Kritik der schwarzen Vernunft

Von Redaktion ·

Achille Mbembe

Aus dem Französischen von Michael Bischoff. Suhrkamp Verlag, Berlin 2014. 332 Seiten, € 28,80

Die zentrale These in Achille Mbembes neuem Buch ist eine starke Ansage: Dem globalen Kapitalismus – wie er ihm zufolge im fünfzehnten Jahrhundert im Kontext des transatlantischen Sklavenhandels entstand – war von Beginn an ein rassistisches Denken, eine „schwarze Vernunft“ eingeschrieben. Der Aufstieg Europas ging demnach einher mit der Schaffung der Figur des „Negers“, des „Menschen-Materials“, der „Menschen-Ware“. Zwischenzeitlich umfasste die Figur des „Negers“ die gesamte „subalterne Menschheit“. In diesem Prozess des „Schwarzwerdens der Welt“ bildeten indessen Europa und seine BürgerInnen nur noch eine weitere Provinz im weltumspannenden Imperium des neoliberalen Kapitalismus.

Die „Kritik der schwarzen Vernunft“ knüpft an viele Ideen und Gedanken früherer Bücher und Artikel Mbembes an. Dennoch wirkt das Buch streckenweise unaufgeräumt und unstrukturiert. Der Rezensent in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung bezeichnet es zurückhaltend als „opakes Buch“. Das ist wohl noch zu nett formuliert. Über weite Strecken herrscht eine wortreich verhüllte Inhaltsleere. Da hetzt ein geistreicher Hinweis auf die Belesenheit des Autors schon den nächsten. Der Text mäandert ziellos durch die Bruchstücke des Postkolonialismus. Oft fehlen jegliche Quellennachweise, gleichzeitig verzichtet der Autor auf jegliche (kritische) Begriffsarbeit. Und so muss man eben lapidar zur Kenntnis nehmen, dass unter Neoliberalismus offenbar „eine Phase in der Geschichte der Menschheit zu verstehen ist, die von Computerindustrien und Computertechnologien beherrscht wird“. Feststellungen, wonach der Panafrikanismus seinen Höhenpunkt im 19. Jahrhundert hatte und derzeit eine „Balkanisierung der Welt“ ansteht, lassen den Leser, die Leserin eher ratlos zurück. Selbst in der Erforschung der genetischen Grundlagen von Krankheiten sieht Mbembe nichts anderes als eine Bestätigung der Rassentypologien des 19. Jahrhunderts und warnt im Verschwörerton umgehend vor eine drohenden „Cyborgisierung“ der Menschen. An solchen Stellen wünscht man sich ein beherztes Lektorat durch den Verlag. Hier hätte man mit dem Autor wohl noch einiges zu klären gehabt.

Die (über-)großen Erwartungen, die ein Buchtitel wie „Kritik der schwarzen Vernunft“ aufbaut, werden hier jedenfalls nicht eingelöst. Mbembe präsentiert vielmehr eine Art Textsteinbruch, aus dem sich seine zahlreichen AnhängerInnen die passenden Kurzzitate sicherlich erlesen werden. Das große, fundamentale und zentrale Werk ist er jedenfalls schuldig geblieben.
Stefan Brocza

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