Mehr als eine Buchungszeile

Von Irmgard Kirchner ·

Wenn Österreich auch in Zukunft Entwicklungszusammenarbeit nicht nur bezahlen, sondern auch gestalten will, sind Personaleinsätze unverzichtbar.

Gibt es bald keine österreichischen „EntwicklungshelferInnen“ mehr? Kirchliche Organisationen, darunter die größte Entsendeorganisation, Horizont 3000, schlagen Alarm. Sie sehen das Personalprogramm gefährdet. In der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit (EZA) seien die finanziellen Rahmenbedingungen für die Entsendung von Fachkräften in der bestehenden Qualität nicht mehr gegeben. Sie rufen dazu auf, ihren Appell an die Bundesregierung mit zu unterzeichnen. Gefordert wird eine Erhöhung des EZA-Budgets (Stichwort: 0,7 Prozent des Bruttonationalproduktes), speziell für die bilaterale Entwicklungszusammenarbeit der Nichtregierungsorganisationen (NGOs.)
Schon seit geraumer Zeit zeichnet sich ab, dass EZA angesichts neuer und wichtiger Instrumente wie Budgethilfe und Entschuldung immer stärker zwischen Staaten und Regierungen abgehandelt wird. Das Geld für „gestaltbare Hilfe“ wird weniger. Und bei der bilateralen EZA sind die Personaleinsätze gewissermaßen das Filetstück. Auch wenn es oberflächlich betrachtet leicht scheint, sie zu kritisieren.
„Entwicklungshelfer“ nennt man sie offiziell kaum noch, jene Menschen, die im Rahmen eines Entwicklungsprojektes in einem Partnerland arbeiten. Ihr Berufsbild hat sich gewandelt, ebenso die Bedingungen. „Gutes tun und helfen wollen“ reichen als Voraussetzungen längst nicht mehr aus. Heute werden gut ausgebildete Fachkräfte mit hoher Motivation und niedrigem Gehalt nach solider Vorbereitung in der Heimat auf Anfrage von Partner(länder)n im Süden entsendet.
Gibt es dort nicht genug einheimische entsprechend ausgebildete Fachkräfte? Will man die Kontrolle der Projekte nicht aus der Hand geben? Berechtigte Einwände, wenn man den Wert der Personaleinsätze beschränkt auf die im Rahmen des Projektes geleistete Arbeit sieht.
Doch die Personaleinsätze sind darüber hinaus entwicklungspolitische Bildungsarbeit in doppeltem Sinn: Entwicklungszusammenarbeit braucht eine starke Verankerung in der Bevölkerung. Die ehemaligen und zukünftigen EntwicklungshelferInnen sind lebende Werbeträger für die EZA. Sie bewirken, dass das Thema im Gespräch und im öffentlichen Bewusstsein bleibt. Sie sind, das ist sogar wissenschaftlich erwiesen*), ein Gewinn auch für die heimische Gesellschaft. Sie fungieren als Brückenbauer zu anderen Kulturen, engagieren sich gesellschaftlich und politisch, sind toleranter etc. Auf jeden Fall garantieren sie, dass EZA ein Unterfangen zwischen realen Menschen bleibt, „auf Augenhöhe“, wie so gerne propagiert wird, mit direkten Kontakten und Netzwerken, mehr als eine Buchungszeile für die Überweisung nach Brüssel oder an irgendeine multilaterale Institution.
Diejenigen, die heute die Entwicklungszusammenarbeit maßgeblich gestalten, waren zum Großteil einmal „EntwicklungshelferInnen“. Sie haben einen Teil der für ihre Karriere notwendigen Qualifikation bei einem Personaleinsatz erworben. Diese erfüllen in Österreich eine unverzichtbare Ausbildungsfunktion.
Wenn Österreich seine EZA nachhaltig weiterhin gestalten will, wird der Beitrag der „EntwicklungshelferInnen“ unverzichtbar sein.


*) Annemarie Krammer/Claudia Oberndorfer: „Einsatz danach.
Die Rolle der RückkehrerInnen in der österreichischen Gesellschaft. Diplomarbeit, ÖFSE Forum 16, Wien 2001.

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