Indígenas im Wienerwald

Wahrscheinlich wird diese Kolumne erst ab dem 27. Dezember gelesen. Denn vorher ist ja diese Zeit im Jahr, in der man still und besinnlich Vollgas gibt, dass es nur so rauscht. Auch in den Büros der Spenden sammelnden Organisationen. Telefone läuten, E-Mail-Boxen sind überfüllt und der Zivildiener verbringt inzwischen ganze Tage nur mehr in der Post. „Und dann kommen vor Weihnachten noch alle auf die Idee, irgendwas Soziales machen zu wollen. Irgendwas Soziales!“, stöhnt Gregor Menschenfreund. „Das ist ja so was von undifferenziert, irgendwas Soziales! Ich geh ja auch nicht zum Billa und sag, ich will was kaufen!“

Gregor ist Fundraiser und im Dezember echt an der Grenze. Ein Benefiz-Event jagt das nächste und die Agenturen, mit denen man zusammenarbeitet, machen es einem auch nicht leicht. „Ursprünglich wollten wir eine Benefizveranstaltung für bedrohte Indígenas im Regenwald organisieren. Sagt doch glatt der superschlaue PR-Berater von der Agentur: Der Regenwald ist so weit weg. Da können sich die Leute nicht identifizieren. Wieso macht ihr nicht einen Event für bedrohte Indígenas im Wienerwald?“

Und auch die E-Mails, die dauernd hereinkommen, machen Gregor zu schaffen. Ein deutscher Aktivist will sich vernetzen und hat die Xing-Gruppe „Wir machen Ökosex“ gegründet. Er will das Thema Nachhaltigkeit erotisch aufpeppen. „Aber warum vor Weihnachten?“, stöhnt Gregor. „Oder hier dieses E-Mail: Ich hoffe es ist Ihnen bewusst, dass ich DIE Diplomarbeit zum Thema Regenwald geschrieben habe.“ Der Absender hat ein Gedicht eines Indígena-Führers übersetzt und beendet sein Schreiben mit folgender Frage: „Könnten Sie das Gedicht nicht vertonen und Dagmar Koller bitten, dass sie es beim Life-Ball vorträgt?“

Weil Gregor sonst keine Probleme hat, ruft eine Spenderin an. Sie wäre bereit, die Kinderpatenschaft für 15 Kinder zu übernehmen, wenn alle Kinder auf Anastasius-Ludmilla getauft werden. Dann würde sie auch die selbstgestrickten Jacken nach Afrika fliegen. Und weil es eh schon egal ist, kommt auch noch Hans Niedergrub ins Büro geschneit, ein Mann mit einer Berufung. Auf seiner Visitenkarte steht: Führer aller Volksgruppen in Turkmenistan, Tadschikistan, Ossetien und Hintergeorgien, sowie aller oppositioneller Gruppen in Vorderafrika (mit phrygisch byzanthischen Wurzeln) sowie aller nordamerikanischer Indígenas mit burgenländischem Einfluss. „Gregor, sagt er, gehst du mit auf einen Benefizpunsch?“ „Auf mehrere“ sagt Gregor und meldet vorsichtshalber gleich einen Tag Krankenstand an. 

Georg Bauernfeind ist Kabarettist und Publizist in Wien. Programm und Termine auf www.georg-bauernfeind.at

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