Kolumbien am Scheideweg

Werner Hörtner

Sachbuch. Rotpunktverlag, Zürich, 2013. 292 Seiten, € 27,-

Wenige Monate bevor sich Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos der Wiederwahl stellt, steht der Friedensdialog mit der größten Guerillaorganisation FARC auf der Kippe. Die Verhandlungen könnten unter dem Zeitdruck, den der Präsident aufgebaut hat, platzen. Der älteste bewaffnete Konflikt des Kontinents könnte aber auch bald schon friedlich beigelegt werden. Noch nie standen die Chancen so gut. Werner Hörtner, ein ausgewiesener Kolumbienkenner, legt nach seinem Einführungsband Kolumbien verstehen ein neues Buch nach, das hilft, den Friedensprozess und die Hindernisse für eine Verhandlungslösung besser zu verstehen. Er erklärt, woran frühere Dialogprozesse gescheitert sind und schildert, wie der Versuch der FARC, sich über eine politische Partei Macht zu erobern, im Blut von tausenden Amtsträgern, Kandidaten und Aktivisten erstickt wurde.

Die kolumbianische Armee hat es während der letzten Jahrzehnte verstanden, den blutig­sten Teil der Repression gleichsam an private AkteurInnen auszulagern. Sie bediente sich dafür der paramilitärischen Verbände, die als Selbstschutztruppen großer Viehzüchter entstanden waren, aber dank der Förderung durch die Politik zunehmend ein Eigenleben entwickelten und zu maßgeblichen Akteuren im Drogenhandel wurden. Als besonderer Freund der „Paras“ profilierte sich der spätere Präsident Álvaro Uribe Vélez, dem auch ein Naheverhältnis zu einigen Drogenbaronen nachgesagt wird. Mit den zwei Amtszeiten Uribes (2002-2010) beschäftigt sich der zweite Teil des Buches. Er erklärt, wie der Emporkömmling aus der Provinz Antioquia das alte Parteiensystem zertrümmerte und unter dem Schlagwort „demokratische Sicherheit“ die Demokratie immer mehr außer Kraft setzte. Tatsächlich gelang es ihm, die Sicherheit in den Städten und auf den Land­straßen nachhaltig zu verbessern und die Zahl der Geiselnahmen zu senken. Für Oppositionelle wie GewerkschafterInnen oder MenschenrechtsaktivistInnen bleibt Kolumbien aber ein gefährliches Land. Sollte der Friedensdialog wieder scheitern, dann versteht man nach Lektüre dieses Buches, warum.
Ralf Leonhard

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