„Manipulation kann auch online stattfinden“

Was Internet-Aktivismus bringt und wer das Netz in Lateinamerika für welche Zwecke nutzt, erklärt Politikwissenschaftlerin Anita Breuer im Interview.

Online-Aktivismus klingt gut, aber reicht er aus, um Veränderungen zu bewirken? Nützt Protest im Netz überhaupt etwas, wenn niemand wirklich auf die Straße geht?

Ja, denn er trägt wesentlich zur Sichtbarkeit von Protest auch über geografische Grenzen hinweg bei. Eine heftige Protestwelle im Internet kann durchaus größeren Schaden anrichten als zum Beispiel der relativ unbemerkte Protest von einer Handvoll engagierter Demonstrantinnen und Demonstranten, die sich mit Transparenten irgendwo vor einer Konzernzentrale postieren. Die Angst vor einem so genannten „Shitstorm“ und dem daraus entstehenden Imageschaden kann die Verantwortlichen unter Umständen eher zu einem Kurswechsel bewegen.

Treten Menschen im Internet eher für politisch fortschrittliche Inhalte ein?

Nein. Das Internet als Medium für Aktivismus ist ja zunächst einmal eine politisch neutrale Infrastruktur. Wenn wir das Bild vom „Datenhighway“ nehmen: Ich kann über die Autobahn mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus brausen, um ein Leben zu retten, ich kann über die Autobahn aber auch nach einem bewaffneten Banküberfall mit einer Geisel flüchten. Also ist politischer Aktivismus im Netz nicht per se „gut“ im Sinne von fortschrittlich, demokratisch oder liberal. Das zeigt sich schon allein daran, dass auch rechtsextremistische Organisationen im Netz zunehmend aktiv werden und so Jugendliche rekrutieren.

Sind die Online-Medien in Lateinamerika nicht nach wie vor in erster Linie der Elite vorbehalten?

Wenn es um die politische Elite geht, würde ich das eher verneinen. Sprechen wir von der Bildungselite oder der ökonomischen Elite, dann muss die Antwort eher ja sein. Zum einen ist Zugang zum Internet in Lateinamerika eher den ökonomisch Bessergestellten vorbehalten. Das hat unter anderem mit den Kosten im Verhältnis zum durchschnittlichen Pro-Kopfeinkommen zu tun. In Deutschland verschlingen 500 MB Internet-Flatrate nur 0,4 Prozent des durchschnittlichen Monatseinkommens, während es in Kolumbien um die 30 Prozent sind.

Zum anderen spielt Bildung eine wichtige Rolle, wenn es um die sogenannten „Digital Skills“ geht, also um die notwendigen Kompetenzen im Umgang mit moderner Kommunikationstechnologie. Diese sind ja die Voraussetzung dafür, dass ich das Internet überhaupt für politische Zwecke nutzen kann. Und dann darf man die sprachlichen Barrieren nicht vergessen. Natürlich ist in Lateinamerika Spanisch die dominante Sprache im Internet, das heißt, die indigene Bevölkerung, die ja ohnehin im politischen Prozess schon marginalisiert ist, ist hier klar benachteiligt.

Wie gehen denn die etablierten Parteien in Lateinamerika mit dem Internet um? Nutzen Regierungen neue Kommunikationstechnologien, um die Bevölkerung mehr einzubeziehen?

Die Regierungen und Parteien in Lateinamerika greifen die Chance zur Interaktion mit dem Bürger und der Bürgerin, die moderne Technologien bieten würden, weitgehend nicht auf. Zwar haben viele einen Web-Auftritt, der aber vor allem der Selbstdarstellung dient. Dort, wo Interaktionsmöglichkeiten angeboten werden, handelt es sich oftmals nur um PR, also um eine symbolische „Vorgaukelung“ zusätzlicher Partizipationsmöglichkeiten für die Bürgerinnen und Bürger.

Protest spielt sich nun auch teilweise virtuell ab, neue politische Ideen können besser verbreitet werden: Ändert das etwas an den wesentlichen politischen Strukturen? Wählerinnen und Wähler können ja theoretisch auch online von mächtigen Akteuren manipuliert werden.

Ja, natürlich kann Manipulation auch online stattfinden, und auch in Lateinamerika wird Wahlkampf ganz klar digital geführt. In Venezuela etwa hat Hugo Chavez Twitter immer sehr intensiv zur Verbreitung seiner Botschaften genutzt.

Ob allerdings das Internet in Wahlkampfzeiten oder in politischen Krisensituationen das Kräfteverhältnis entscheidend beeinflussen kann, wage ich zu bezweifeln. Gerade dann, wenn wir von Ländern sprechen, in denen vielleicht gravierende demokratische Defizite fortbestehen. Wird der Protest im Netz zu laut, wird mancherorts einfach der Zugang zu sozialen Medien gesperrt.

Interview: Nora Holzmann

nach oben

Durch die Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich mit dem Einsatz von Cookies einverstanden. Mehr Informationen