Kern der Entwicklung

Von Camila Pińeiro Harnecker ·

Die Regierung Chávez hat sich dem Modell einer „Entwicklung von innen“ verschrieben. Genossenschaften spielen dabei eine zentrale Rolle, berichtet NI-Autorin Camila Piñeiro Harnecker.

Ich kam im Juli 2005 nach Caracas, mit ein paar Kontaktadressen und ziemlich besorgt darüber, wie ich mir einen Überblick über die rund 70.000 Kooperativen verschaffen sollte, die damals in Venezuela existierten. Als Chávez 1998 an die Macht kam, gab es bloß 762. Nun gibt es sie überall. Innerhalb weniger Stunden traf ich auf vier: eine Gruppe von KünstlerInnen in der Nähe meines Hotels, FremdenführerInnen, die Kinder in einem Park unterhielten, das Reinigungsteam eines Bürogebäudes, in dem ich ein Interview machte, und sogar die TaxifahrerInnen vor meinem Hotel hatten gekündigt, um eine Genossenschaft zu gründen.
Zahlreiche lokale Verwaltungen, öffentliche Institutionen und Staatsunternehmen inklusive der Ölgesellschaft PDVSA versuchen, kleinen Unternehmen und insbesondere Genossenschaften Marktchancen zu eröffnen. Dazu wurden neue Ausschreibungsverfahren erarbeitet, die nicht gegen solche Anbieter diskriminieren. Einige dieser Unternehmen haben auch Beschäftigte privater Auftragnehmer dazu ermutigt, Genossenschaften zu bilden – etwa die CADELA, eine der fünf regionalen Filialen der staatlichen Elektrizitätsgesellschaft CADAFE, die Mitarbeiter der von ihr beauftragten Wartungs- und Sicherheitsfirmen.
Auch die meisten Stationen des staatlichen U-Bahn-Netzes in Caracas werden von Genossenschaften betreut, die von ehemaligen Beschäftigten privater Firmen gegründet wurden. Die Abteilung öffentliche Bauten der Gemeinde Libertador in Caracas hat die Bildung lokaler Ausschüsse auf Viertelebene, so genannter „Gabinetes de Obras Locales“ gefördert, die nicht nur über die nötigen Bauvorhaben entscheiden und ihre Ausführung überwachen, sondern auch bestimmen, welche lokale Genossenschaft den jeweiligen Auftrag erhält.

Die Förderung von Genossenschaften ist im Zusammenhang mit dem Modell einer „endogenen“ Entwicklung zu verstehen, zu dem sich die Chávez-Regierung bekennt. Es stützt sich weitgehend auf das Konzept einer „Entwicklung von innen“ des chilenischen Ökonomen Osvaldo Sunkel, der sich für eine Politik der Importsubstitution mit Prioritäten wie Gleichheit, menschliche Entwicklung, Rücksicht auf lokale Bedingungen und die Verwendung lokaler Ressourcen ausspricht. Insbesondere bekennt sich die Chávez-Regierung auch dazu, die Wirtschaft zu demokratisieren, Ungleichheit zu bekämpfen und die „sozialen Schulden“ gegenüber der armen Bevölkerung zu begleichen.
In der Praxis, insbesondere im Kontext der hohen Arbeitslosigkeit und des hohen Anteils der Beschäftigung im informellen Sektor, hat sich das Genossenschaftsmodell jedenfalls als wesentlicher Kern der Entwicklungsstrategie der Bolivarianischen Revolution herauskristallisiert.

Im März 2004 wurde ein neues Programm, die „Misión Vuelvan Caras“ eingeführt, das dem Genossenschaftsmodell mehr Substanz verleihen sollte. Zwischen Dezember 2004 und Mai 2005 schlossen mehr als 260.000 TeilnehmerInnen von „Vuelvan Caras“ eine zwischen sechs und zwölf Monate dauernde Ausbildung in technischen Fächern, Management, Geschichte, aber auch in Staatsbürgerkunde und Genossenschaftswerten ab. Fast 70 Prozent der AbsolventInnen gründeten in der Folge eigene Kooperativen oder Mikrounternehmen.
Mit dem 2006 gestarteten Programm Vuelvan Caras II sollen 700.000 StudentInnen rekrutiert und in 2.000 weiteren Genossenschaften organisiert werden.
Einige der Genossenschaften sind mittlerweile integraler Bestandteil so genannter „Núcleos del desarrollo endógeno“ (NUDEs; Zentren der endogenen Entwicklung). Sie können verschiedenste Unterstützung erhalten, etwa Land, Fabriksgebäude und Ausrüstungen, technische Hilfe oder – meist zinslose – staatliche Kredite. Mehr als 200 solcher Zentren sind geplant. Ich besuchte drei von ihnen, die in den Bereichen Industrie, Landwirtschaft und Tourismus tätig waren. Die meisten Mitglieder, mit denen ich sprach, hielten interne Kommunikationsprobleme für ihre größte Herausforderung, schienen aber zu hoffen, dass sie sich mit der Zeit und in der Praxis lösen lassen würden.

KritikerInnen verweisen auf Korruption im Umgang mit Kreditgeldern und Probleme mit „alteingesessenen“ BeamtInnen, die an keiner Veränderung interessiert sind oder sie sogar sabotieren. Die Regierung selbst räumt viele Mängel ein. Einige konventionelle Unternehmen haben sich in Genossenschaften verwandelt, um der Besteuerung zu entgehen, nicht um Macht an ihre MitarbeiterInnen abzugeben. Mitglieder der traditionellen Genossenschaftsbewegung argumentieren, die meisten Neugründungen wären dem Untergang geweiht, da sie auf staatliche Ressourcen angewiesen wären und nicht über die nötigen Kompetenzen verfügten.
Es ist aber noch zu früh, um ihre tatsächlichen Auswirkungen zu bewerten. Zweifellos haben sie zu einer Zunahme der formellen Beschäftigung und zum Wachstum der Wirtschaft außerhalb des Ölsektors beigetragen: Mitte 2006 waren nach Angaben der zuständigen Behörde, der SUNACOOP, bereits 1,5 Millionen Menschen in mehr als 108.000 Genossenschaften organisiert – damit stellt dieser Sektor bereits fünf Prozent aller Arbeitsplätze Venezuelas. Außerdem, ungeachtet ihrer kurzen Geschichte, haben viele ihre lokalen Gemeinschaften mit Spenden unterstützt, dringend benötigte Dienstleistungen erbracht und gerade den Ärmsten vorübergehend zu einem Job verholfen.
Doch selbst wenn die meisten Genossenschaften scheitern sollten, wäre das nicht notwendigerweise ein Indiz einer falschen Entwicklungsstrategie. Es würde eher nahe legen, dass Entwicklung vom Staat wirksam unterstützt werden muss, wenn es ein Entkommen aus dem Teufelskreis der Armut geben soll. Chávez selbst zitiert oft den berühmten Ausspruch des Lehrers von Simón Bolívar, Simón Rodríguez: „O inventamos o erramos“ – „Entweder wir schaffen Neues oder wir scheitern“.

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Camila Pińeiro Harnecke, geboren in Kuba, absolviert den Studiengang Lateinamerikastudien an der University of Berkeley in Kalifornien. Sie erforscht ua. die Auswirkung der partizipativen Demokratie auf die Entwicklung lokaler Gemeinschaften in Venezuela.

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