„Mir geht es nicht um Bestrafung“

Von Claudia Mende ·

Jestina Mukoko setzt sich im diktatorisch geführten Simbabwe für Menschenrechte ein. Für ihren Mut zahlt sie einen hohen Preis.

Jestina Mukoko erzählt ganz ruhig, wie sie von Schergen des Mugabe-Regimes verschleppt wurde. Solange, bis die Rede auf ihren Sohn kommt. Dann wird ihre Stimme doch brüchig. 18 Jahre alt sei er jetzt und doch hätte er am liebsten nur geweint, anstatt das zu tun, was sie ihm immer für solche Situationen eingeschärft hatte. Erst nach einer Weile riss er sich zusammen und informierte per Handy die Vertrauten, die die Information über ihre Verschleppung im Ausland publik machten und so wohl ihr Leben retteten.

Es war am Abend des 3. Dezember 2008. Jestina Mukoko hatte es sich gerade im Nachthemd gemütlich gemacht, als Sicherheitskräfte von Präsident Mugabe völlig unerwartet in ihr Haus drangen und sie zwangen mit zu kommen. Sie durfte sich nicht einmal umziehen.

Jestina Mukoko, 55 Jahre alt, leitet das Zimbabwe Peace Project, eine Organisation, die Menschenrechtsverletzungen in dem Land im südlichen Afrika dokumentiert und monatlich in einem Bericht veröffentlicht. Die ehemalige Journalistin geriet durch diese Arbeit zusammen mit ihrem Kollegen Broderick Takawira ins Visier der Sicherheitskräfte. Einst war Simbabwe ein Vorbild an Rechtsstaatlichkeit in Afrika, doch seit Jahren sind Folter, Vergewaltigung und Verschwindenlassen politischer GegnerInnen an der Tagesordnung. Trotzdem ist es den Mugabe-Leuten bis heute nicht gelungen, die Justiz komplett zu kontrollieren. Für das Schicksal von Jestina Mukoko spielt dieser Rest an unabhängiger Justiz eine wichtige Rolle.

Denn Diktator Robert Mugabe und einer Clique von Parteigenossen seiner Partei Zanu-PF sind alle Mittel recht, um sich Macht und Pfründe zu bewahren. Auch nach der verlorenen Präsidentschaftswahl im Mai 2008 weigerte sich Mugabe, abzutreten, und wollte seinen Herausforderer Morgan Tsvangirai von der oppositionellen Partei Movement for Democratic Change (MDC) in die Stichwahl zwingen. Tsvangirai sagte den zweiten Urnengang aber ab, denn die Risiken für ihn und seine AnhängerInnen waren zu groß, ihre persönliche Sicherheit nicht garantiert.

Im Herbst 2008 einigten sich beide Parteien auf eine Teilung der Macht und bilden seitdem gemeinsam die Regierung. Die Vereinbarung ist eine fragile Basis für die Zusammenarbeit zweier Todfeinde, zumal die Schlüsselressorts immer noch von Zanu-PF-Leuten besetzt sind. Die Vereinbarung gilt bis heute, obwohl Tsvangirai einmal entnervt das Handtuch warf, später aber an den Kabinettstisch zurückkehrte. Das Ausland beobachtet das Arrangement mit Misstrauen, aber für viele SimbabwerInnen ist es ein Hoffnungsschimmer nach Jahren einer schier ausweglosen Krise.
Überblick
Durch die umstrittene Landreform Mugabes ist die Landwirtschaft in Simbabwe fast komplett zusammengebrochen. 2009 war die Hälfte der Bevölkerung auf Lebensmittelhilfe angewiesen. Geringe Niederschläge lassen einen erneut hohen Bedarf an Nahrungsmittelhilfe für 2010 erwarten, obwohl wieder mehr Bauern ihre Felder bestellen konnten.

Seit der Einigung zwischen Mugabe und Tsvangirai im Herbst 2008 haben zahlreiche Länder ihre Hilfe für Simbabwe wieder aufgenommen. Die Europäische Union hatte ihre Hilfen aus dem Europäischen Entwicklungsfonds 2002 eingefroren. Dennoch blieb die EU Simbabwes größtes Geberland. Seit 2002 flossen 572 Millionen Euro an humanitärer Hilfe ins Land. 2009 stellte die EU weitere neun Millionen Euro für Bevölkerungsgruppen zur Verfügung, die besonders schwer von der Krise in Simbabwe betroffen sind.

Im Oktober 2009 wurde dem UN-Sonderberichterstatter über Folter, dem Österreicher Manfred Nowak, die Einreise nach Simbabwe verweigert.
C.M.

Oppositionelle werden jedoch weiterhin verfolgt. Jestina Mukoko wurde entführt, weil sie angeblich vom benachbarten Botswana aus plante, die Regierung zu stürzen. Tatsächlich, vermutet sie, habe sie wohl in einem Bericht einen hochrangigen Sicherheitsoffizier belastet. Unter den AnhängerInnen des Regimes ist die Angst groß, sich für ihre Verbrechen eines Tages verantworten zu müssen. Ganz genau wird Frau Mukoko es wohl nie wissen. Drei Monate lang wurde sie festgehalten, teilweise mit Schlägen auf die Fußsohlen misshandelt und in Isolation gehalten. Ihre Familie wusste nicht, wo sie war. Ihr Bruder durchkämmte alle Krankenhäuser und später auch die Leichenhäuser von Harare. Bis heute rauben ihm die Erinnerungen daran den Schlaf.

Drei Monate nach ihrer Verschleppung wurde sie freigelassen. Ende September 2009 stellte der Oberste Gerichtshof Simbabwes fest, dass die Anschuldigungen gegen sie zu Unrecht erhoben worden waren. „Mir geht es nicht um Bestrafung, sondern um die öffentliche Aufarbeitung von Menschenrechtsverletzungen“, sagt Frau Mukoko heute. Für eine nationale Versöhnung in Simbabwe müssten erst die Wunden heilen. „Das geht nicht, wenn man einfach ein Pflaster drüberklebt. Dann schwelen sie weiter.“

Für ihre mutige Arbeit erhielt sie im Dezember 2009 den renommierten Weimarer Friedenspreis. Das „Zimbabwe Peace Project“ verfügt über ein Netzwerk von 420 BeobachterInnen im ganzen Land, die die Projektzentrale mit Informationen über Menschenrechtsverletzungen versorgen. Sie nehmen zum Beispiel Kontakt mit AugenzeugInnen auf und geben Informationen weiter. Diese Arbeit will Mukoko auf jeden Fall weiter führen, auch wenn sie momentan noch an den Folgen der Misshandlung leidet. „Ich muss mich erst von einem Spezialisten behandeln lassen, um besser damit zurechtzukommen. Manchmal verfolgen mich die Bilder aus dieser Zeit und rauben mir alle Kraft.“

Claudia Mende ist freie Journalistin in München und ständige Mitarbeiterin der Zeitschrift „welt-sichten“.

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