Migration als Entwicklungschance

Warum wir eine andere Sichtweise auf die Flüchtlingskrise brauchen.

Von Irmgard Kirchner
© Illustration: Thomas Kussin

Die Hauptlast der aktuellen Flüchtlingskrise – nach UNHCR-Schätzungen 80 Prozent – tragen unverändert die meist armen Nachbarstaaten der Krisenländer. Doch auch Europa ist von dieser größten Fluchtbewegung seit dem Zweiten Weltkrieg massiv herausgefordert. Der gefühlte Ausnahmezustand ist nichts Noch-Nie-Dagewesenes. Ob man viele oder wenige Jahrzehnte in die Geschichte zurückblickt: Vertreibung, Flucht vor Gewalt und Elend, Aufbruch in ein erhofftes besseres Leben gehören zur menschlichen Geschichte und Entwicklung. Auch viele ÖsterreicherInnen sind in andere Gegenden der Welt migriert.

Die Probleme, die Menschen in Bewegung setzen, „vor Ort“ zu lösen, gelingt nur in beschränktem Ausmaß. Die globalen Anstrengungen sind halbherzig, die bereits existierenden globalen Organisationen, allen voran das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR, unterfinanziert. Ob es sich um Entwicklungsziele oder Klimaziele handelt: globale Probleme werden gern national ausgeblendet. Eine ungleiche Verteilung der Lebenschancen auf der Erde hat zwangsläufig Auswirkungen für alle.

Migration stellt die Gesellschaften in den Herkunfts- und in den Zielländern vor große Herausforderungen. Das ist eine echte Querschnittsaufgabe für alle Politikbereiche und Segmente der Gesellschaft. Wenn wir die positive Chance in der Migration sehen können, eröffnet uns das viele Möglichkeiten. Hass und Ausgrenzung dienen den Interessen einiger weniger, die die Ängste vieler zu ihrem Vorteil instrumentalisieren.

Aufgaben der Entwicklungspolitik. Allein aus der Perspektive und Interessenlage der reichen, abgesicherten Länder des Nordens wird man die Herausforderung aktueller und zukünftiger Flucht- und Migrationsbewegungen nicht durchblicken. Wenn es um globale Sichtweise und partnerschaftliche Zusammenarbeit mit so genannten Entwicklungsländern geht, haben Entwicklungspolitik und -zusammenarbeit jetzt dringend benötigtes Know-How anzubieten. Dieses sollten sie einbringen – ohne sich in die verbale Endlosschleife der Migrations-Abwehr einflechten zu lassen.

In den Weltnachrichten, der offiziellen Publikation der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit, schrieb unlängst der international renommierte Migrationsexperte Rainer Münz: „Machen wir uns nichts vor: Weder mehr Freihandel noch Maßnahmen der Entwicklungspolitik, sondern mehr Migration und Mobilität sind die kurzfristig wirksamsten Formen, Armut zu mindern.“

Es braucht die Diskussion darüber, wie Migration entwicklungsfördernd gestaltet werden kann.

Entwicklung ist keine Einbahnstraße. Im Umgang mit Geflüchteten und MigrantInnen entwickelt sich unsere Gesellschaft weiter (wie alle Gesellschaften vor ihr). Es besteht die Chance, die vielbeschworene Wertegemeinschaft Europas jetzt mit Leben zu füllen. Die Menschen, die zu uns flüchten, sind ExpertInnen im Überwinden vieler Grenzen geworden. Es ist nun an den GastgeberInnen, sich weiter zu entwickeln im Sinne einer humanen, offenen Gesellschaft, deren Horizont über die nationalen Grenzen oder die nächste Wahl hinausreicht.

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