Ministaat São Tomé träumt vom Ölreichtum

Vor den Küsten der westafrikanischen Atlantikinseln liegt hochwertiges Öl. Doch die Funde sind bisher zu gering, als dass sich die Ausbeute lohnt.

Von Arno Mayer aus São Tomé
Wer kennt schon São Tomé? In der Regel hilft nur der Griff zum Atlas weiter. Richtig: da ist sie, eine Insel am Äquator vor der Westküste Afrikas. São Tomé ist rund 300 Kilometer von Gabun entfernt und bildet mit der kleineren Schwesterinsel Príncipe einen Ministaat, der gerade mal 150.000 EinwohnerInnen hat. Stolz weisen sie darauf hin, dass ihr Land „in der Mitte der Welt liegt“ – dort, wo der Null-Meridian den Äquator schneidet. Die Portugiesen stießen 1470 auf die Inseln. Sie verleibten sie sich als Kolonie ein, von der aus sie SklavInnen vor allem für ihre Besitzungen in Brasilien verschifften.
São Tomé, wie auch die Hauptstadt heißt, führt immer noch ein beschauliches Dasein. Niemand hat es hier besonders eilig, das Leben fließt in vorgezeichneten Bahnen dahin. Doch als vor einigen Jahren geologische Gutachten von riesigen Ölvorkommen im Atlantik sprachen, begannen die InsulanerInnen von märchenhaftem Reichtum zu träumen. Auf den Straßen reden vor allem die Männer noch immer von den Petrodollars, die sie ihrer Meinung nach eines Tages zu Millionären machen werden.
Die Wirklichkeit sieht allerdings anders aus. Die Ingenieure des US-Konzerns Chevron sind bei Probebohrungen zwar auf hochwertiges Öl gestoßen, aber in so geringer Menge, dass sich eine Ausbeutung noch nicht lohnt. Sollten sie größere Vorkommen entdecken, würde es immer noch um die fünf Jahre dauern, ehe das schwarze Gold gepumpt werden könnte.
Skeptiker glauben ohnehin, dass Ölfunde die Probleme São Tomés eher vergrößern als verringern würden. Sie verweisen auf Nigeria, den größten Produzenten Afrikas, wo das Durchschnittseinkommen sich keineswegs verbessert hat, seit Öl gefördert und exportiert wird. Schuld daran ist vor allem die Korruption, die die Reichen reicher macht und die Armen weiterhin ausschließt. Zwar hat São Tomé bereits vorsorglich ein Gesetz verabschiedet, das eine solche Misswirtschaft verhindern soll, aber ob es auch funktionieren wird, wenn erst einmal Öl fließt, ist ungewiss.

São Tomé ist heute eines der ärmsten Länder der Welt, dem die Weltbank und der Internationale Währungsfonds gerade 314 Millionen US-Dollar an Schulden erlassen haben. Zwar wächst auf den subtropischen Inseln mit ihren ausgedehnten Regenwäldern alles, was angepflanzt wird. Ende des 19. Jahrhunderts war São Tomé sogar für eine kurze Zeitspanne der bedeutendste Kakaoproduzent der Welt – freilich auf Grundlage einer kolonialen Plantagenwirtschaft, die zunächst von der Arbeitskraft von SklavInnen, dann von billigen KontraktarbeiterInnen vom afrikanischen Festland zehrte. Nach der späten Unabhängigkeit São Tomés 1975 verstaatlichte die marxistische Regierung die Kaffee- und Kakaoplantagen, doch ging die Produktion damit schlagartig zurück. Seit die Weltmarktpreise für Kakao und Kaffee dramatisch gefallen sind, ist es mit den Einnahmen aus dem früher lukrativen Geschäft nicht mehr weit her.
Als die Nachrichten über mögliche Ölfunde Furore machten, tat sich São Tomé mit Nigeria zusammen, weil es selbst kein Geld hatte, um in das Geschäft zu investieren. Nigeria beansprucht 60 Prozent aller künftigen Einnahmen, São Tomé muss sich mit 40 Prozent zufrieden geben. Es wurden etliche Konzessionen für Probebohrungen vergeben, aber nur Chevron machte sich an die Arbeit. Auch China versucht seit einiger Zeit, sich über andere Ölgesellschaften noch einzuklinken. Direkt mit São Tomé geht das nicht, denn der Inselstaat hat sich nach der Selbständigkeit von 1975 als eines der wenigen Länder auf diesem Planeten entschlossen, Taiwan anzuerkennen. Überall auf der Insel sind Schilder zu sehen, die auf die Zusammenarbeit mit dem nichtkommunistischen China hinweisen. Könnte die Regierung in São Tomé nochmals entscheiden, dann würde sie sich zu gerne mit Peking zusammentun, wie unverhohlen zugegeben wird. Doch Festland-China hat bisher keinerlei Interesse gezeigt. Es lehnt diplomatische Beziehungen mit allen Ländern ab, die mit Taiwan kooperieren.

São Tomé hat seit 1975 eine recht bewegte Geschichte hinter sich. Nach einem marxistischen Einparteienstaat wurde 1990 eine demokratische Verfassung verabschiedet. Seit den letzten Parlaments- und Präsidentschaftswahlen von 2006 regiert eine bürgerliche Koalition unter Präsident Fradique de Menezes, während die Sozialdemokraten die Oppositionsbänke drücken. Sagten die Parteien vor zehn Jahren den WählerInnen noch eine glänzende Zukunft voraus, wenn das Öl fließe, ist heute Ernüchterung eingekehrt. Der sozialdemokratische Parteichef, Joaquim Rafael Branco, schilderte in einem Interview zunächst die marxistische Periode, in dem die damalige Generation von einem kleinen, aber glücklichen Land geträumt habe. Doch nach zehn Jahren sei wegen ausbleibender Erfolge das gesamte System in Frage gestellt worden, denn es sei unmöglich gewesen, unter der Einparteien-Regierung eine Marktwirtschaft zu etablieren. Brancos Prognosen für die Zukunft sind nach den Erfahrungen jenes Jahrzehnts bescheiden. Falls Öl gefunden werde, stelle dies eine Möglichkeit zur Entwicklung des Inselstaates dar, aber eine bessere Zukunft sei auch ohne Öl denkbar. Wichtig sind Brancos Meinung nach eine gute Schulbildung für die Jugend und die Erschließung neuer Wirtschaftsbereiche, so im Tourismus. Allerdings müsste dafür zuerst eine bessere Infrastruktur auf den landschaftlich paradiesischen Inseln geschaffen werden. Das reicht von den sanitären Verhältnissen und der Stromversorgung bis zum Straßenbau. Der Strom ist manchmal den ganzen über Tag weg. Nur wer sich einen Generator leisten kann, lebt angenehm.
Für TouristInnen stehen gerade eine Handvoll Hotels zur Verfügung, was zum Charme São Tomés enorm beiträgt. Geld lässt sich so nicht verdienen, doch ist, wer das Meer, den Regenwald und gutes Essen liebt, als TouristIn dort bestens aufgehoben. Im Süden der Insel wurde mit einem ökotouristischen Projekt begonnen, das dem Schutz von Schildkröten dient, gleichzeitig das Einkommen der Einheimischen aufbessert und so eine bessere Zukunft verspricht.

Der Autor arbeitete 40 Jahre lang für die Deutsche Presse-Agentur, davon 30 Jahre als Auslandskorrespondent, unter anderem in der Sowjetunion, in den USA und im südlichen Afrika.

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