Ihr Bauch ist umkämpft

Unsichere Schwangerschaftsabbrüche sind noch immer eine der häufigsten Todesursachen von Frauen weltweit. Warum Abtreibung auch 2020 ein hochpolitisches Thema bleibt.

Von Christine Tragler

„Vom Staat getötet“: Rund um den Globus gehen Frauen für das Recht auf Abtreibung auf die Straße (hier: Rio de Janeiro).© Silvia Izquierdo / AP / picturedesk.com

Eine junge Frau wurde im vergangenen Jahr nach 33 Monaten hinter Gittern in El Salvador freigesprochen. Evelyn Beatriz Hernández war erst 18 Jahre alt, als sie 2017 zu 30 Jahren Haft verurteilt wurde. Ihr Verbrechen: Sie hatte eine Fehlgeburt.

Das religiöse Land hat eines der weltweit strengsten Abtreibungsgesetze. Seit 1997 sind in El Salvador Schwangerschaftsabbrüche unter allen Umständen verboten, auch bei Vergewaltigung, Inzest und in Fällen, in denen Lebensgefahr für die Frau besteht, sowie bei tödlichen Erkrankungen des Fötus. Frauen, die ihr Kind verlieren, wird häufig eine illegale Abtreibung unterstellt und Mord zur Last gelegt.

Was nach einer Episode aus dem dystopischen Roman „The Handmaid's Tale“ (Report der Magd) rund um eine patriarchale, christlich-fundamentalische Diktatur der Schriftstellerin Margaret Atwood klingt, ist für salvadorianische Frauen Realität.

So auch für Hernández, die ausgesagt hatte, von einem Bandenmitglied wiederholt vergewaltigt worden zu sein und von der Schwangerschaft nichts gewusst zu haben. Die Staatsanwaltschaft glaubte ihr nicht und befand sie wegen Mordes an ihrem ungeborenen Sohn für schuldig.

Im August 2019 hob der Oberste Gerichtshof den Schuldspruch gegen sie aus Mangel an Beweisen auf. Jedoch ist das Verfahren, das international für Betroffenheit sorgte, noch nicht abgeschlossen. Die Generalstaatsanwaltschaft hat im Herbst 2019 erneut Rechtsmittel gegen das Urteil eingelegt.

Die Geschichte von Hernández ist kein Einzelfall. Die Frauenrechtsorganisation „Las 17 y mas“ (Die 17 und mehr) weiß von mindestens 16 Frauen, die sich derzeit aufgrund ähnlicher Fälle in salvadorianischen Gefängnissen befinden. Aktivistinnen zufolge kommen sie alle aus sehr armen Verhältnissen. „Las 17 y mas“ setzt sich für eine Entkriminalisierung von Abtreibungen in El Salvador ein.

Dieser Kampf wird weltweit geführt, in vielen Ländern sind Schwangerschaftsabbrüche bis heute illegal. In Lateinamerika und Afrika gelten die strengsten Regeln dazu weltweit.

Gefährliche Verbote. Die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs gilt als Meilenstein für die Selbstbestimmung der Frau – und bleibt eine wichtige Forderung der Frauenrechtsbewegungen weltweit.

Laut den Zahlen des New Yorker Center for Reproductive Rights leben 59 Prozent der Frauen im gebärfähigen Alter in Ländern, in denen Abtreibung weitgehend erlaubt ist, während 41 Prozent mit einer restriktiven Gesetzgebung konfrontiert sind (vgl. Weltkarte S. 10-11).

Einschränkende Gesetze führen jedoch nicht zu weniger Abbrüchen. Das zeigt eine Studie des US-amerikanischen Guttmacher-Instituts, einer gemeinnützigen Organisation für reproduktive Gesundheit. Ob eine Abtreibung straffrei oder verboten ist, wirkt sich nicht signifikant auf die Abbruchrate aus.

Aber: Rigide Abtreibungsvorschriften erhöhen das Gesundheitsrisiko. Unsichere Schwangerschaftsabbrüche sind noch immer eine der häufigsten Todesursachen von Frauen weltweit. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO sterben jedes Jahr 23.000 Frauen infolge von Komplikationen.

Wichtiges Detail dabei: Fast jeder Tod durch Abtreibung könnte durch Sexualaufklärung, Zugang zu wirksamen Verhütungsmitteln und sichere Abtreibungsmöglichkeiten sowie durch die rechtzeitige Behandlung von Komplikationen verhindert werden.

Die Rolle der Kirche. Es sind nicht nur drakonische Gesetze, die die Situation für ungewollt schwangere Frauen und Mädchen verschärfen. Es ist ein Kampf, der die Gesellschaft als Ganzes betrifft. So sind es etwa seit jeher Kirchen, die diese Verbote stützen.

Carolina Francisca Reyes Velasquez ist seit 15 Jahren in der Sozialarbeit tätig und arbeitet mit Jugendlichen in der Gemeinde Choloma, einer Stadt im Nordwesten von Honduras. Wie im Nachbarland El Salvador wird auch in Honduras jede Form der Abtreibung geahndet, selbst die Einnahme der Pille danach ist verboten.

Über die Rolle der Kirche in Sachen Schwangerschaftsabbruch sagt sie gegenüber dem Südwind-Magazin: „Die sogenannte Pro-Life-Bewegung bekommt mit ihrem christlichen Diskurs immer mehr Zulauf“, so Reyes Velasquez „Die Regierung hört auf die Argumente der evangelikalen Kirchen im Land. Das Thema sexuelle und reproduktive Gesundheit ist aus den Lehrplänen gestrichen worden, weil die Kirche das so wollte.“

Dass Abtreibung auch in der Bevölkerung als Sünde gewertet werde, sei Teil einer christlich-konservativen Ideologie.

„Abtreibung wird von den Menschen in Honduras aus einem sehr moralischen Blickwinkel betrachtet. Die Frauen werden dafür verurteilt“, betont Reyes Velasquez.

Die feministische Gruppe „Somos Muchas“ (Wir sind viele) will das ändern. Mit einer Kampagne möchte sie eine breitere Diskussion im Land anzetteln. Ihre Parole lautet: „Sexuelle Aufklärung, um zu entscheiden. Verhütung, um nicht abtreiben zu müssen. Legale Abtreibung, um nicht zu sterben.“

Eine Forderung, die sie mit der feministischen Bewegung teilt, die gegenwärtig in zahlreichen Städten Lateinamerikas auf die Straßen geht. Denn Abtreibung ist am lateinamerikanischen Kontinent nur in fünf Ländern, Uruguay, Kuba, Guyana, Französisch-Guyana und Puerto Rico, innerhalb einer bestimmten Frist erlaubt.

Die Aktivistinnen von „Somos Muchas“ versuchten zudem, Kongressabgeordnete dazu zu bewegen, im Zuge einer Reform den Strafrahmen für Vergewaltigung nicht zu reduzieren. Bisher ohne Wirkung, im Gegenteil: „Die Regierung hat fast alle Strafen herabgesetzt. Es gibt nun kaum mehr gesetzlich verankerte Strafen für Gewaltdelikte gegen den weiblichen Körper“, erläutert Reyes Velasquez.

Gewalt durch Machismo. Sexuelle Gewalt richtet sich vor allem gegen Frauen und Mädchen, aber auch Homosexuelle, Transgender und Bisexuelle sind davon betroffen. Teenager-Schwangerschaften kommen im internationalen Vergleich in Honduras besonders häufig vor.

Die Wiener Sozialanthropologin Bernadette Schausberger hat im vergangenen Jahr für eine internationale Organisation eine Studie zum Thema Abtreibung verfasst.

Dafür sprach sie mit vielen Frauen vor Ort. Ein 16-jähriges Mädchen aus Choloma berichtete Schausberger etwa: „Hier in Honduras bekommen kleine Mädchen im Alter von zwölf Jahren, wenn sie schwanger werden, Babys, ohne sie zu wollen. In diesem Alter will niemand ein Baby.“

Kaum eines der zahlreichen Interviews kommt ohne den Begriff Machismo aus. „Machismo, der Männlichkeit mit übermäßigem Alkoholkonsum, häuslicher Gewalt, dem Bestehen auf Kinder als Hinweis auf Potenz und der Überlegenheit gegenüber Frauen in Verbindung bringt, ist ein wichtiger Faktor für das Verständnis des Lebens der Menschen in Orten wie Choloma“, so die Anthropologin in ihrer Studie. „Abtreibung ist ein sehr politisches Thema“, sagt Schausberger. Es gehe um Kontrolle über Körper und Sexualität von Frauen und Mädchen.

Auch in Atwoods „The Handmaid’s Tale“ aus 1985 steht die Kontrolle der Gebärfähigkeit im Zentrum. Die fiktive Handlung: Im totalitären Staat Gilead, in dem Frauen völlig entrechtet sind, ist ein großer Teil der Bevölkerung unfruchtbar. Die wenigen Frauen, die noch Kinder gebären können, werden gewaltsam dazu gezwungen. Seit 2017 läuft „The Handmaid‘s Tale“ in Form einer mehrfach preisgekrönten Fernsehserie beim US-Videoportal Hulu. Aktivistinnen rund um den Globus nutzen diese Aufmerksamkeit und treten bei Protestaktionen in den roten Gewändern der „Handmaids“ auf.

Frage der Menschenrechte. Politisch umkämpft ist das Thema Abtreibung auch am afrikanischen Kontinent. In fast allen Ländern herrscht ein Verbot. Von den 55 afrikanischen Staaten ist der Schwangerschaftsabbruch nur in fünf bis zu einem gewissen Zeitraum erlaubt: Südafrika, Guinea-Bissau, Kap Verde, Mozambique und Tunesien. Zumindest laut Gesetz. De facto existieren auch in diesen Ländern viele Hindernisse, die den Zugang zu einer legalen Abtreibung in einer Klinik erschweren (vgl. Interview mit Marion Stevens S. 13).

„Abtreibung muss als Menschenrechtsthema gesehen werden“, sagt Mirriam Nthenge. Sie arbeitet als Beraterin für Anwaltschaft im Center for Reproductive Rights in Nairobi, Kenia. Im ostafrikanischen Land haben Frauen nur dann legale Möglichkeiten, wenn eine Ärztin oder ein Arzt bestätigt, dass die Gesundheit der Schwangeren gefährdet ist. Schätzungsweise vier Frauen und Mädchen sterben jeden Tag an unsicheren Abbrüchen.

Diese Statistik sowie der Tod der bekannten kenianischen Menschenrechtsaktivistin Caroline Mwatha im Februar 2019 haben eine breitere Debatte über Abtreibung in Kenia ausgelöst. Die 37-Jährige galt mehrere Tage als vermisst, bis ihre Leiche in Nairobi gefunden wurde.

Während die Regierung die Nachricht verbreitete, sie sei an einer unsicheren Abtreibung verblutet, gehen Menschenrechtsorganisationen und ihre Familie von Mord aus. Schließlich sei es nicht das erste Mal gewesen, dass eine Menschenrechtsaktivistin verschwinde und später tot aufgefunden werde, so die Sicht ihrer MitkämpferInnen.

„Das Hauptproblem in der Geschichte von Caroline Mwathas Tod ist das Stigma, das die Erwähnung von Abtreibung reproduziert“, sagt Nthenge. Diese Stigmatisierung mache Frauen mundtot. Denn: Ein Thema, dass derart mit Scham belegt ist, wird nicht viele Kämpferinnen finden. Nthenge ist überzeugt: „Es geht nicht darum, ob sie eine Abtreibung gemacht hat oder nicht, sondern dass Abtreibung als Waffe benutzt wird, um Menschenrechtsaktivistinnen zum Schweigen zu bringen.“

Druck der Frauenbewegung. „Je me suis fait avorter“ (Ich habe abgetrieben) titelte 1971 die französische Wochenzeitschrift Le Nouvel Observateur. Damals gaben 343 Französinnen öffentlich bekannt, abgetrieben zu haben, also gegen geltendes Recht verstoßen zu haben. Damals wie heute kommt das Sprechen über Abtreibung einem Tabubruch gleich. Inspiriert von der Kampagne folgten Wochen später 374 Frauen in Deutschland. „Wir haben abgetrieben“ war am Titelblatt des deutschen Stern-Magazins zu lesen.

Mit der Parole „Mein Bauch gehört mir“ forderten in Österreich autonome Frauenorganisationen gemeinsam mit Sozialdemokratinnen Selbstbestimmung darüber, ob sie Kinder haben möchten oder nicht. Mit Erfolg: 1975 wurde hierzulande der Schwangerschaftsabbruch entkriminalisiert.

Es herrschte Aufbruchstimmung. In den 1970er Jahren wurde aber nicht nur in Frankreich, Italien, Deutschland, Kanada und USA, sondern auch in China, Kuba und Indien die sogenannte Fristenregelungen eingeführt, die den Zugang zu Abtreibungen innerhalb einer bestimmten Frist erleichterte.

Bereits vor 100 Jahren erließ die Russische Sowjetrepublik, Vorläufer der 1922 gegründeten Sowjetunion, als erstes Land der Welt ein Gesetz, das Abtreibungen in die Hände von ÄrztInnen legte und diese 1920 nicht nur straffrei, sondern auch kostenlos ermöglichte.

Hintergrund: Damals starben immer mehr Frauen an unsicheren Abbrüchen, die Zahl der Waisen und ausgesetzten Kinder war dramatisch gestiegen. Das Gesetz wurde zwar 1936 in der UdSSR aufgehoben, trat aber 1955 wieder in Kraft.

Aufgrund der heimlichen Abtreibungen und der hohen Müttersterblichkeit reagierte auch Island früh und legalisierte 1935 als erstes europäisches Land die Abtreibung bis zur zwölften Woche.

Ihre Entscheidung. Knapp 50 Länder haben in den vergangenen 25 Jahren ihre Gesetze liberalisiert. Was Schwangerschaftsabbrüche betrifft, sind die Entwicklungen weltweit aber sehr unterschiedlich. Etwa in den beiden bevölkerungsreichsten Ländern Asiens: In China befördert die Regierung Schwangerschaftsabbrüche von unverheirateten Frauen. In Indien werden vornehmend weibliche Föten abgetrieben.

Bewegungen finden auch in entgegengesetzten Richtungen statt. In Nordamerika zum Beispiel: Während es in Kanada seit 1988 weder Fristen noch andere gesetzliche Beschränkungen für Abtreibungen gibt, wurde in den USA 2019 der Zugang stark beschränkt. Dort, wo rechte Parteien erstarken, wird schnell auch der Schwangerschaftsabbruch zum Thema gemacht, sagt Rebecca Gomperts. „Wir sehen das in Polen, Ungarn, der Türkei, Russland und den USA.“

Die niederländische Gynäkologin hat 1999 die Nonprofit-Organisation „Women on Waves“ gegründet. Auf internationalen Gewässern hat die NGO seither Frauen auf ihrem Schiff zu sicheren Abtreibungen verholfen, etwa in Irland, Marokko und Guatemala.

In manchen Ländern, wie in Portugal und Spanien, hat sie damit sogar Gesetzesänderungen bewirkt. „Wir wollten für die Frauen sichtbar machen, dass die restriktive Realität in ihren Ländern nicht die Realität auf der ganzen Welt ist – und dass es Medikamente für einen sicheren Abbruch gibt.“

Im Jahr 2005 gründete sie „Women on Web“, eine Online-Plattform, die Informationen über verfügbare Medikamente weitergibt und das Versenden von Abtreibungspillen organisiert. Und auch schon mal eine Drohne mit Medikamenten von Deutschland nach Polen fliegen lässt. Polen verfügt über eines der striktesten Gesetze Europas. Für Gomperts steht fest: „Die Einführung der Abtreibungspille hat die Situation radikal verändert und vielen Frauen das Leben gerettet.“

Ähnlich sieht das Sarah Diehl. Die Berliner Publizistin und Aktivistin arbeitet seit 15 Jahren zum Thema Reproduktive Rechte im internationalen Kontext und hat u.a. den Dokumentarfilm „Abortion Democracy: Poland/South Africa“ gedreht. Diehl ist Teil von „Ciocia Basia“ (Tante Barbara), einer Gruppe Aktivistinnen, die ungewollt Schwangere aus Polen dabei unterstützt, in Berlin sichere Schwangerschaftsabbrüche durchzuführen.

Dass Frauen die Kontrolle über ihre Gebärfähigkeit genommen wurde – über ihre Sexualität und ihren Körper –, bezeichnet sie als die „Ursuppe an Leid und Ungerechtigkeit in dieser Welt“. Es sei verrückt, Frauen zu verbieten, existenzielle Entscheidungen über ihre Körper und ihre Zukunft selbst zu treffen. Wer, wenn nicht die betroffenen Frauen, wüssten über ihre Kapazitäten Bescheid und könnten die Konsequenzen einer Mutterschaft einschätzen, fragt sie.

Mit der Abtreibungspille werde es zunehmend unwesentlich, welche Gesetze herrschen, so Diehl, denn Schwangerschaftsabbrüche könnten selbstständig vorgenommen werden. „Frauen erhalten dadurch wieder Gestaltungsspielräume.“

Die Utopie der Aktivistin: „Dass Gebärfähigkeit nicht mehr mit Ängsten, Kontrolle und Zwang verbunden ist, sondern mit Schönheit und Stärke. Und: Die Bedürfnisse von schwangeren Frauen sollten im Vordergrund stehen, egal was sie wollen – ob Geburt oder Abtreibung.

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