Ha Jin: Verrückt

Von Ann-Kathrin Guyer
Aus dem Amerikanischen von Susanne Hornfeck. Deutscher Taschenbuchverlag, München 2004, 316 Seiten; EUR 15,-

Wir befinden uns in einer Universitätsstadt in China im Jahr 1989. Professor Yang, einer der angesehensten Literaturwissenschafter des Landes, ist mit einem Schlaganfall in die Klinik eingeliefert worden. Jian, der talentierteste von Yangs Studenten und Verlobter seiner Tochter Meimei, muss die Betreuung für den Lehrer übernehmen, obwohl seine Abschlussprüfungen in nur wenigen Wochen stattfinden.
Der einst zum Konterrevolutionär gestempelte Yang hat sich während der Kulturrevolution unzähligen Schikanen nicht gebeugt. Doch nun verlässt ihn sein Kampfgeist. Er sieht sich nicht mehr als der frei denkende Intellektuelle, sondern nur noch als auswechselbares Rädchen im Getriebe des Machtapparates.
Durch die Entfesselung seiner Gefühle und Gedanken überschreitet Yang sowohl politische wie auch gesellschaftliche Tabuzonen. Ob der Professor den Verstand verloren hat, oder ob er in seinen wirren Reden Wahres berichtet? In wilder Heftigkeit rezitiert er alte chinesische Poesie, Dantes göttliche Komödie, besingt eine Geliebte, fleht seine Peiniger um Gnade an oder trällert Revolutionshymnen vor sich hin.
Jian ist mal der hingerissene Zuhörer für Yangs Fantastereien, dann wieder wird ihm so übel, dass er aus dem Krankenzimmer flüchten muss. Im Laufe der Zeit wandelt sich sein Wertesystem. Vom pflichtbewussten, leistungsorientierten Studenten wird er zum kritisch denkenden jungen Mann. Plötzlich steht nicht mehr die Karriere als Akademiker im Vordergrund, sondern die Frage, wie er sein Leben sinnvoll gestalten könnte.
Der spannende Roman vermittelt ein eindrucksvolles Bild der Lebensumstände der Intellektuellen im kommunistischen China zur Zeit der Studentenrevolten. Ob Autor Ha Jin, der im Jahre 1985 emigrierte Literaturprofessor an der Boston University, aus seiner eigenen Lebensgeschichte erzählt? Nach seinem mit dem National Book Award und anderen Preisen ausgezeichneten Erstlingsroman “Warten“ ist „Verrückt“ sein zweites Werk in Romanform.

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