„Israel ist kein sicherer Ort“

Israel gewährt de facto kein Asyl, schiebt aber Flüchtlinge mancher Länder aus humanitären Gründen nicht ab. Was das für die Menschen heißt, erklärt Mutasim Ali, vormals Direktor des African Refugee Development Center (ARDC), Christina Bell im E-Mail-Interview.

Mutasim Ali (28) lebt seit 2009 in Israel. Über seinen Asylantrag wurde noch nicht entschieden.

Südwind-Magazin: Warum sind Sie selbst geflüchtet?
Mutasim Ali: Ich habe Darfur wegen des Krieges und des von der sudanesischen Regierung begangenen Völkermords verlassen. Ich musste nach Khartum flüchten, um mich in Sicherheit zu bringen und um mein Geologie-Studium fortsetzen zu können. Nachdem ich mich als Aktivist für Darfur eingesetzt habe, war ich drei Mal in Einzelhaft. Die Sicherheitskräfte des Sudan haben alle möglichen physischen und psychologischen Foltermethoden gegen mich und andere Regimegegner eingesetzt. Man bedrohte mich mit dem Umbringen, wenn ich nicht kooperieren würde.

Im April 2009 flüchtete ich nach Ägypten. Als einige meiner Landsleute festgenommen und abgeschoben wurden, beschloss ich, nach Israel zu gehen, da es keine Beziehungen mit dem Sudan unterhält und als erstes Land anerkannt hat, dass in Darfur ein Völkermord stattfindet. Ich glaubte, dass ich dort Schutz finden würde, bis sich die Situation in meiner Heimat verändert hätte und ich zurückkehren könnte.

Was geschah bei Ihrer Ankunft?
Ich kam im Mai 2009 nach Israel,  wurde umgehend in das Gefängnis Saharonim gebracht und dort viereinhalb Monate festgehalten. Im ersten Monat ersuchte ich um Asyl, und man sagte mir, dass es so etwas wie Asyl in Israel nicht gäbe.

Nach der Freilassung gab man uns ein Busticket nach South Tel Aviv, einem der ärmsten Stadtviertel. Wir erhielten so genannte „Conditional release“-Visa (vorübergehende Aufenthaltsgenehmigung trotz gültigem Abschiebungsbescheid, Anm.), was bedeutet, dass wir kein Recht auf Sozialleistungen oder Gesundheitsversorgung hatten und auch nicht arbeiten durften. Wir hingen also quasi in der Luft, und die Situation wurde für die ohnehin benachteiligte israelische Bevölkerung in South Tel Aviv zunehmend untragbar. Außerdem hetzten israelische Politiker, darunter der Premierminister, der Innenminister und Knesset-Abgeordnete, gegen afrikanische Asylwerber. Sie benutzten etwa den Begriff „infiltrators“ (übersetzt „Eindringlinge“, sinngemäß illegale Einwanderer, Anm.), stellten uns als Kriminelle dar, als Gefahr für die Gesellschaft, als Krebsgeschwür in ihrem Körper.

Wie ist Ihre Situation jetzt?
Was wir erleben, ist kein gewöhnlicher Rassismus. Es ist Strategie der Regierung, uns das Leben zur Hölle zu machen, wie es der frühere Innenminister Eli Jischai angekündigt hat. Nachdem der Grenzzaun fertiggestellt war und keine Leute mehr kamen, beschloss die Regierung ein Gesetz nach dem anderen, um uns zu zwingen, das Land im Rahmen einer so genannten „freiwilligen Rückkehr“ zu verlassen, aber die Gesetze wurden vom Obersten Gerichtshof abgeschmettert. Sie bauten eine neue Unterkunft namens Holot, um das Problem mit der Überforderung der Stadtviertel zu lösen, um die 50.000 afrikanischen Asylwerber zum Verlassen des Landes zu zwingen und andere davon abzuschrecken, nach Israel zu kommen. Derzeit sind dort rund 2.200 Leute aus dem Sudan und aus Eritrea untergebracht, nur Männer. Ich bin seit sieben Monaten und zwei Wochen hier.

Was erwarten Sie sich von der Zukunft?
Meinen Asylantrag habe ich vor zweieinhalb Jahren gestellt. Bis jetzt wurde darüber nicht entschieden. Menschen aus dem Sudan und aus Eritrea können zwar nicht abgeschoben werden, aber dennoch bezeichnen sie uns als illegale Einwanderer. Mir ist klar, dass die Situation im Stadtviertel problematisch ist, aber uns in Holot festzuhalten, wird das Problem nicht lösen.

Mit entsprechenden Aufenthaltsgenehmigungen könnten wir in Würde leben und uns auch anderswo niederlassen, damit wäre das Problem mit der Konzentration in einem einzigen Viertel gelöst. Letztes Jahr begannen wir mit Demonstrationen, und wir werden alle friedlichen Mittel nutzen, bis sich etwas ändert. Wie uns die Regierung auch immer bezeichnet, wir müssen endlich wie Menschen behandelt werden! Wir haben viele israelische Freundinnen und Freunde, Aktivisten, NGOs und Menschen aus dem Viertel, die uns mit aller Kraft unterstützen. Das ist der Grund, warum ich es weiter für sinnvoll halte, unsere Aktivitäten fortzusetzen, um die Haltung der Regierung zu ändern.

Was würden Sie heute tun, wenn Sie in derselben Situation wie 2009 wären?
Israel ist zweifellos kein sicherer Ort für Flüchtlinge. Wäre ich in derselben Situation wie 2009, würde ich bleiben und gegen das terroristische Regime in Khartum kämpfen. Es ist besser, im eigenen Haus in Würde zu sterben als im Haus eines anderen gedemütigt zu werden.

Übersetzung: Robert Poth

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