Land, Arbeit und Nahrung

In Venezuela treibt Präsident Hugo Chávez die Landreform voran und lässt nunmehr auch Land von Großgrundbesitzern verteilen. Dadurch sollen Arbeitsplätze geschaffen und die Importe von Nahrungsmitteln reduziert werden.

Von Jeroen Kuiper
Pablo Rodríguez schaut mich staunend an. „Wie eine Landbesetzung funktioniert? Einfach so! Man wählt sich ein Stück Land aus, baut über Nacht eine Hütte aus Holz mit einem Dach aus Palmblättern und zieht nicht mehr ab.“
Wir sitzen vor seiner Hütte, die er auf einem brachliegenden Stück Land der Hazienda El Charcote, einer Riesenfarm im Westen Venezuelas, gebaut hat. Rodríguez ist ein Landbesetzer. Obwohl er schon ein halbes Jahr auf dem Gelände wohnt, besteht seine Hütte noch immer aus nicht viel mehr als einem Dach und zwei Wänden. Mehr Wände braucht er nicht; so zieht wenigstens nachts noch ein bisschen frischen Luft durch. Zum Dach und den Wänden kommen noch ein kleiner Gasherd, eine Hängematte und das Prunkstück: ein Plastiksessel, auf dem ich sitzen darf.
Rodríguez sieht aus, wie ein landloser Campesino (Kleinbauer oder Landarbeiter) eben aussehen soll: alte Baseballkappe, kaputtes T-Shirt, schmutzige Hose, gelbe Gummistiefel. Auch die Machete (Hackmesser) fehlt nicht. „Ich komme von der Küste, aus Moron“, erzählt er. „Da hatte ich ab und zu einen Job für ein paar Monate, aber das brachte nichts. Dann hörte ich, dass auf dieser Farm Land brach lag. Deswegen bin ich hierher gekommen. Aber seitdem die Kommission zur Beurteilung der Eigentumsrechte hier war, kommt keiner mehr vorbei, um mein Gemüse zu kaufen. Es gibt zuviel Unruhe. Wovon soll ich jetzt leben?“

Die Kommission, die Rodríguez erwähnt, kommt vom Nationalen Land-Institut (INTI), zuständig für Venezuelas Landreform. Schon 2001 wurde in Venezuela ein neues Landreformgesetz durchgesetzt. Diesem Gesetz zufolge kann Grund, der nicht benutzt wird oder wofür welche keine Eigentumsrechte nachgewiesen werden können, enteignet werden.
Um die Umsetzung des Landreformgesetzes voran zu treiben, hatte Präsident Hugo Chávez vergangenen Jänner die Kommission „Freies Land und Volk“, eingerichtet, die die Verteilung von Land beschleunigen soll. Innerhalb von sechs Monaten soll 100.000 landlosen Familien enteignetes Agrarland zugeteilt werden. Mit der Landreform erhofft der Präsident, mehrere Ziele zu erreichen: Arbeitsbeschaffung für landlose Bäuerinnen und Bauern und eine Verbesserung der Ernährungsgrundlage in Venezuela, das momentan bis zu 80 Prozent seiner Lebensmittel importiert.
Die Landwirtschaft wurde im Erdölstaat Venezuela über Jahrzehnte vernachlässigt. Mit der Reform will Chávez auch die Unterschiede zwischen Arm und Reich in Venezuela nivellieren. „Nur 5 Prozent der Einwohner Venezuelas gehören fast 80 Prozent des nutzbaren Bodens, während etwa 75 Prozent der Bevölkerung nur 6 Prozent besitzt. Eine Revolution, die diese Situation akzeptiert, darf sich nicht länger eine Revolution nennen“, rief Chávez im Jänner 10.000 versammelten Kleinbauern in Caracas zu, als er sein Dekret zur Schaffung der Kommission erläutete.

Um seine Forderungen zu unterstützen, ließ das INTI Dutzende von Latifundien (Großgrundbesitztümer) durch schwer bewaffnete Nationalgardisten und Polizei besetzen. Ziemlich symbolisch war die erste Farm, die besetzt wurde, die Hato El Charcote, eine Farm von etwa 13.000 Hektar Größe. Die Farm gehört dem britischen Lord Vestey, einem der reichsten Männer Großbritanniens. „Die Vestey-Familie lebt nicht von ihrem Einkommen; sie lebt nicht von den Zinsen ihres Einkommens; sie lebt von den Zinsen ihrer Zinsen“, schrieb der britische Autor Philip Knightley in einem Buch über diese Dynastie. Das Vermögen der Vestey-Gruppe wird auf 750 Millionen Pfund geschätzt.
Nachdem Nationalgardisten und Polizei buchstäblich ihre Zelte auf den Ländereien der Großgrundbesitzer aufgeschlagen hatten, gingen die „Kommissionen zur Beurteilung der Eigentumsrechte der Grundstücke“ an die Arbeit. Mitte März gab es die ersten Resultate: der Direktor des INTI, Eliecer Otaiza, kündigte an, dass etwa 110.000 Hektar Land von mehreren Riesenländereien, darunter El Charcote, enteignet werden sollen, weil die angeblichen Besitzer nicht die notwendigen Eigentumsrechte nachweisen können. Laut Gesetz müssen die Eigentümer bis zum Jahre 1847 zurück nachweisen können, dass sich der Grund in Privateigentum befand. Oft keine leichte Aufgabe.

Eine andere Hazienda, die laut dem INTI diese Eigentumsrechte nicht nachweisen konnte, ist die Hato Pinero, etwa fünf Fahrtstunden südlich der Hauptstadt Caracas gelegen. Diese Farm, die der Familie Branger gehört, hat die gewaltige Größe von 80.212 Hektar, das ist das 1,7fache der Fläche von Wien. Die Farm präsentiert sich ausländischen Touristen als ökologische Sehenswürdigkeit, wo die Eigentümer Umweltschutz betreiben. In reicheren Kreisen Venezuelas ist die Farm ein beliebtes Ziel für Wochenendausflüge. Mit einem Privatflugzeug kann man sie in etwa einer Stunde von der Hauptstadt aus erreichen. Eine Übernachtung kostet an die 150 Dollar. Das wird möglicherweise bald Geschichte sein: INTI-Direktor Otaiza kündigte Mitte März an, dass das Land verteilt wird. Laut Otaiza bekommen die Hunderten von Kleinbauern, die Teile der Farm besetzt haben, einen legalen Status. Sie sollen sich in Kooperativen vereinigen, um ihre Arbeit zu optimieren. Einen Teil der Farm will das INTI als Naturpark behalten.
„Wir werden die Enteignung auf allen Ebenen bekämpfen“, sagt Jaime Perez Branger, der Präsident der Firma, die die Farm verwaltet. „Wir haben schon Gerichtsprozesse in Gang gebracht und werden uns um internationale Unterstützung bemühen“.
Auch Venezuelas Opposition ist mit den Enteignungen nicht einverstanden. Laut dem Oppositionsabgeordneten und Vorsitzenden des parlamentarischen Wirtschaftskomitees, Freddy Lepage, können die Enteignungen „für Unsicherheit sorgen und ausländischen Investoren Angst machen“. Auch die Oppositionsmedien im Land machen Panik: die Landenteignungen sollen der Anfang vom Ende des Privateigentums in Venezuela sein.
Doch eigentlich handelt es sich gar nicht um eine Enteignung, denn konfisziert wird nur Land, für das es keine Eigentumsnachweise gibt. Zwangsenteignet wird hingegen Land, das brach liegt, aber in diesen Fällen wird der Besitzer vom Staat zu marktkonformen Preisen entschädigt.

Bereits im Vorjahr hat das INTI etwa 2,3 Millionen Hektar Grund unter 130.000 Kleinbäuerinnen und -bauern verteilt. Damals wurde aber Staatsland verteilt, was deutlich weniger kontrovers ist als die „Enteignung“ und Umverteilung von Privatgrund.
„Wenn Chávez unbedingt Land verteilen will, warum fängt er dann nicht mit dem Staatsland an? Der venezolanische Staat ist der größte Eigentümer von ungenutztem Grund und Boden. Er besitzt etwa 8 Millionen Hektar“, kritisiert der Oppositionsabgeordnete Freddy Lepage. Er meint außerdem, dass allein eine Umverteilung der Grundstücke nicht ausreichen wird. „Die kleinen Bauern wissen nicht, wie sie mit größeren Firmen konkurrieren müssen. Sie wissen nicht, wie sie produzieren sollen. Sie brauchen Ausbildung.“
Damit hat Lepage wohl Recht. In den 1960er Jahren gab es in Venezuela schon einmal eine Landreform, die aber versickerte, weil die damalige Regierung nach dem Prinzip „Hier habt ihr ein Stück Grund – viel Glück damit“ vorging. Die Folge damals: die etwa 150.000 neuen EigentümerInnen wussten oft nicht, was sie mit dem Land anfangen sollten, und verkauften es wieder zurück an die Großgrundbesitzer.
Präsident Chávez scheint aber aus der Geschichte gelernt zu haben. Ende März wohnte er der Übertragung von Land an Kleinbauern-Kooperativen auf der Hazienda Sanz im Bundesstaat Miranda bei. Und zu diesem Anlass kündigte er an, die neuen Besitzer mit Krediten, technischer Hilfe und anderen Materialien zu unterstützen. Auch die Eröffnung einer neuen Traktorenfabrik in April dieses Jahres in Ciudad Bolívar, einer Stadt im Südosten Venezuelas, wo mit iranischer Technologie jährlich 5.000 Traktoren produziert werden sollen, gehört zur Strategie der Wiederbelebung der Landwirtschaft in Venezuela, die momentan nur magere fünf Prozent des Nationaleinkommens liefert.

Weil Chávez’ Landreform erst seit Anfang des Jahres so richtig Dampf bekommen hat, werden die Kooperativen, die das neu verteilte Land bearbeiten sollen, gerade gebildet. Manche funktionieren schon. Einer der skurrilsten Orte, wo man so eine Kooperative finden kann, ist die Landwirtschaftskooperative im Zentrum von Caracas. Auf einem brachliegenden Stück Land, gelegen zwischen Lateinamerikas höchstem Wolkenkratzer im Parque Central und quasi im Hinterhof des Caracas Hilton, fing vor zwei Jahren eine Kooperative von etwa 20 Personen an, Gemüse anzubauen. Die Aktivitäten der Genossenschaft muten an wie eine Werbekampagne von Präsident Chávez, gerichtet an die ausländischen Gäste im Hilton. Doch für die ArbeiterInnen der Kooperative, EinwohnerInnen von Armenvierteln im Süden der Stadt, ist das Stück Land einfach ein Geschenk des Himmels.

Jeroen Kuiper lebt und arbeitet als freier Journalist in Caracas, Venezuela. Er schreibt für holländische, deutsche, österreichische und venezolanische Medien.

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