Kubas Götter

Von Redaktion ·

Nach der kubanischen Revolution vor einem halben Jahrhundert war die staatliche Haltung gegenüber religiösen Praktiken von Unterdrückung und Unduldsamkeit geprägt, heute herrschen Toleranz und Freiheit der Religionsausübung. Eine Reportage über Religion im sozialistischen Alltag Kubas von Andreas Boueke.

Einige kommen auf Knien gerutscht, andere ziehen riesige Steine, wieder andere kriechen wie Schlangen über den Asphalt. So machen sie das jedes Jahr am 17. Dezember. Die Pilger erfüllen ein Versprechen, das sie dem Heiligen Lazarus gegeben haben, dem Patron der Kranken und Aussätzigen. Als Gegenleistung bitten sie ihn um die Heilung einer Krankheit oder um Hilfe für einen Familienangehörigen, der leidet.

Jahr für Jahr pilgern tausende kubanische Gläubige zur Kirche in El Rincón, gleich neben dem Leprakrankenhaus außerhalb des Ortes Santiago de las Vegas, eine Stunde Busfahrt außerhalb von Havanna. Doch nicht alle sehen in dem heiligen Lazarus die biblische Figur, die in dem Dorf Bethanien in der Nähe Jerusalems lebte. Ihn hat Jesus von den Toten auferweckt – so steht es im Evangelium des Johannes. Auch im Lukasevangelium ist die Rede von einem Lazarus. Dem werden Wunderheilungen zugesprochen. In diesem Lazarus sehen AnhängerInnen der afrokubanischen Religion den Babalú Ayé, einen ihrer zweiundzwanzig Götter, ihrer „Orishas“.

Babalú Ayé ist ein gottgleicher Mann mit Krücken, der von zwei Hunden begleitet wird. Am 17. Dezember wird er von vielen Kubanern imitiert. Sie tragen Lumpen und kriechen mit leidender Mimik bis zur Kirche. „In diesem Ritual des Kriechens entlang der Straße steckt viel Theatralik“, meint der Arzt Pedro Gort, der neben der Kirche in einem provisorisch aufgebauten Gesundheitszelt die schwersten Schürfwunden der Pilger behandelt. „Ich frage mich: Wenn sie ein Gesundheitsproblem haben und geheilt werden möchten, weshalb versprechen sie dann einem Gott oder einem Heiligen, etwas zu tun, das ihrer Gesundheit schadet? Einen ganzen Tag lang durch die Hitze zu kriechen ist für niemanden besonders gesundheitsfördernd.“

Aber die Tradition bleibt bestehen und jedes Jahr kommen die Gläubigen wieder. Einzelne gelangen irgendwann zu der Überzeugung, der Heilige Lazarus wolle ihnen keine Antwort geben, obwohl sie ihr Versprechen erfüllt haben. Die besonders Verärgerten bestrafen den Heiligen, indem sie seine Figur auf den Kopf stellen oder ins Feuer werfen.

Pater Fernando, dem Priester der Kirche in El Rincón, ist es wichtig klarzustellen, „dass der Kult um den Heiligen Lazarus kein Ritual der afrokubanischen Religion ist. Er gehört uns, der katholischen Kirche. Wir respektieren andere Auslegungen, aber wir erlauben es nicht, dass sie in dem Gebäude unserer Kirche ihren Orishas huldigen“.

Auf Kuba ist es nicht leicht, zwischen dem puren Katholizismus und der synkretistischen Mischung zu unterscheiden. Jahrhunderte lang wurden Elemente verschiedener Religionen nebeneinander und miteinander praktiziert. Viele religiöse Ausdrucksformen der Gegenwart haben ihren Ursprung in der Kultur der Yoruba. Angehörige dieses westafrikanischen Volkes sind in der Zeit der Sklaverei nach Kuba verschleppt worden. „Damals zwangen die spanischen Priester die afrikanischen Sklaven, sich taufen zu lassen“, erklärt Mercedes Amateo, Direktorin der Kulturellen Vereinigung Yoruba in Kuba. „Sie mussten den Katechismus lesen und jeden Sonntag zur Kirche gehen. Doch sie haben sich vielleicht auf die Liturgie eingelassen, aber im Geheimen verehrten sie weiterhin ihre Orishas.“

Den SklavInnen aus Afrika wurde all ihr materieller Besitz geraubt, aber ihre afrikanische Spiritualität haben sie bewahrt. Auch ihre Nachkommen glauben an die Existenz guter und böser Geister, die in einer Parallelwelt leben. Ganz oben in der religiösen Hierarchie der Yoruba steht der Gott Olodumare, Schöpfer des Universums. Einer Legende zufolge hat sich Olodumare aus der Welt zurückgezogen, weil er die Eitelkeit der Orishas, der ihm untergeordneten Götter, nicht ertragen konnte. Außerdem schmerzten ihn die Wunden, die die Menschen der Natur zufügen. Er trennte den Himmel von der Erde. Die Orishas blieben auf der Erde. Seither sind sie Botschafter zwischen Olodumare und den Menschen.

Der Begriff „Santería“ für die afrokubanische Religion wurde ursprünglich abwertend benutzt. Die Spanier machten sich lustig über die scheinbar übertriebene Devotion der getauften AfrikanerInnen gegenüber den katholischen Heiligen. Sie wussten nicht, dass die SklavInnen in Wirklichkeit ihre afrikanischen Götter anbeteten.

Heute ist sie die Religion mit der am schnellsten wachsenden Anhängerschaft in der kubanischen Gesellschaft. Wer durch die Straßen der Städte geht, trifft immer wieder auf ihre Riten und Gesten. Aus einigen Häusern klingt rhythmisches Trommelspiel. Kleine Figuren von Orishas hängen an den Rückspiegeln vieler Taxis. Ein Gastgeber füllt die Gläser seiner Gäste mit Rum, nicht ohne zuvor ein wenig der wertvollen Flüssigkeit auf dem Boden verteilt zu haben, damit auch sein persönlicher Orisha an der Feier teilhaben kann. Der gastfreundliche Mann weiß, welcher der zweiundzwanzig kubanischen Orishas ihn begleitet. Das hat er während eines Initiationsrituals erfahren. Seitdem steht in seiner Wohnung ein kleiner Altar mit der Figur dieses Orishas. „Der Glaube wird von den Großvätern an die Väter weitergegeben, von den Vätern an die Kinder, von den Kindern an die Enkel. Das steckt im Blut“, erläutert Ignacio, ein junger Mann, der die Toleranz der Orishas gegenüber anderen Religionen wertschätzt. „Jeder hat seine persönliche Religion. In meiner Familie bewahren wir die Tradition der afrikanischen Religion. Andere wählen den Weg des Katholizismus oder der protestantischen Kirchen oder der Zeugen Jehovas. Wir wurden mit afrikanischen Wurzeln geboren und werden sie behalten bis ins Grab.“

Seit 1992 garantiert die kubanische Verfassung die Freiheit der Religionsausübung. Ignacio wurde 1984 geboren. Für ihn ist es normal, dass er sich unbesorgt öffentlich über seinen Glauben äußern und die Rituale ausüben kann. „Heute gibt es damit keine Probleme mehr. Du hast deinen Heiligen und feierst deine Zeremonien. Da mischt sich die Regierung nicht ein.“ Aber es war nicht immer so.

Vor dem Revolutionsjahr 1959 war der Katholizismus nahezu eine Staatsreligion. Doch ein großer Teil der verarmten Bevölkerung sah in der katholischen Kirche eine Institution der Oberschicht, die ihre Macht auch zur Unterdrückung nutzte. Die meisten Priester waren Spanier. Der Klerus unterstützte die reichen und mächtigen Nachfahren der Kolonialherren.
Santería & Co.
In Statistiken über die Religionszugehörigkeit der Menschen auf Kuba steht, 40 Prozent der Bevölkerung seien ChristInnen. Jedoch vermischt ein großer Teil von ihnen den christlichen Glauben mit Elementen der afrokubanischen Religion. Weitere 25 Prozent identifizieren sich als AnhängerInnen der Santería. Ein Großteil des Rests bezeichnet sich als atheistisch.
A.B.

Nach der Revolution verlor der Katholizismus seine Privilegien. Es begann eine Zeit staatlicher Repression gegenüber religiösen Praktiken. Über die Hälfte der Priester gingen ins Exil. Die Ideologen der Revolutionsregierung erklärten den Atheismus als den authentischen Ausdruck der Spiritualität des sozialistischen Menschen. Doch mit der Zeit weichte sich diese Haltung auf.

In seiner Jugend hat Fidel Castro eine katholische Schule besucht. Er kennt die Inhalte der christlichen Lehren. Es wird erzählt, der „maximo líder“ interessiere sich sehr für die afrokubanische Religion. Im Laufe seiner fast fünfzig Jahre als Regierungschef soll er häufig den Kontakt zu mehreren Babalaos gesucht haben, Priestern der Santería, um ihre Meinung zu weltlichen Ereignissen zu hören.

In den 1990er Jahren erhielten zahlreiche Glaubensgemeinschaften Baugenehmigungen für Gotteshäuser. Einige bekamen sogar Bürogebäude in der Nähe des Regierungsviertels zugeteilt. Mercedes Amateo ist dankbar: „Es hat eine deutliche Öffnung gegeben. Man braucht nur zu sehen, wo wir uns hier befinden: in einem Gebäude, keine hundertfünfzig Meter entfernt vom Kapitol, dem Parlamentsgebäude im Zentrum Havannas.“

Auch die Bemühungen des Staates um eine Bewahrung des multikulturellen und multireligiösen Reichtums des Landes sind offensichtlich. Die unterschiedlichen Religionen und die kommunistische Regierung existieren heute relativ spannungsfrei nebeneinander, auch wenn die katholische Kirche versucht, ihren politischen Einflussbereich auszuweiten und die Expansion der afrokubanischen Religion einzuschränken. Auf der gesamten Insel mit ihren rund zwölf Millionen EinwohnerInnen gibt es nur rund 350 Priester. Der Vatikan will ihre Zahl in den kommenden Jahren deutlich erhöhen.

Andreas Boueke stammt aus Deutschland und lebt seit zehn Jahren als freier Journalist und Buchautor in Guatemala.

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