Mein Waschbrettbauch, meine Lebensperspektive

Wie eine Yogalehrer-Ausbildung jungen Leuten aus armen Gegenden in Kenia eine Zukunft bietet, hat Anja Bengelstorff recherchiert.

Mehr als Fitness und Entspannung: Ausbildung zum Yogalehrer statt Jugendarbeitslosigkeit.© Anja Bengelstorff

Drinnen hat es 30 Grad. Die späte Vormittagssonne brennt auf das Blechdach der Apostolic Light Mission Church im Slum Kangemi in der kenianischen Hauptstadt Nairobi. Zwölf junge Erwachsene liegen auf Gummimatten auf dem Boden des fensterlosen Verschlags. Lautes Kindergeschrei dringt aus der Grundschule nebenan. Doch bald übertönen die Geräusche in der Kirchenhütte das Kinderlachen mühelos.

Die vier Frauen und acht Männer auf den Matten strecken sich, posieren, atmen, schwitzen. Schon nach zehn Minuten wird ihr Stöhnen lauter, länger, tiefer. „So klingt Glücklichsein!“, freut sich Yogalehrer George Thande. „Willkommen in der Welt des Waschbrettbauchs.“

Das indische Yoga ist längst angekommen im ostafrikanischen Kenia, berühmt für seine LangstreckenläuferInnen, die bei sportlichen Wettkämpfen regelmäßig andere Nationen chancenlos hinter sich lassen. Heute boomen Wellness und Sporttreiben in der breiten urbanen Bevölkerung. Und es findet sich kaum noch ein Fitness-Studio, das kein Yoga anbietet. Aber es geht auch um ganz andere Aspekte sozialer Natur.

Job-fit. Das Yoga-Training in Kangemi wird von einer Organisation veranstaltet, die nicht nur Fitness, Ausgleich und Entspannung anbieten, sondern mithelfen will, ein gesellschaftliches Problem zu lösen: Jugendarbeitslosigkeit.

„Das Africa Yoga Project hat seit 2007 mehr als 300 Yoga-Lehrer und -Lehrerinnen aus 15 afrikanischen Ländern ausgebildet“, sagt Sprecherin Laura Schutter in Nairobi. „Dabei richten wir uns vor allem an junge Leute aus ärmeren Gegenden. Etwa 50 von ihnen erhalten pro Jahr ihre Ausbildung mit einem Stipendium.“

Thande aus Kangemi ist einer von ihnen. Bevor er vor sechs Jahren Yoga für sich entdeckte, reparierte er Telefone und spielte professionell Fußball. Freunde hatten ihm von Yoga erzählt und er beschloss, es auszuprobieren. Inzwischen verdient der 32-Jährige sein Geld fast ausschließlich mit Yoga-Unterricht.

Als Lehrer im ersten Jahr berechnet er für eine Yoga-Stunde zwischen sechs und 16 Euro pro Person, abhängig von der Größe der Klasse. Neben den drei bis vier bezahlten Stunden wöchentlich muss Thande wie jeder Stipendiat fünf Mal pro Woche in armen Gegenden unterrichten, in Mehrzweckgebäuden wie der Pfingstkirche in Kangemi, in Grundschulen, in Gefängnissen.

Dabei handelt es sich um eine gemeinnützige Initiative des Africa Yoga Project, die für TeilnehmerInnen kostenlos ist und für die die Unterrichtenden eine Aufwandsentschädigung erhalten. Nach Angaben der Organisation trainieren so wöchentlich bis zu 6.000 Hobby-SportlerInnen, die sonst nicht die Chance hätten, Yoga zu praktizieren, in mehr als 300 Klassen in Afrika.

Für kurze Zeit sorgenfrei. Mit Fremden an einem Ort zusammenzukommen, an dem man sich kurzzeitig und unbeschwert von seinen Sorgen freimachen kann, sich Zeit für sich selbst zu nehmen und zur Ruhe zu kommen – das ist für viele eine neue und einzigartige Erfahrung.

Sich auf die Gegenwart, den Moment zu konzentrieren, ist zudem ein großer Luxus in einem Leben, das für die Mehrheit der KenianerInnen von existenziellen Nöten beherrscht ist.

Das spirituelle Element im Yoga war für manche KenianerInnen anfangs ein Problem, räumt Thande ein. „Es war nicht so einfach zu erklären, dass es nicht um Teufelsverehrung geht. Beim Power-Yoga, das wir hier praktizieren, steht aber die Fitness im Vordergrund.“ So wird Yoga für eine breite Masse zugänglicher.

Für Thande ist Yoga mehr als eine Einkommensquelle. „Ich war kein guter Mensch, vorher. Yoga hat meine Lebensperspektive verändert“, gibt er zu. „Ich wollte das schnelle Geld, aber mich nicht dafür anstrengen. Yoga lehrt uns, Ziele zu setzen, wie wir sie erreichen und wie wir mit schwierigen Situationen umgehen.“ Heute sei er viel geduldiger.

Umdenken. Catherine Njeri, die beim Africa Yoga Project die KursleiterInnen koordiniert, hat ähnliche Erfahrungen gemacht: „Am Anfang habe ich Yoga nicht ernst genommen“, erzählt sie. „Wir haben in der Klasse herumgehampelt, bis die Lehrerin fragte, ‚Worauf wartet ihr eigentlich? Euer Leben passiert jetzt.’ Das hat bei mir den Schalter umgelegt.“

Ihr Beruf als AusbildnerInnen, als „ErzieherInnen“ im klassischen Sinn macht Yoga-LehrerInnen zu potenziellen Mentoren und erhöht ihren Status in der Gesellschaft. „Plötzlich werden wir als ‚Lehrer’ angesprochen. In unserer Kultur ist das ein ehrenwerter Titel“, sagt Njeri.

Für Beatrice Mwangi hat Yoga sogar politische Wirkungen. Die 32-Jährige besucht Thandes Kurs. Sie lebt in Kangemi, wo sie mit dem Verkauf von Wasser ihren Lebensunterhalt verdient. Vor drei Jahren hörte sie zum ersten Mal von Yoga und wurde neugierig. Weil sie Gewicht verlieren wollte und ihr Joggen nicht gefiel, probierte sie Yoga aus.

15 Kilo Gewichtsverlust später praktiziert sie inzwischen drei Mal pro Woche. „Wir lernen aber auch etwas über positives Denken“, erzählt sie, „und wie wir als Nachbarn friedlich zusammenleben können.“

Gerade arme Gegenden wie Kangemi zahlen einen hohen Preis an Menschenleben und zerstörtem Eigentum, wenn PolitikerInnen aus Eigeninteresse Menschen verschiedener ethnischer Gruppen gegeneinander ausspielen. „Hier beim Yoga ist unsere Herkunft egal“, sagt Mwangi. „Yoga verbindet uns. Dieses Gefühl überträgt sich auch auf andere Lebensbereiche.“

Am Ende von Thandes Unterricht sitzen alle im Kreis und sagen Dank: für den Unterricht, für ihre Gesundheit, für das Geschenk des Lebens. Das gehöre nicht zum Yoga-Unterricht, erklärt Njeri. „Viele Teilnehmer sitzen nach dem Unterricht noch zusammen und teilen ihre Probleme miteinander. Das schafft eine Gemeinschaft jenseits von Politik und der eigenen Ethnie.“

Anja Bengelstorff arbeitet seit mehreren Jahren als freie Journalistin in Kenia und schreibt für deutschsprachige Medien.

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