Lockvogel Kultur

Von Herbert Langthaler · · 2002/11

Bali war bisher ein begehrtes und vielbesuchtes Tourismus-Zielgebiet. Die Insel versuchte, den Gäste-Ansturm ohne großen Schaden vor allem im kulturellen Bereich zu bewältigen. Welche längerfristigen Auswirkungen die Terroranschläge vom 12. 10. 2002 haben werden, kann noch nicht abgeschätzt werden. Herbert Langthaler hat die Insel im Sommer besucht.

Dutzende Fackeln werfen ihr flackerndes Licht auf nackte Oberkörper. Der gleichförmige wiegende Rhythmus der Gongs wird immer wieder durch das Stakkato der Tschinellen überlagert. Laute Rufe. Obszöne Gesten. In der Mitte der Gruppe eine Bahre. Unter dem weißen Tuch heben sich die Umrisse eines Körpers ab. Plötzlich bewegen sich die jungen Männer im Laufschritt hinaus in die Dunkelheit. Die Gongs, die Schreie werden leiser, überlagert vom Geknatter der Mopeds und dem Bellen aufgeschreckter Hunde.
Es ist weit nach Mitternacht, ich bin einer der letzten Westler, die so lange ausgeharrt haben. Aber „unsere Hausleute“ hier in Ubud haben mich schon seit Tagen auf dieses Ritual aus der „schwarzen Magie“ vorbereitet. Es sei nichts, was auch den TouristInnen vorgeführt werden könne, sondern eine ernste und ziemlich gefährliche Sache. Der junge Mann, der wie tot auf der Bahre liege, könne, wenn ein Fehler gemacht werde, durchaus mit dem Leben bezahlen und nicht mehr erwachen.

Tausende TouristInnen zieht es jährlich nach Bali. Viele bleiben in den Touristenzentren wie Sanur, Kuta oder Legian im Süden der Insel, verbringen zwei Wochen zwischen Hotel, Strand, Bars und Partys. Aber ein nicht zu kleiner Teil kommt wegen der Gamelanorchester, der Tempelrituale, der Legongtänze, der Maler, Holzschnitzer, Steinmetze und Korbflechter. Fast alle dieser bildungsbürgerlichen KulturtouristInnen macht mindestens für ein paar Tage in der Tourismus- und Kulturmetropole Ubud Station, die in den meisten Reiseführern hartnäckig als „Künstlerdorf“ bezeichnet wird.
Die zahllosen Läden, Restaurants, Hotels und Guesthouses in Verbindung mit der bläulichen Abgaswolke, in die der dichte Moped- und Autoverkehr die Hauptstraßen hüllt, wirken auf den europäischen Paradiessucher zuerst einmal schockierend. Nach ein paar Tagen verschwindet allmählich der „tourismuskritische“ Affekt. Es wird klar, dass der Verkehr eher seine Ursache in der enormen Bevölkerungsdichte Zentralbalis hat als in der Zahl der TouristInnen, dass sich neben dem Überangebot an dekorativer Malerei in allen erdenklichen Stilen auch wunderschöne Museen mit Bildern bedeutender balinesischer und ausländischer KünstlerInnen, die in Bali gearbeitet haben, finden. Die Gamelanorchester und Tanzensembles treten zwar oft und gerne bei nachmittäglichen Programmen für TouristInnen auf, ihr Hauptbetätigungsfeld bleiben aber die Odelans, jene tagelangen Feste, die in jedem der vielen Tempel alle 210 Tage stattfinden. TouristInnen können daran durchaus teilnehmen, müssen sich allerdings den dabei geltenden Bekleidungs- und Reinheitsvorschriften unterwerfen. Belohnt werden sie mit einer berauschenden Fülle an Farben, Klängen und Gerüchen.
Überall werden Sprach-, Koch-, Tanz- oder Schnitzkurse angeboten. Das Interesse der BesucherInnen an balinesischer Musik, an Tanz und Handwerk wird allgemein wohl wollend zur Kenntnis genommen.

Die staatlich gesteuerte Entwicklung des Massentourismus auf Bali baute von Anfang an weniger auf weiße Sandstrände unter Palmen als auf den kulturellen Reichtum der Insel. Statt riesiger Stahlbetonbunker ließen auch die großen internationalen Hotelketten großzügige Anlagen errichten. Jedes Zimmer steht für sich als abgeschlossene Einheit oft mit Grasdach, Bambusmöbeln und Holzschnitzereien. Auch wenn es sich dabei natürlich nicht um „authentische“ balinesische Architektur handelt, wird doch in hohem Ausmaß auf die erstaunlichen Fähigkeiten einheimischer Handwerker zurückgegriffen.
Gerade die Verwendung traditioneller Baumaterialien kann allerdings auch zu schweren ökologischen Problemen führen. So wurden die Korallenbänke vor Candi Dasa an der Südküste Balis durch den Abbau von Korallen zum Bau von Touristenunterkünften nachhaltig zerstört. Damit wurde aber auch einem Anreiz für TouristInnen, dem Tauchen in flora- und faunareichen Küstengewässern, die Basis entzogen. Die leeren Hotels und Restaurants dort legen ein beredtes Zeugnis davon ab.

„Kulturverträglichkeit“ wurde von den Tourismus-PlanerInnen auf Bali oberste Priorität beigemessen. Kultur meint in diesem Zusammenhang allerdings nur die oberflächlichen, evidenten Erscheinungsformen wie Kleidung, religiöse Zeremonien, Tanz, Musik usw. Dahinter liegt ein statischer Kulturbegriff, der mit den tatsächlichen Dynamiken menschlichen Verhaltens wenig zu tun hat.
Die Politik legte in den Zeiten des autoritären Regimes General Suhartos vor allem Wert auf die Bewahrung der „hellen“ Seite der balinesischen Kultur, die mit dem Konzept des „Kulturtourismus“ besser vereinbar schien als schwarze Magie und untergründige Erotik, die das Bali-Bild in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geprägt hatten. In den 1970er Jahren wurde begonnen, durch verschiedene Maßnahmen die als schädlich erachteten Einflüsse des Tourismus einzudämmen. So behielten sich die Tourismusbehörden die Genehmigung aller größeren Unternehmen der Branche samt dazugehörigen Kontrollen vor. Auch die Tänze, die vor TouristInnen aufgeführt werden durften, wurden reglementiert, um sie vor Kommerzialisierung zu bewahren. Dies führt heute dazu, dass die Tänze, die bei den nächtlichen Tempelfesten zur Vorführung gelangen, oft moderner und lebendiger wirken als jene der nachmittäglichen Vorführungen für TouristInnen.
Die staatlichen Maßnahmen, aber auch der alltägliche Kontakt mit den Gästen, die sich am Inhalt der Rituale, an Musik, Tanz und Handwerk interessiert zeigen, haben bei vielen BalinesInnen zu einem sehr bewussten Umgang mit den Erscheinungsformen ihrer Kultur geführt. Besonders in Ubud wird das augenfällig. Viel von dem durch den Tourismus erworbenen Reichtum wird auch wieder in kulturelle Aktivitäten investiert, auch – und vor allem – in solche, die für die Einheimischen selbst gedacht sind.

Das schlechte Gewissen, das den entwicklungspolitisch bewussten Urlauber zum Beispiel an ostafrikanischen Stränden beim Verzehr von dänischer Butter oder französischem Käse befällt, bleibt einem in Bali erspart. Der Großteil der Produkte, die der Gast im Laufe seines Aufenthalts konsumiert (einschließlich des Benzins für den Transport) ist „made in Indonesia“. Doch wie schaut es mit der Verteilung der touristischen Einnahmen aus? Auf Bali stehen heute vier der zehn teuersten Hotels der Welt. Sie sind im Besitz US-amerikanischer, europäischer oder arabischer Kapitalgruppen, deren Gewinne sicher nicht vor Ort investiert werden. Die Anwesenheit der Dutzenden Superreichen aus dem internationalen Jet-Set oder der Drogenhändler, von denen immer wieder hinter vorgehaltener Hand erzählt wird, sind geeignet, sich auf die Zahlungsbilanz Indonesiens durchaus positiv auswirken. Daher fragt auch niemand, woher das viele Geld kommt, das in Bali ausgegeben wird.
30 Prozent der regionalen Erträge Balis stammten in den 1990er Jahren aus dem Tourismus. Die Landwirtschaft spielte hingegen immer noch eine wesentlich bedeutendere Rolle. Trotzdem wird die Kluft zwischen jenen Teilen der Bevölkerung, die am Tourismus partizipieren, und den von dieser Ressource abgeschnittenen Armen immer größer. Neben den wenigen, die durch den Tourismus große Reichtümer erwirtschaftet haben, hat sich ein relativ breiter Mittelstand aus RestaurantbesitzerInnen, ReiseführerInnen, KünstlerInnen, HandwerkerInnen und LadenbesitzerInnen entwickelt.
Um dabei zu sein, bedarf es zumindest minimaler Sprachkenntnisse. Damit der Tourismus Einheimischen Arbeitsplätze bringt, braucht es fundierte Ausbildung an Ort und Stelle. Dies gibt entwicklungspolitischen Projekten die Möglichkeit einzuhaken.

Das Community-tourism-development-project im Bergdorf Munduk rund um die wunderschöne Hotelanlage „Puri Lumbung Cottage“ etwa bietet eine Ausbildung für örtliche Jugendliche. Den Gästen werden Trekking-Touren in die nähere Umgebung angeboten. Auch hier arbeiten Leute aus dem Ort als Führer und sorgen dafür, dass die BesucherInnen Kontakt zur lokalen Bevölkerung bekommen. Bemühungen zur Erhaltung der für den Wasserhaushalt wichtigen Bambusbestände runden das Projekt ab. Eine Besonderheit gegenüber ähnlichen Projekten ist, dass die „Sozialverträglichkeit“ auch die TouristInnen einschließt: Für Menschen, die sich 80 bis 100 US-Dollar pro Nacht nicht leisten können, gibt es die Möglichkeit, in einer preisgünstigeren Dependance abzusteigen.
In Bali bestehen also verschiedene Formen von Tourismus nebeneinander. Der Gast kann die Pauschalreise mit Strandurlaub buchen, es ist aber auch ein Kreativurlaub mit Tanzkurs oder eine individuelle Erkundungsreise möglich. Eines zeigt sich deutlich: Durch den Tourismus steigt die Wertschätzung der BalinesInnen für die eigene Kultur. Dass nicht museale Erstarrung überhand nimmt, dafür sorgt schon die Entwicklungsdynamik des gesamten pazifischen Raumes. Wie „nachhaltig“ eine Reise nach Bali für Reisende und Bereiste wird, dafür trägt jede/r letztendlich selbst die Verantwortung.

Herbert Langthaler ist Ethnologe und Publizist in Wien.

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