Gute Sache, gute Geschäfte

Große humanitäre NGOs und transnationale Konzerne sind sich verdächtig nahe gekommen. Eine Analyse von NI-Autor Ian Brown.

Dass Unternehmen internationale NGOs finanzieren, ist nichts Neues. CARE USA arbeitet seit drei Jahrzenten mit Coca-Cola zusammen. „Wir sind überaus dankbar für das Vertrauen, das mitfühlende Spender und Partner in uns setzen“, heißt es im CARE-Jahresbericht 2013. Wichtige Geldquellen für CARE sind auch die Waffenhersteller General Electric und Boeing und die Bekleidungsmarken Nike und Gap. Auch Oxfam ist „stolz, bei der Partnerschaft zwischen Unternehmen und NGOs an vorderster Front zu stehen“. Deutlicher als Save the Children kann man es aber nicht sagen: „Eine Kooperation mit Save the Children bei der Vermarktung eines neuen oder bestehenden Produkts könnte ihren Umsatz steigern, ihr Profil stärken und ihre Kundenbasis erweitern.“

Aber handelt es sich bei diesen Partnerschaften tatsächlich um eine Win-win-Situation, wie die NGOs und ihre Geldgeber aus der Privatwirtschaft behaupten, oder gibt es Verlierer?

Eine solche Partnerschaft besteht zwischen Save the Children und dem Pharmakonzern GlaxoSmithKlein (GSK). Seit 2011 hat Save the Children von einer GSK-Initiative profitiert, die vorsieht, 20 Prozent der vom Unternehmen in den ärmsten Ländern erzielten Gewinne (ein Bruchteil des Konzerngewinns von 7,5 Mrd. US-Dollar in 2013) in Projekte zum Ausbau der Gesundheitsinfrastruktur und zur Unterstützung der Erforschung und Entwicklung von kinderfreundlichen Medikamenten zu investieren. Eine Million Kinder in einigen der ärmsten Länder Afrikas, so versichert die NGO auf ihrer Website, würden von dem „bahnbrechenden“ Deal mit GSK profitieren.

Was auf der Website allerdings nicht erwähnt wird, ist eines der weniger kinderfreundlichen Produkte von GSK – das Antidepressivum Paxil (Seroxat/ Paroxetin). 2012 zahlte GSK im Rahmen eines Vergleichs mit der US-Regierung drei Mrd. Dollar, nachdem das Unternehmen strafrechtliche Vergehen eingestanden hatte, darunter die Bestechung von ÄrztInnen und die Bewerbung von Paxil für die Behandlung von Kindern, obwohl das Medikament dafür nicht geeignet und nicht zugelassen war. „Wir würden nie zu einem Thema schweigen, bloß weil wir eine Partnerschaft mit einem bestimmten Unternehmen haben. Das wäre ein klarer Verstoß gegen unsere Werte“, behauptet Save the Children. Auf Nachfrage des „New Internationalist“ gab die NGO zu, dass „wir Kenntnis von Berichten über die Probleme in Zusammenhang mit Paxil hatten … aber es ist unsere Überzeugung, dass die Vorteile der Partnerschaft die Risiken überwiegen“.

Oxfam und Unilever. Die Oxfam-Vision einer Welt, in der alle genug zu essen haben, ist in der Kampagne „Behind the Brands“ („Hinter den Marken“) verkörpert, die verspricht, „Menschen (…) jene Informationen zu vermitteln, die sie benötigen, um die Big 10 [globalen Lebensmittel- und Getränkehersteller] zur Rechenschaft zu ziehen“. Einer davon ist Unilever, dem Oxfam bis vor kurzem zu Recht kritisch gegenüberstand. „Was Landrechte betrifft, lässt das bisherige Verhalten [von Unilever] einiges zu wünschen übrig“, schrieb Oxfam noch Anfang Oktober 2014 auf seiner Website. Tatsächlich will Unilever im Rahmen seiner Grundsätze einer „Verantwortlichen Beschaffung“ von 80 Prozent seiner Zulieferer verlangen, das Recht von Frauen auf Landbesitz zu respektieren – allerdings erst ab Ende 2017. Erst kürzlich brummte die Europäische Kommission Unilever eine Geldstrafe von 120 Mio. Dollar auf, weil das Unternehmen zusammen mit Procter & Gamble ein Preiskartell in Europa gebildet hatte.

Trotz dieser Kritik hilft Oxfam im Rahmen des Programms „Corporate Engagement“ dem transnationalen Konzern dabei, „tausende von Kleinbauern in seine weltweite Lieferkette zu integrieren“. Ist das wirklich ein innovativer Weg zur Beseitigung der Armut oder hilft Oxfam bloß einem reichen Unternehmen, auf Kosten armer Bäuerinnen und Bauern noch reicher zu werden?

Care und Nike. Ebenso schwärmt CARE USA von der Zusammenarbeit mit transnationalen Konzernen. „[Wir] sind überzeugt, dass dynamische Partnerschaften entscheidend für die Lösung globaler Herausforderungen sind. (…) Die Nike Foundation ist ein solcher Partner; sie hat sich verpflichtet, 1,6 Prozent ihres Vorsteuergewinns für gute Zwecke zu spenden.“

Im Jahr 2000 wurde in einer BBC-Dokumentation aufgedeckt, dass in einem kambodschanischen Zulieferbetrieb von Nike Kinder arbeiteten und schlechte Arbeitsbedingungen herrschten. Nike wurde schon seit den 1990ern von der ganzen Welt wegen der ausbeuterischen Zustände in seiner Lieferkette gegeißelt, doch sogar noch 2013 gab Nike an, dass die arbeitsrechtlichen Mindeststandards des Unternehmens von einem Drittel seiner Zulieferbetriebe mit bis zu 300.000 Beschäftigten noch immer nicht eingehalten wurden.

Ist Nike tatsächlich ein „mitfühlender“ Partner, auf den man stolz sein kann, wie uns CARE glauben machen will? Oder sind alle drei NGOs ein zu enges Naheverhältnis zu großen, skrupellosen Konzernen eingegangen und ziehen es vor, groß angelegte medienwirksame Programme zu inszenieren, die Bedürftige mit Lebensmitteln und Medikamenten versorgen und den Konzernen höhere Gewinnmargen bescheren – auf Kosten von Basisarbeit, die die strukturellen Ursachen von Armut bekämpfen könnte?

Hilfe beim Weißwaschen. Wie nahe sich die Konzerne und die internationalen Hilfsorganisationen schon gekommen sind, lässt sich am Führungspersonal der NGOs erkennen. Alex Cummings ist sowohl Finanzchef von CARE USA als auch Vizepräsident von Coca-Cola. Der Personalchef von Save the Children, Paul Cutler, arbeitete früher für den Pharmakonzern GSK. Marjorie Scardino, Mitglied des Kuratoriums von Oxfam Großbritannien, steht auf der Forbes-Liste der Superreichen und ist Mitglied des Aufsichtsrats von Nokia, einem Partner von Oxfam.

Viel schwerer wiegt jedoch der Vorwurf, große internationale NGOs würden als Legitimitätsbeschaffer für Unternehmen wie GSK, Coca-Cola, Nike und Unilever dienen anstatt sie für ihr schwerwiegendes Fehlverhalten zur Rechenschaft zu ziehen. Für transnationale Konzerne ist Corporate Responsibility kaum mehr als der Preis, den sie für das Weißwaschen ihres Images zu bezahlen haben. Sind denn NGOs wirklich gezwungen, dabei mitzumachen?

Copyright New Internationalist

Ian Brown war 15 Jahre lang für Hilfsprogramme von Oxfam, der Mines Advisory Group und von terre des hommes verantwortlich.

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