Heißer Boden

Warum es sich lohnt, über Kultur zu diskutieren.

Von Irmgard Kirchner
In den letzten Monaten des Jahres 2000 bewegte die so genannte Leitkultur-Diskussion unser Nachbarland Deutschland. Die CDU nahm diesen Begriff in ihr Grundsatzpapier zur Zuwanderung auf und machte die Forderung der Unterordnung (der MigrantInnen) unter die "deutsche Leitkultur" (in einem zweiten Anlauf "Leitkultur in Deutschland" genannt) zur Parteilinie.

Eine Leitkultur-Diskussion wie in Deutschland scheint uns hierzulande erspart zu bleiben. (Klingt auch nicht wirklich imposant: "österreichische Leitkultur".) Das ist erfreulich und zu bedauern zugleich: erfreulich, weil es dabei nicht um Kulturen, sondern eben um die Leitkultur geht.

In Deutschland haben Medien und Oppositionsparteien aufgezeigt, dass es fatal ist, in Zeiten ausufernden Rechtsextremismus eine derartige Debatte anzuzünden. Paul Spiegel, der Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland, stellte berechtigterweise die Frage: "Ist es etwa deutsche Leitkultur, Fremde zu jagen, Synagogen anzuzünden, Obdachlose zu töten?"

Der Begriff der Leitkultur spiegelt unerträglich den Überlegenheitsanspruch der eigenen Kultur wider. Bedauerlich ist, dass mit der Leitkulturdebatte hierzulande auch eine Kulturdiskussion vermieden wird. Die heimischen "ausländerfreundlichen" politischen Gruppierungen mögen darüber erleichtert sein: Schließlich muss eine Kulturdiskussion auf einem sehr abstrakten akademischen Niveau geführt werden. Deren Ergebnisse und Argumente könnten - bis zur Verfälschung vereinfacht und verkürzt - von Rechtspopulisten politisch instrumentalisiert werden

Es ist ein heißer Boden, den zu betreten es sich dennoch lohnt. Die Frage des Miteinanders der Kulturen ist eines der Zukunftsthemen im Zeitalter zunehmender Globalisierung, internationaler Verflechtung und Migrationen.

Die Bedingungen des Zusammenlebens von Menschen unterschiedlicher Kulturen bewegen die Gemüter in ganz Europa. Es ist zu befürchten, dass in der heißen Phase des Wiener Gemeindewahlkampfes eine Partei wieder mit ihrem Verständnis von Leitkultur auf Stimmenfang geht.

Der zweite Teil des SÜDWIND-Themas zu Globalisierung widmet sich der Frage der Zukunft der Kulturen. Wir wünschen uns eine lebendige KulturDiskussion - zumindest innerhalb der Entwicklungspolitik. Dass dort eine tiefergehende Kulturdiskussion noch relativ jung ist, liegt sicher auch an den wichtigsten geistigen Wurzeln der Dritte-Welt-Bewegung hierzulande: dem Internationalismus der Linken und der christlich-katholischen Ethik. Die Linke vernachlässigte Kultur als herrschaftslegitimierendes "Überbauphänomen", das in seiner Bedeutung der ökonomischen Basis unterzuordnen sei. Die Katholiken mit ihrem weltweiten Missionierungsanspruch gehen von einer Überlegenheit ihrer eigenen Religion aus.

Entwicklungszusammenarbeit kann niemals kulturneutral sein: Man will Frauen "ermächtigen" (und damit traditionelle Rollen ändern), Einkommen schaffen (damit die Monetarisierung vorantreiben), "Good governance" (und damit die westlichen politischen Standards) stärken, führt bislang unbekannte Geräte, Technologien und Organisationsformen ein etc.

Bei Kulturen gehe es nur um kleine Differenzen, meint der Kulturanthropologe Andre Gingrich im SÜDWIND-Interview (siehe Seite 38). Man dürfe diese allerdings auch nicht wegdiskutieren.

Einen positiven Aspekt hat der Begriff der Leitkultur: Er ist ehrlich, denn er legt offen, dass es beim Zusammentreffen von Kulturen immer auch um Machtausübung geht. Und über Macht spricht man nicht gerne (schon gar nicht in der Entwicklungszusammenarbeit), die hat man.

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