Lebenretten ist unpolitisch

Von Gerald Schöpfer ·

Menschenleben müssen immer vor politischen Erwägungen kommen. Im Mittelmeer und überall sonst auf der Welt.

Helfen ohne Wenn und Aber – wer dem humanitären Imperativ gehorcht, der fragt nicht, wem geholfen wird. Der fragt nicht nach Opfer und Täter, der fragt nicht nach mittel- und langfristigen Konsequenzen, der tut schlicht eines: Leben retten. Diejenigen, denen geholfen wird, dürfen – folgt man dem humanitären Imperativ – nicht in Gut und Böse, schuldig oder unschuldig eingeteilt werden. Das Einzige, das zählt, ist das Maß der Not – den dringendsten Fällen wird Vorrang gegeben.

Der Arbeit von humanitären Organisationen liegen Prinzipien zugrunde. Die vier wichtigsten haben alle zur Norm erhoben. Es sind dies Menschlichkeit, Unparteilichkeit, Neutralität und Unabhängigkeit.

Der Schweizer Jurist Jean Pictet, einer der Verfasser der Genfer Konventionen, nannte die Menschlichkeit den Motor von humanitären Organisationen. „Wenn das Rote Kreuz nur einen Grundsatz haben dürfte, so wäre es dieser“, schrieb er. Die anderen Normen wie eben Unparteilichkeit und Neutralität seien schlicht Hilfsprinzipien, die der Menschlichkeit zum Durchbruch verhelfen können. Das höchste Ziel von Organisationen, die sich der Menschlichkeit verschrieben haben, sei es Leben zu retten.

Politik als andere Ebene. Dieses konkrete Handeln – das Retten eines menschlichen Lebens – ist ethisch, sein Unterlassen ist durch nichts zu rechtfertigen und muss als solches losgelöst von politischen Erwägungen sein, welcher Art auch immer.

Das bedeutet nicht, dass es keine Politik braucht, um die der jeweiligen Notlage zugrundeliegenden Ursachen zu bekämpfen, um strukturelle Probleme zu lösen und um Kriege zu beenden. Doch das findet auf einer anderen Ebene statt. Menschenleben zu retten muss immer Priorität vor politischen Erwägungen haben.

Am 29. März findet zum fünften Mal der Humanitäre Kongress Wien statt, der von Rotem Kreuz, Caritas, AG Globale Verantwortung, Ärzte ohne Grenzen und SOS Kinderdorf organisiert wird. www.humanitariancongress.at

Mit dem Thema „Flucht übers Mittelmeer“ beschäftigt sich auch das Dossier in dieser Ausgabe (ab Seite 26).

Diese Maxime sollte im Mittelmeer genauso gelten wie überall sonst auf der Welt. Natürlich ist sie ein anzustrebendes Ideal und fern davon, Realität zu sein. Wie schwierig es ist, sie umzusetzen und wie notwendig sie dennoch ist, wird besonders deutlich, wenn man dorthin blickt, wo das Lebenretten stattfindet: wo der einzelne Helfer einem Schiffbrüchigen die Hand reicht, wo die einzelne Freiwillige Nahrungsmittel in einem Flüchtlingscamp in der Demokratischen Republik Kongo verteilt, wo der einzelne Feuerwehrmann Menschen aus einem vermurten Haus befreit. Sie alle retten Menschenleben und sie alle ändern keine Strukturen und Ursachen. Der Seenotretter bekämpft keine Fluchtgründe, die Freiwillige in der DR Kongo beendet keinen bewaffneten Konflikt und der Feuerwehrmann, der ein kleines Kind aus dem Schlamm gräbt, verhindert damit nicht, dass gefährliche Hänge erneut bebaut werden. Müssen sie auch nicht – das ist im konkreten Moment der Rettung nicht ihre Aufgabe.

Grundkonsens. Humanitäre Organisationen können sich für Frieden einsetzen, sie können bessere politische Rahmenbedingungen fordern, sie können verhandeln und können so dem zweiten Zweck unserer Existenz dienen: nämlich zukünftiges Leid zu verhindern. Eigentliche Raison d’être ist es, Leben zu retten, und davon darf uns auch das langfristige Ziel – künftiges Leid zu verhindern – nicht abhalten. Bei allen Unterschieden, die Hilfsorganisationen und Staaten haben – dieser minimale humanitäre Grundkonsens sollte uns gemein sein.

Univ. Prof. DDr. Gerald Schöpfer ist Wirtschaftshistoriker und Präsident des Österreichischen Roten Kreuzes.

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