt, von dem heute keiner mehr weiß, weshalb er begonnen hatte und wie er zu Ende ging. Sein Laden wurde geplündert und niedergebrannt, Huur in ein Dschungel-Straflager gesteckt und gefoltert. Schwer verletzt konnte er flüchten, wanderte nach Holland aus und kam zurück, als auch der Frieden wieder zurückgekehrt war. Den Buschkrieg hat Huur überlebt, aber die Chinesen, die vor gut zwei Jahren in seinem Wald aufgetaucht sind, fürchtet er wie die Cholera.
„Ich wollte ja bloß zur Jagd“, sagt er. Dorthin, wo er mehrmals in der Woche Gürteltiere und wilde Eber jagte. Aber dort standen plötzlich Soldaten: „Hier dürfen Sie nicht weiter – holen Sie sich in der Hauptstadt eine Erlaubnis von den Chinesen.“ Und als Huur tatsächlich eine Genehmigung beantragte, hieß es: „Warum, Huur, warum wollen Sie unbedingt auf unserem Land jagen?“ „Verstehen Sie?“, meint Huur, „das sagt ein Chinese, der nicht mal meine Sprache spricht und unser Land von jemandem gekauft hat, den wir nicht kennen“. „Nie mehr werde ich jagen“, sagt er.

Bisher drohte dem Urwald geringe Gefahr. Der erst 1992 beendete Bürgerkrieg hielt ausländische Holzunternehmen lange Zeit fern. Doch seither werden immer mehr Gebiete zum Holzeinschlag freigegeben. Besonders China bemüht sich um die Einschlagkonzessionen. Die Volksrepublik braucht Holz. Seit der Jahrhundertflut 1998 mit mehr als 3.000 Toten gilt für die Naturwälder des Landes ein umfassendes Abholzverbot. Mehr als eine Milliarde Menschen können aber nicht plötzlich auf Holz verzichten. Schon gar nicht in den boomenden Metropolen Peking und Schanghai. Während der Verbrauch an Tropenhölzern in den einstigen Marktbeherrschern Europa und Japan stagniert oder sinkt, wächst der chinesische Holzmarkt rasant. In den letzten fünf Jahren haben sich die Importzahlen des Landes verfünffacht. 1999 überholte China Japan und ist seither führendes Importland tropischer Harthölzer.
Mit ihren Nissan-Trucks und Bulldozern sind sie so in die letzten grünen Schatzkammern der Erde vorgedrungen. Sie bevorzugen Länder mit starker Auslandsverschuldung und hohen Arbeitslosenraten, beobachtet Fergus MacKay, Jurist für Menschenrechtsfragen der britischen Umwelt- und Menschenrechtsorganisation Forest Peoples Programme. Länder mit meist unzureichenden Kontrollen der Forstgesetze und geringer Steuerbelastung. Länder wie Surinam. Die Regierung zieht dabei kaum Nutzen aus den Verträgen. Zu schlecht seien diese ausgehandelt, und die geringen Einnahmen würden kaum sinnvoll reinvestiert, stellten Nigel Sizer und Dominiek Plouvier in einer Studie der Naturschutzorganisation WWF fest.

Natürlich geht es bei der Auseinandersetzung vor allem um Landrechte: Wem gehört der Wald? Denen, die dort seit jeher leben, oder doch dem Staat? „Surinam ist das einzige Land der Erde, das diese Rechte nicht einmal auf dem Papier anerkennt“, sagt Fergus MacKay. Das Land befindet sich im Besitz des Staates, „die Bewohner des Waldes sind juristisch gesehen Besatzer eines Stückes Land und werden bestenfalls geduldet“, so der Jurist.
Die Saramakaner berufen sich hingegen auf das so genannte Sara Creek Abkommen: Dabei wurde ihnen 1762 vom ehemaligen holländischen Kolonialherren die Souveränität über die Waldgebiete am Surinam-Fluss übertragen.
International präsentiert sich der Staat als Vorbildnation in Sachen Regenwaldschutz. So wurde 1998 unter Beifall der Weltöffentlichkeit das größte Naturschutzgebiet der Welt mit 1,6 Millionen Hektar Tropenwald dekretiert. „Mit dem Ergebnis, dass sich niemand mehr dafür interessiert, was außerhalb der Grenzen des Naturschutzgebietes geschieht“, kritisiert MacKay. Kontrollen der Behörde seien selten, monieren Umweltschützer. Zu viele Aufsichtsstationen und Geländewagen der Forstbehörde wurden im Buschkrieg zerstört.

Man findet die Forstbehörde im Martin-Luther-King-Weg in einem Vorort der Hauptstadt Paramaribo: ein modernes Gebäude mit weiten Fenstern und Großraumbüros. An Schreibtischen sitzen uniformierte Forstbeamte und hacken auf ihre Schreibmaschinen.
„Ach verschonen sie doch die armen Chinesen“, sagt Iwan Krolis, der Generaldirektor der Behörde. Ein sanftmütiger Mann, der lange nachdenkt, bevor er spricht. In den neunziger Jahren hatte er die ersten Verträge mit ausländischen Holzunternehmen ausgehandelt. „Die armen Chinesen“, seufzt er dann noch einmal: „Niemand hält sich so genau an die Vorschriften wie die.“ Einheimische, die selbst Holz verkaufen wollen, würden die Chinesen in den Medien anschwärzen, meint er. Überhaupt: Von knapp 15 Millionen Hektar Tropenwald seien gerade vier Millionen zur Abholzung freigeben. „Das ist doch nicht viel, oder?“ „Und finden Sie es gerecht, dass gerade zehn Prozent der Bevölkerung den ganzen Dschungel, also 90 Prozent des Landes, für sich beanspruchen?“, setzt der Direktor nach.

Sancho Adosi findet es ungerecht. Mit seinem himmelblauen klapprigen Ford-Traktor ist er ein gefragter Mann im Dschungel. Hier – eine Tagesreise südlich der Hauptstadt, wo kaum jemand motorisiert ist und sich nur Wagen mit Vierradantrieb durch den schlammigen Boden wühlen können. Wer Holzpaneele für den Bau seiner Hütte transportieren muss oder einen dicken Stamm für den Bootsbau benötigt, der kommt zu Adosi, dem Mann mit dem Traktor.
Aber dort, wo früher Adosis Traktor zum Einsatz kam, liegt heute das Territorium der Chinesen. Der Zutritt ist den Saramakanern untersagt. „Wir dürfen nicht mehr in unseren Wald“, klagt Adosi. Vor knapp fünf Jahren haben sich die „Captains“ von knapp 60 Saramaka-Dörfern zur Vereniging van Saramakaanse Gezagdragers (VSG) zusammengeschlossen. Mit Hilfe von Fergus MacKay wurde im Oktober 2000 die Interamerikanische Menschenrechtskommission (CIDH) in Washington angerufen. Tatsächlich gab es im Vorjahr eine Aufforderung der Kommission, vorläufig keine Abschlag-Konzessionen mehr im Land der Saramakaner zu gewähren. „Wir sind zuversichtlich“, sagt MacKay. Kommt es zu keiner Einigung, wird der Konflikt vom Interamerikanischen Menschengerichtshof in San José, Costa Rica, behandelt.

Dietmar Telser, geboren in Südtirol, Studium der Germanistik in Wien, Göttingen und Hamburg. Lebt als freier Journalist in Hamburg. Gemeinsam mit dem Fotografen Karl-Heinz Raach (siehe auch www.raach-foto.de) unternahm er eine dreiwöchige Recherchereise

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