„Man darf sich echt nicht einschüchtern lassen“

Über Defizite im Umgang mit Geschichte und wie sie kurzfristig die Black Lives Matter-Demonstration in Graz organisierte, darüber spricht Precious Nnebedum im Interview.

Erinnerungskultur spiegelt sich nicht nur in Denkmälern wider. Welche Erfahrung haben Sie im Umgang mit Geschichte gemacht?

Die Schwarze Geschichte* wurde ausgelassen, als hätte es sie nicht gegeben. Wenn Jugendliche diese nicht lernen, verstehen sie jetzt nicht, was weltweit gerade mit den Protesten geschieht und warum.

Vor zehn Jahren sind Sie aus Nigeria nach Österreich gekommen. Wie haben Sie die Schulzeit erlebt?

In der Schule und später an der Uni war ich das einzige Schwarze Mädchen. Davon darf man sich echt nicht einschüchtern lassen. Es hätte sehr geholfen, auch andere People of Colour zu sehen. Man würde sich wohler fühlen und hätte nicht den Druck, immer das Musterbeispiel sein zu müssen. Ich war damals automatisch die Ansprechperson für Afrika, als ob es ein Land wäre und ich alles darüber wüsste. Ich kann höchstens etwas von Nigeria erzählen.

Sie sind Poetry-Slammerin und zweifache österreichische U20-Vizemeisterin. Wovon handeln die Texte?

Es sind meist persönliche Geschichten. Ich schreibe über Dinge, über die ich normalerweise nicht sprechen würde: über meine Familie; darüber, was es heißt als Schwarzes Mädchen in einer weißen Umgebung zu leben, und was es bedeutet, als junge Frau eine Kunst zu betreiben, die männerorientiert ist.

Manchmal erzähle ich auch Geschichten, die mir überliefert wurden. Die Texte trage ich dann auf Englisch, Deutsch und in meiner Muttersprache Igbo vor.

Sie haben die Black Lives Matter-Demonstration in Graz initiiert. Wie kam es dazu?

Der Tod von George Floyd belastete mich sehr. Ich fühlte mich, als ob ich nichts unternehmen könnte und wollte zumindest Aufmerksamkeit auf das Thema lenken. Ich erkundigte mich, ob jemand etwas macht, aber fand nichts in Graz. Dann fragte ich auf Instagram, wer sich mit Demos auskennt. Wir schlossen uns zusammen und organisierten die Demo innerhalb von drei Tagen.

Auf unserer offiziellen Anmeldung standen 250 Leute, auf Facebook waren es 1.500 Interessierte. Als wir dann am Tag der Demo auf dem Freiheitsplatz standen, immer mehr Menschen um die Ecke bogen und die Polizei uns meldete, dass es mehr als 10.000 Menschen waren, konnte ich es gar nicht glauben.

Wie geht es nun weiter?

Wir haben die Gruppe „Tanaka“ gebildet – auf Instagram als @tanaka_graz. Das heißt auf Shona, einer Sprache, die in Simbabwe gesprochen wird, so viel wie: Die Phase nach einer erschwerten Zeit. Wir wollen Community-Arbeit in Graz machen. Dabei ist uns wichtig, vor allem Junge anzusprechen.

Wie wird das konkret aussehen?

Unsere Veranstaltungen sind für alle gedacht. Doch wir haben gesehen, dass es momentan einen speziellen Bedarf an einem Treffen nur für Frauen gibt. Deshalb organisieren wir jetzt einen Girls Day, wo Frauen eingeladen sind, um über ihre Herausforderungen als Frau bzw. Schwarze Frau zu sprechen. Wir haben das Gefühl, dass Frauen oft das schwächste Glied im System sind, und das trifft Schwarze Frauen meist noch härter. Wir wollen uns daher gegenseitig unterstützen und uns den Raum nehmen, der uns zusteht.

Interview: Milena Österreicher

* „Schwarz“ wird großgeschrieben, um zu verdeutlichen, dass es sich um ein konstruiertes Zuordnungsmuster handelt. „Schwarz“ ist eine politisch gewählte Selbstbezeichnung, in Ablehnung kolonial-rassistischer Bezeichnungen.

Vgl. dazu Sprach-Glossar auf amnesty.de oder missy-magazine.de/sprache

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