Langer Atem für Afghanistan

Von Redaktion ·

Die Idee einer raschen Lösung der vielen Probleme im Hindukusch-Staat hat sich als folgenschwere Illusion erwiesen. Die Überwindung des Erbes von drei Jahrzehnten Kriegsgeschehen braucht viel Zeit, Fingerspitzengefühl und die Einbindung lokaler Strukturen, resümiert Brigitte Voykowitsch.

„Ich möchte einmal Ärztin werden.“ „Und ich Lehrerin“. „Ich am liebsten Ingenieurin.“ Die Mädchen stehen da in ihren braunen Schuluniformen und weißen Kopftüchern, Hefte und Bücher in Händen. Sie wissen, sie sind privilegiert, denn bei weitem nicht alle Mädchen und auch nicht alle Burschen in ihrem Viertel können die Schule besuchen. Das hat weniger mit ideologischen oder religiösen Gründen zu tun als vielmehr mit der wirtschaftlichen Not. Viele Menschen in Dasht-e Barchi, einem armen westlichen Außenbezirk der afghanischen Hauptstadt Kabul, weben Teppiche, um zu überleben – Erwachsene ebenso wie die Kinder. Die meisten sind Hazara, Angehörige der oft verfolgten schiitischen Minderheit – die Mehrheit stellen die sunnitischen Paschtunen und Tadschiken. Die Hazara in Dasht-e Barchi stammen nicht aus Kabul. Sie sind während der sowjetischen Besatzung (1979-89), des darauf folgenden Bürgerkriegs zwischen den Mudschaheddin oder der Taliban-Herrschaft (1996-2001) nach Pakistan oder in den Iran geflohen und nach dem Sturz der Taliban nach Kabul gekommen. Andere haben Afghanistan nie verlassen. Sie sind nur aus den zentralen Provinzen in die Hauptstadt gezogen, weil sie in ihren Dörfern kein Auslangen finden konnten.

Staatliche Schulen gibt es, wie in allen Landesteilen Afghanistans, auch in Kabul viel zu wenige. Die Alphabetisierungsrate liegt bei 25 Prozent. Deshalb hat Musarat Hussain, ein in Pakistan geborener Hazara, der selbst nach 2001 nach Kabul zog und dort nun bei der Heinrich Böll-Stiftung arbeitet, die Refah-Schule eröffnet. Zur Hälfte finanziert er die Schule selbst, die andere Hälfte deckt er mit einer Schulgebühr von 250 Afghani (umgerechnet fünf US-Dollar) im Monat. Es ist eine gemischte Schule, und noch nie, sagt Musarat Hussain, haben irgendwelche Eltern ein Problem damit gehabt. Die, die es sich leisten können, zahlen gerne, wegen des persönlichen und fachlichen Engagements der LehrerInnen.

Von kleinen privaten Initiativen wie der Refah-Schule bis zu den Millionen Dollar schweren Programmen von Organisationen wie USAID (US Agency for International Development) reicht das Engagement für Wiederaufbau und Entwicklung in Afghanistan. Die Liste der in Afghanistan tätigen Organisationen sowie der Entwicklungsprojekte in allen Bereichen ist lang und reicht von Bildung und Gesundheit, Landwirtschaft und dem urbanen Raum, Mikrokrediten, Rechtswesen, Menschen- und Frauenrechten bis zur Bekämpfung des Drogenanbaus und -handels.

Mit Hilfe der internationalen Gebergemeinschaft wurden der Afghan Compact und ein umfassendes Nationales Entwicklungsprogramm (Afghan National Development Strategy, ANDS) erarbeitet und Ende Jänner 2006 lanciert. ANDS beruht auf drei Säulen: Erstens Sicherheit; das beinhaltet den Aufbau einer Armee und Polizei, die Entwaffnung illegaler bewaffneter Gruppen und Entminung. Zweitens Regierungsführung, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte sowie drittens die ökonomische und soziale Entwicklung. Alle Projekte – staatliche ebenso wie jene von Nichtregierungsorganisationen – sollen sich in diese Ziele einbetten und in Absprache mit den zuständigen Behörden durchgeführt werden, um eine sinnvolle Verteilung und Koordination der Projekte sicherzustellen. Die internationale Gemeinschaft sagte 2006 zehn Milliarden Dollar für das ANDS zu.

Doch wohin fließt das Geld? Anfang 2010 – wenige Monate nach Beginn der zweiten Amtszeit von Präsident Hamid Karzai, ist die Stimmung gedämpft. Afghanistan bräuchte eine flächendeckende Entwicklung, sagt ein Experte, doch davon ist das Land trotz zahlloser Einzelprojekte weit entfernt. Eine große Zahl von Einzelprojekten ergibt eben nicht zwingend einen positiven Entwicklungsprozess. Viele AfghanInnen haben in ihrem Umfeld noch nichts von den Entwicklungsbemühungen bemerkt, und ihr Ärger richtet sich nicht nur gegen die eigenen, korrupten Politiker. Sie fragen auch, wie viel die Präsenz aller westlichen Fachleute kostet und wie viel Geld tatsächlich zu den Menschen an die Basis geht. Die Lebenserwartung liegt bei 43 bis 44 Jahren, für ein Viertel der 30 Millionen AfghanInnen gibt es keine Ernährungssicherheit, und es mangelt an Zugang zu sauberem Wasser – um nur einige der gravierenden Probleme zu nennen. Laut dem Entwicklungsindex des UNDP (UN-Entwicklungsprogramm), der neben den Wirtschaftsdaten auch die Indikatoren für Bildung, Gesundheit und Lebenserwartung misst, ist in Afghanistan keine Verbesserung der Lage festzustellen.

Übereiltes Handeln und mangelnde Kenntnis des Landes, seiner Gesellschaft und Kultur sieht Paula Kantor, Direktorin der unabhängigen Forschungsinstitution AREU (Afghan Research and Evaluation Unit), als zwei zentrale Gründe für den mangelnden Erfolg zahlreicher Programme. „Der Druck, etwas zu tun, ist so groß, da bleibt oft zu wenig Zeit, darüber nachzudenken, was und wie man es am besten angehen sollte.“ Die Liste der Probleme ist lang. So wurden etwa im Bereich Mikrokredite Fehler wiederholt, über die bereits seit den 1990er Jahren in Fachkreisen genügend geredet und geschrieben wurde, wie etwa der zu starke Fokus auf einen Business-Zugang, bei dem man das Entwicklungsanliegen vergaß: Das Programm sollte sich rasch rechnen, übersehen wurde, was die Menschen noch benötigen, um sich mit ihren Mikrokrediten wirklich ihr Leben zu verbessern – etwa solide Beratung, Betreuung und Capacity Building.

Ein Grundproblem stellt sich auch im Justizbereich. Im Bemühen, ein modernes Rechtssystem aufzubauen, habe man die Tatsache ignoriert, dass informelle Rechtsmechanismen in Form von Dorfräten und dergleichen vorhanden sind. „Niemand behauptet, dass es bei diesen Räten keine Probleme gibt“, sagt Paula Kantor. Doch Studien von AREU zeigen, dass viele Menschen in Afghanistan das moderne System – sofern es in ihrer Region überhaupt schon Fuß gefasst hat -, als entfernt, ineffizient, kostspielig und oft auch korrupt empfinden und sich daher wieder an ihre alten Räte wenden.

Ohne die lokalen Strukturen zu beachten und die lokalen Machthaber wie Mullahs oder Clanführer mit einzubeziehen, wird keine nachhaltige Entwicklung möglich sein, lautet das Resümee nicht nur der Studien von AREU. Programme für die Rechte, Bildung und Berufsausbildung von Frauen, die von afghanischen Organisationen wie Shuhada oder von der unabhängigen afghanischen Menschenrechtskommission (AIHRC) durchgeführt werden, arbeiten mit den Gemeinden.

Auf afghanische Initiative ist das Projekt der so genannten Tribal Liaison Offices (TLO) entstanden, das auf die Einbindung der traditionellen Stammesstrukturen in den politischen Prozess abzielt. Vor allem im Süden des Landes, auf den sich der auf allen Seiten äußerst umstrittene internationale militärische Einsatz konzentriert, soll über die TLOs der Einfluss lokaler Kriegsherren eingedämmt, der Einfluss der Zentralregierung gestärkt und somit die Voraussetzung für einen positiven Entwicklungsprozess geschaffen werden. Wie wichtig diese Art von Ansatz ist, belegen Studien der internationalen Organisation Oxfam sowie der afghanischen Organisation Cooperation for Peace and Unity (CPAU) aus jüngster Zeit.

„Schlechte Regierungsführung, korrupte Beamte, korrupte staatliche Einrichtungen, keine Chance auf Gerechtigkeit – das sind die Gründe, warum Afghanen die Taliban unterstützen oder sich ihnen anschließen“, resümiert Idrees Zaman von CPAU das Ergebnis seiner Untersuchungen in Afghanistan, Pakistan und Bangladesch. Hier sei ein markanter Gegensatz zu Pakistan festzustellen, wo der Anteil jener, die aus ideologischen oder religiösen Gründen zu den Taliban gingen, sehr hoch sei. In Afghanistan gehe es dagegen „um Überlebensfragen, Konflikte über Zugang zu Land und Wasser“ und natürlich auch um die Machtverteilung zwischen den einzelnen Stämmen.

In manchen Gegenden, so Zaman, „findet man in allen staatlichen Positionen – von den höchsten Ämtern bis hin zu den Wachposten – Angehörige eines Stammes, und wenn man dann in die Gefängnisse geht, sitzen dort vor allem Angehörige eines anderen Stammes. Und die Menschen haben den Eindruck, dass die, die das Sagen haben – darunter ehemalige Warlords und Kriminelle -, auch noch von der internationalen Gemeinschaft und den internationalen Truppen unterstützt werden.“ Mangels einer durchsetzungsfähigen politischen Opposition bleibe nur ein einziger Ausweg – sich den Taliban anzuschließen. „Dazu kommt noch der finanzielle Aspekt. Manche gehen zu den Taliban, um Geld zu verdienen.“

Die Diagnose zu stellen ist freilich viel leichter, als die geeignete Therapie zu verschreiben, gesteht Idrees Zaman ein. Eines der größten Probleme ist die enorme Korruption im Regierungsapparat. „Wir brauchen eine saubere, effiziente Regierung“, ist ein Satz, den man überall hört. Das Ziel ist klar: Aber wie gelangt man dorthin?

Die Taliban können auf Unterstützung und Nachschub aus Pakistan zählen, doch ein solider Entwicklungsprozess, der an der Basis ansetzt und die Menschen und ihre Bedürfnisse von Anfang an einbezieht, würde den Taliban viel Unterstützung entziehen, sind sich viele ExpertInnen einig. So wie in Pakistan gibt es auch in Afghanistan Gemeindeoberhäupter und auch einstige Mudschaheddin, die entschlossen sind, den Taliban die Basis zu entziehen und auch, sich gegen sie zur Wehr zur setzen.

Entwicklung allein aber wird nicht reichen. Sie muss einhergehen mit Friedens- und Versöhnungsarbeit auf lokaler Ebene. Nicht nur, weil Entwicklungsprojekte selbst lokale Machtgefüge verschieben und damit neue Konflikte verursachen können, wie es sich bei der Umsetzung des Nationalen Solidaritätsprogramms (NSP) mehrfach gezeigt hat. Das NSP soll Gemeinden beim Wiederaufbau unterstützen und die Armut am Land verringern. Friedens- und Versöhnungsarbeit von der Basis aufwärts ist aber vor allem unverzichtbar, um das schwere Erbe von mittlerweile drei Jahrzehnten Kriegsgeschehen zu überwinden. Das wird Zeit, eine viel bessere Kenntnis der jeweiligen Verhältnisse und viel Fingerspitzengefühl erfordern.

Die Idee von einem „Quick fix“ – von einer raschen, allzu raschen Lösung – Ausschaltung der Taliban, Überstülpen einer dünnen Schicht Demokratie und dazu rasche Entwicklung – hat sich nicht nur als Illusion erwiesen. Sie war auch verantwortlich für viele Fehler. Anfang 2010 steht fest: Um in Afghanistan ein funktionierendes demokratisches Staatswesen und eine stabile Wirtschaft (ohne Drogen) aufzubauen, benötigt man einen langen Atem.

Brigitte Voykowitsch ist freie Radio- und Printjournalistin mit Schwerpunkt Südasien und bereiste kürzlich Afghanistan.

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