Warum es indigene akademische Lehre braucht

Von Kristina Kroyer · ·
Eliel Benites, indigener Lehrer und Direktor der Faculdade Intercultural Indígena (FAIND). Foto: FAIND

Welche Bedeutung Schulbildung und Universitätsprogramme haben und welche Herausforderungen in westlich geprägten Bildungssystemen liegen, erklärt Eliel Benites, Direktor der Indigenen Fakultät in Dourados im Bundesstaat Mato Grosso do Sul, Brasilien, im Interview.

Wie lange gibt es die indigene Fakultät in Dourados und welche Rolle spielt sie für die Guaraní im Mato Grosso do Sul?

Die Ursprünge der indigenen Fakultät in Dourados, kurz FAIND, sind mit der indigenen Schulbildung verbunden, deren Idee in den 1980er Jahren geboren wurde. Zu dieser Zeit gab es große indigene Bewegungen, auch bei den Guaraní, die das Recht auf eine indigene Bildung als grundlegendes Element forderten. Mit der Verankerung des Rechts in der brasilianischen Verfassung von 1988 wurde auch die Kategorie der indigenen Schule offiziell geboren. Damit entstand ein Bedarf an indigenen Lehrerinnen und Lehrern, sodass um das Jahr 2000 die ersten Ausbildungsprogramme gegründet wurden.

Im Jahr 2006 machten die Absolventinnen und Absolventen den Vorschlag, einen höheren Studiengang einzuführen. Das Hauptziel der FAIND ist es, Guaraní-Kaiowá-Lehrerinnen und -Lehrer aus der Perspektive einer interkulturellen pädagogischen Praxis auszubilden, die nicht-indigenes akademisches Wissen mit der traditionellen Kultur und indigenen Weltanschauung verbindet. So wird die Erinnerung der Ältesten und Vorfahren in der Lehre und Forschung inkludiert, um das traditionelle Wissen im Kontext der Schule zu stärken und neuen Generationen näher zu bringen.

Wie kann man sich eine indigene akademische Lehre vorstellen, wenn doch die Wissenschaft aus der westlichen Tradition kommt?

Unsere heutige Realität basiert auf der kolonialen Beziehung zu einer Gesellschaft, die uns Guaraní-Kaiowá Raum und Territorium wegnimmt. Diese Beziehung drückt sich auch in der Mentalität ganzer Generationen aus. Die Älteren sind die Hüter des traditionellen Wissens, der Weisheit, der Erinnerung. Der interkulturelle Zugang dient dazu, die Bedeutung traditioneller indigener Werte zu einem Leitelement für die Gesellschaft im Allgemeinen zu machen. Wenn man zum Beispiel die Bedeutung des Waldes, des Wassers, der Umwelt, der traditionellen Religiosität, der Kollektivität, der Menschlichkeit und Menschenwürde in den akademischen Bereich, in die Schule und in die Medien einbringt, dann kann dies dazu beitragen, Vorurteile abzubauen, die der historische, koloniale Prozess verursacht hat. Die Grund- und Hochschule soll uns also helfen, unsere Werte nach innen und nach außen sichtbar zu machen.

Welche Herausforderungen sehen Sie für die indigene (Hoch-)Schulbildung in Mato Grosso do Sul?

Die größte Schwierigkeit ist es, die brasilianische Gesetzgebung in die Praxis umzusetzen. Das gilt für die Schule genauso wie für die Universitäten. Wir haben eine Verfassung, die das Recht auf Vielfalt garantiert. Zum Beispiel das Recht auf Territorialität und das Recht, kulturelle Werte zu leben und zu pflegen. Dies wird jedoch nicht eingehalten, auch nicht im Bildungsbereich. In Wirklichkeit werden halbe Sachen gemacht: Die pädagogische Praxis in vielen indigenen Schulen ist konventionell, nicht-differenziert und nicht-spezifisch. Und diese konventionelle, westliche Praxis wird von den indigenen Lehrer*innen selbst reproduziert. Weil die Idee der differenzierten Bildung, die das Ergebnis des historischen Kampfes der indigenen Völker ist, trotz ihrer gesetzlichen Verankerung nicht ernst genommen wird. Die ursprüngliche Idee der indigenen Schulbildung war die einer kontinuierlichen Reflexion und Neukonstruktion. Doch das würde eine Umstrukturierung des alten Modells staatlicher Bildungspolitik erfordern, welche nie stattgefunden hat.

Wie würde eine tatsächliche indigene Schule aussehen?

Die indigene Realität ist nicht einheitlich. Jede Gemeinde hat ihre eigenen Besonderheiten entsprechend der lokalen Ökologie und Ökosysteme, der sozialen und der großfamiliären Organisationsformen. Staatliche Behörden müssten die indigene Pluralität berücksichtigen, selbst innerhalb einer Ethnie wie die der Guaraní-Kaiowá. Unsere Werte sind vielfältig und unterschiedlich. Die Schulbildung, von der wir geträumt haben, sollte diese Pluralität gewährleisten und fördern und auf diese Weise traditionelle Werte durch den Unterricht wiederherstellen. Die Schule heutzutage scheint aber einer Norm folgen zu müssen – ein und dasselbe Modell, das alle Menschen unabhängig ihrer Herkunft nach demselben Muster behandelt.

Gleichzeitig wurden die Werte der Guaraní-Kaiowá über ein Jahrhundert hinweg zerstört. Was wir heute haben, ist eine „disziplinierte Schule“, eine Schule, in der es eine hierarchische Leitung gibt, in der die Lehrpläne und die Schulpolitik von staatlichen Instanzen vorgeschrieben werden.

Die Schule konnte auch keine Lösung für die Abhängigkeit von der ausbeutenden Arbeit auf den Zuckerrohrplantagen erzielen. Was hat sie dem Volk der Guaraní-Kaiowá dann gebracht?

Wir mussten feststellen, dass die Schule kaum transformative Wirkung für unser Volk hat. Ein signifikanter Wandel würde erst eintreten, wenn der brasilianische Staat den Guaraní-Kaiowá Gemeinden die Gebiete, von denen sie vertrieben wurden, zurückgeben würde. Wir können nicht von einer „Rückkehr zu den traditionellen Werten“ sprechen, ohne den Ort bzw. das Territorium zu haben, um diese leben zu können. Was die Schule jedoch erreicht hat ist, dass viele junge Führungspersonen ihre Rechte einfordern. Die in der Schule erlernte Sprache, Schrift und der Umgang mit neuen Technologien hilft dabei.

Heute ist es üblich, dass Missstände angeprangert werden. Das hat dazu geführt, dass die indigene Bevölkerung sowohl auf regionaler wie nationaler Ebene ein zentrales Thema geworden ist. Selbst die derzeitige Regierung (unter dem rechtsextremen Jair Bolsonaro, Anm. d. Red.) muss über indigene Fragen sprechen.

Und auf Ebene der Gemeinden und Familien: Welchen Stellenwert haben die Schulen?

Die Schule ist auch ein Ort, an dem Gemeindemitglieder Verpflegung finden und auch Arbeit – zwar wenig, aber es gibt sie. Das bedeutet aber auch, dass die Schule eine neue Elite in der Gemeinde hervorbringt. Man muss bedenken, dass es sich nicht um traditionelle Dörfer handelt, sondern um Reservate. Lehrerin, Lehrer sein ist eine Möglichkeit, eine Führungsrolle zu übernehmen und somit auch, sich als Politikerin oder Politiker im Reservat zu etablieren. Daher ist die Schule auch ein Ort, an dem es zu politischen Auseinandersetzungen kommt.

Jedenfalls lässt sich beobachten, dass die meisten Kinder durch die Schule vorrangig Zugang zur nicht-indigenen Welt bekommen. Es ist schwierig zu sagen, inwiefern sie durch Schule das traditionelle Wissen wertschätzen. Es gibt viele Widersprüche im Reservat. Der religiöse Radikalismus etwa (vorrangig der evangelikaler Kirchen, die in den vergangenen Jahrzehnten an Einfluss gewonnen haben, Anm. d. Red.) wird immer stärker. Die Schule ist kein Gegengewicht zu diesen Entwicklungen. Sie vermag es nicht, die komplexe Realität in den Reservaten zu adressieren.

Interview: Kristina Kroyer

Eliel Benites ist indigener Lehrer und Direktor der Faculdade Intercultural Indígena (FAIND) der Bundesuniversität von Grande Dourados in Dourados, der zweitgrößten Stadt im Bundesstaat Mato Grosso do Sul, Brasilien.
FAIND muss immer wieder um Ressourcen kämpfen, aktuell droht ein finanzieller Abbau. Die Finanzierung der „Indigenen Fakultät“ für das nächste Studienjahr ist nicht gesichert.

Kristina Kroyer arbeitet in der zivilgesellschaftlichen Entwicklungszusammenarbeit. In den Jahren 2012, 2013 und 2019 forschte und arbeitete sie in Mato Grosso do Sul, Brasilien, zu Fragen der Jugend, Bildung, staatlichen Programmen und NGO-Projekten beim Volk der Guaraní-Kaiowá.

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