Mauern ohne Sinn, ein Kommentar

Von Tobias Prüwer · · 2022/Sep-Okt
Erstürmung der anderen Art: in- und ausländische Tourist*innen auf der chinesischen Mauer nahe Beijing. © Xiang jiangping / AP / picturedesk.com

Warum die meisten Mauern letztlich wenig Sinn machen und welche Mauern dem Zusammenleben von Menschen gut tun.

Über Mauern sprechen heißt, ihre Janusköpfigkeit oder ihr Doppelgesicht anzuerkennen. Als Raumteiler können sie Möglichkeiten eröffnen oder einschränken. Das zieht sich durch die Menschheitsgeschichte, die voll ist von Abgrenzungen, gezogenen Linien, Palisaden und Barrieren. In dieser erwies sich Mobilität als historischer Normalfall. Deshalb hatten Mauern, etwa als Grenzen angelegt, immer nur mittelfristig Bestand. Es gehört zum Wesen der Mauer, umgangen, überklettert, untertunnelt zu werden. Selbst aus Nordkorea konnten bis heute mehr als 50.000 Menschen flüchten.

Selbstverständlich lassen sich aus der Geschichte keine Gesetze ableiten. Doch eines steht fest: Weltweiter Transfer von Menschen, Waren, Geld und Wissen, Börsenschwankungen, Klimakatastrophe, Rohstoffknappheit etc. machen die Regulierung durch Mauerbau auf Dauer zu aufwendig, zu teuer und nicht zielführend. Noch im Deutschland des 19. Jahrhunderts herrschten Grenzkontrollen, Einfuhrverbote, Ausweisungen. Jeder der 41 Staaten fürchtete, von den Armen der anderen überrannt zu werden. In ganz Europa war es nicht viel anders. Trotzdem setzte sich die Idee der offenen Grenze durch. Die damaligen Verhältnisse sind heute undenkbar.

Mauern in den Köpfen. Vor allem aus Gewohnheit und aufgrund unserer beschränkten Vorstellungskraft greifen wir immer wieder zu angeblich Bewährtem wie Mauern zurück. Reißt man diese Mauern in den Köpfen ein, erübrigen sich auch die materiellen. Das klingt selbstredend leichter als es zu realisieren ist. Aber es gibt Bewegung und Bewegungen in diese(r) Richtung. Die Diskussion, Geflüchtete nicht in Sammelunterkünfte zu stecken, sondern ihnen individuelle Wohnungen zur Verfügung zu stellen, gehört dazu.

Leise noch ist die Debatte, statt Grenzabschottungen wie jene mit Hilfe von Frontex zu finanzieren und Menschenleben zu gefährden, Flüchtenden lieber direkt zu helfen, durch geregelte Aufnahme in den Zielländern und wo möglich durch Unterstützung schon in ihrer Heimat. Ethische wie ökonomische Gründe sprechen dafür. Ob der Mensch irgendwann Nationalstaats- und Kulturkreisdenken an sich aufgibt?

China: Die älteste Mauer

Sie ist und war nie eine durchgehende Mauer. Was wir im Allgemeinen als „chinesische Mauer“ bezeichnen, sind viele Reste von Befestigungsanlagen aus unterschiedlichen Epochen. Der Überlieferung nach wurde bereits um 200 v. Chr. eine „lange Mauer“ im Norden des Landes gebaut. Zuerst bestanden die Mauern aus gestampftem Lehm, der mit Stroh- und Reisigschichten vermischt wurde, später aus Naturstein, Ziegeln und Mörtel. Die Funktionen der Mauern wechselten. Zum einen wollte man das Land vor Übergriffen feindlicher „Barbaren“ schützen, zum anderen die eigene Armee am Rückzug hindern, man lenkte Bevölkerungsbewegungen und auch den Handel in gewünschte Bahnen.

Jener Teil der Mauer, den man heute als Tourist*in von Beijing aus zumeist besucht oder von Fotos kennt, stammt aus der Ming-Zeit, wurde ab dem 15. Jh. errichtet. Der Hauptstrang ist 2.400 km lang, hat zusätzlich viele nicht miteinander verbundene Abschnitte und gilt nach Masse und Volumen als das größte Bauwerk der Welt.      B. P.

Hoffnung geben soziale Initiativen, die das Gemeinsame in den Vordergrund stellen: Mieterbewegungen und „Reclaim the Streets“ wollen das Recht auf Stadt erstreiten. Kommunalisierung holt Privatisiertes als öffentlichen Raum zurück. Sachspenden, sozialer Wohnbau, Shared Spaces, Bürgerbeteiligung bei Planverfahren und aktivistischer Milieuschutz sind kleine Hinweise auf das Wachsen solidarischer Städte, in denen geschlossene Gemeinschaften und Segregation abnehmen, die ja immer auch ein Hinweis auf Mauern sind, mentale oder reale.

Mauern als Schutz. Mauern können auch Schutz bedeuten, etwa in der Klimakatastrophe als Dämme. Naturunbill wehren sie nach außen ab, als Räume des Miteinanders wie Jugend- und Kulturzentren, als bezahlbares, diverses Wohnumfeld wirken sie nach innen. Die politische Symbolik feierte die mauerlose Stadt als tugendhaft, weil sie auf die Wachsamkeit der Bürger*innen baute. Das lässt sich wenden: Offene Gesellschaften setzen auf die Achtsamkeit ihrer Mitglieder. Ihre Sicherheit gilt allen Schutzsuchenden. Die Wertschätzung der eigenen vier Wände gibt keinen Grund, anderen ihr Zuhause nicht zu gönnen – wo immer sie leben wollen.

Tobias Prüwer © Christiane Grundlach

Tobias Prüwer lebt als freier Autor in Leipzig. Er ist Verfasser von „Welt aus Mauern. Eine Kulturgeschichte“ (2019), erschienen im Wagenbach Verlag. Zuletzt erschien „Kritik der Mitte. Vom Nabel der Welt“ (2022).

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