Mega-Staudämme

Weltbank und Regierungen in den Industriestaaten haben jahrzehntelang den Bau von Staudamm-Megaprojekten in aller Welt unterstützt. Jetzt wurden erstmals deren wahre Kosten und oft überschätzter Nutzen offengelegt. Weiter gebaut wird trotzdem.

Von Ralf Leonhard
Anfang der 90er Jahre sprach noch niemand von Globalisierung und GlobalisierungsgegnerInnen. Konferenzen zum Freihandelsabkommen GATT und Treffen der Weltbank fanden statt, ohne gesteigertes Interesse jenseits der Wirtschaftsredaktionen zu erregen. Eine Weltbank-Tagung in Washington war jedoch Anlass für globalisierten Widerstand in Form von koordinierten Protesten in Thailand und mehreren Industriestaaten. Es sollte nämlich die Finanzierung des umstrittensten Staudammprojekts von Thailand beschlossen werden. Der Pak-Mun-Damm staut den Mun (oder Moon River), den größten Nebenfluss des Mekong, auf. Die teilweise Überflutung des Pak-Mun-Nationalparks stand damals bevor, Stromschnellen wurden gesprengt, die Lebensgrundlage der Fischer schwer beeinträchtigt. Durch den Dammbau wurden etwa 20.000 Menschen vertrieben oder ihrer Lebensgrundlage beraubt. Schlägertrupps der Elektrizitätsgesellschaft prügelten viele Menschen regelrecht aus ihren Dörfern. Die Berichte über Menschenrechtsverletzungen und ökologische Katastrophen waren so beunruhigend, dass selbst die USA und Deutschland - bis dahin stramme Befürworter von Staudämmen - gegen die Finanzierung durch die Weltbank stimmten. Allerdings setzten sie sich nicht durch.

Immerhin sah sich aber die Weltbank bemüßigt, einen „Bericht über unfreiwillige Umsiedlungen“ in Zusammenhang mit den von ihr finanzierten Vorhaben in Auftrag zu geben. Allein für die Jahre 1986 bis 1993 konstatierte der Autor Michael Cernea die Zwangsumsiedlung oder Vertreibung von rund zwei Millionen Menschen. Was den Spezialisten für Sozialpolitik der Weltbank-Umweltabteilung besonders beunruhigte, war die steigende Tendenz der Umsiedlungszahlen. Das tatsächliche Ausmaß der durch Staudammbauten verursachten menschlichen Tragödien dürfte allerdings weit größer sein: denn bei elf von 36 in China geprüften Projekten wurden keine Zahlen der beabsichtigten oder erfolgten Umsiedlungen geliefert. Fast gleichzeitig kritisierte der ebenfalls von der Weltbank in Auftrag gegebene Wapenhans-Bericht die hohe Quote von wirtschaftlichen Flops bei Projekten im Bereich Wasserversorgung und Hygiene. Daraufhin wurde unter der Patronanz der Weltbank eine Weltkommission für Staudämme (World Commission on Dams, WCD) gegründet, die das Problem grundsätzlich untersuchen sollte. Nach mehr als zweijähriger Arbeit präsentierte die Kommission Mitte November 2000 ihren Bericht, der nicht nur die Wirksamkeit von Großstaudämmen unter die Lupe nimmt, sondern auch Alternativen für die Nutzung von Wasserressourcen und zur Energiegewinnung aufzeigt.

Der Bericht der Weltkommission für Staudämme liefert jetzt erstmals eine umfassende Untersuchung nicht nur der Wirtschaftlichkeit, sondern auch der sozialen und ökologischen Auswirkungen von Großstaudämmen in aller Welt. Ja, die Kommission ging über das reine Auflisten von Problemen und selbst das Abwägen von Kosten und Nutzen hinaus und entwarf ein Konzept, das bei zukünftigen Projekten die gebührende Berücksichtigung der Interessen aller Beteiligten und Betroffenen garantieren soll.

Dafür postulierte sie fünf Grundwerte: Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit, Effizienz, partizipative Entscheidungsfindung und Rechenschaftspflicht.

Die Weltbank hat jahrzehntelang derartige Megaprojekte in aller Welt unterstützt. Auch die meisten Regierungen der industrialisierten Länder haben lange Zeit unkritisch oder ohne ausreichende Prüfung von Alternativen durch Entwicklungshilfegelder oder Exportgarantien zur Verwirklichung von Großstaudämmen beigetragen. Oft haben derartige Zuschüsse oder Bürgschaften und Exportgarantien den Dammbau erst ermöglicht. Österreichs Industrie war allein in den letzten zehn Jahren an Staudammbauten in China, Indonesien, Laos, Kolumbien, Philippinen, Thailand, Türkei und Venezuela beteiligt.

Einigen besonders drastischen Projekten und den Ländern Brasilien und Indien widmet der Bericht eigene Kapitel. Zu den anschaulichsten Beispielen für Fehlplanung und Verbrechen gegen Menschen und Umwelt gehört der thailändische Pak-Mun-Damm. Im Mai 1989 hatte das Kabinett in Bangkok ein Budget von umgerechnet 155,2 Mio. Dollar genehmigt. Zehn Jahre später hatte der Damm 260 Millionen Dollar verschlungen. 24 Millionen wurden von der Weltbank finanziert. Dazu kommen noch die Kosten für Umsiedlungen und Entschädigungszahlungen, die grob unterschätzt worden waren. Denn die verheerenden Auswirkungen der Überflutungen auf den Fischbestand waren nicht einkalkuliert worden. Flussaufwärts blieben von 265 Fischarten nach dem Dammbau nur mehr 96 übrig. Eine nach den Protesten der Betroffenen nachträglich gebaute Fischleiter brachte nicht den erhofften Erfolg. Die Erträge der Fischer schrumpften schnell unter das Subsistenzniveau. Tausende Familien zogen weg oder beteiligten sich an einer mehrmonatigen Besetzungsaktion. Entschädigt wurden sie mit einmaligen Zahlungen von 2400 bis maximal 3600 US-Dollar. Da ihnen keine neue Lebensgrundlage geboten wurde, hatten sie das Geld bald ausgegeben und sich zusätzlich verschuldet. Nicht erfasst und entschädigt wurden Dorfgemeinschaften, die von den Produkten der Uferwälder gelebt hatten. Sie konnten dort Bambus, Pilze und 40 weitere essbare Pflanzen sowie Heilkräuter ernten. Die Kommission kritisierte die Vernichtung der Fischergemeinschaften, für die der Fluss nicht nur Lebensspender, sondern auch Zentrum des sozialen und religiösen Lebens war. Einmalige Zahlungen könnten für den Verlust der Kultur keine geeignete Entschädigung sein.

Die WCD rechnet außerdem vor, dass Pak Mun als Energieprojekt ein völliger Fehlschlag ist. In der Regenzeit wird der vom Kraftwerk erzeugte Strom nicht gebraucht und in der Trockenzeit ist der Wasserstand zu gering, um den Bedarf zu decken. Statt der geplanten 150 MW erzeugte das Kraftwerk in den Jahren 1995-1999 durchschnittlich nur 20,81 MW - nicht einmal 14 Prozent. „Wenn Kosten und Nutzen von Anfang an angemessen abgewogen worden wären, ist es unwahrscheinlich, dass das Projekt unter den gegebenen Umständen gebaut worden wäre“, schließt die WCD ihre Analyse.

Der Autor ist ständiger Mitarbeiter des SÜDWIND- Magazins und lebt in Wien

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