Mit fremder Zunge

Von Irmgard Kirchner ·

Droht unserem Planeten nach dem Artensterben nun der Tod der kulturellen Vielfalt?

Die Urlaubskoffer sind ausgepackt. Nach der Fremde fängt uns der Alltag wieder ein. Zum Urlaubserlebnis gehört es auch, sich auf andere Kulturen einzulassen. In fremden Landschaften schmeckt und riecht alles mehr oder weniger anders. Und die Menschen sprechen in einer anderen Sprache.

Wie lange noch? Die Unesco schlägt Alarm: Auf unserem Planeten ist nicht nur die biologische Vielfalt in Gefahr, es droht auch eine Erosion der kulturellen Vielfalt. Die wirtschaftliche Globalisierung und moderne Informationstechnologien seien für eine rasante Beschleunigung des Sterbens von Sprachen verantwortlich. Jedes Jahr verschwinden zehn Sprachen. Noch in diesem Jahrhundert könnten 50 bis 90 Prozent aller heute lebenden Sprachen verschwunden sein. Und Sprache ist nicht nur unser Kommunikationsmittel, sie prägt auch unser Denken und unsere Weltsicht. Biologische Vielfalt und kulturelle Vielfalt finden sich meist am selben Fleck. Beide können nur gemeinsam erhalten werden.

Wenn die Sprachen sterben, sterben auch Möglichkeiten des menschlichen Geistes – auch solche, die ein wirtschaftliches Potential darstellen.

In der Diskussion um Globalisierung und Entwicklung nimmt die Kulturfrage immer größeren Stellenwert ein. Für die Erhaltung einer Spezies ist ein Biotop von einer Mindestgröße notwendig. Auch Sprachen können nur dann überleben, wenn sie mindestens 100.000 SprecherInnen haben, sonst sind sie ein Fall für Linguisten und Lexika.

Vieles deutet darauf hin, dass die Diskussion um das Aussterben der Sprachen in ähnlichen Bahnen geführt wird, wie jene um die Erhaltung der Natur. Andere sollen Vielfalt für uns erhalten. Die unmittelbaren Bedürfnisse dieser anderen sind dabei sekundär. Droht die Gefahr, dass sich die Geberländer und internationalen Entwicklungsagenturen in die nationalen Sprachpolitiken der Entwicklungsländer einmischen?

Sprachpolitik ist immer auch Machtpolitik. Die Festigung von Nationalstaaten ist in der Geschichte stets mit einer sprachlichen Homogenisierung einhergegangen.

Ein Blick in die Kolonialgeschichte zeigt aber auch, dass durch das vorgebliche Bewahren des „Einheimischen“ ein Ausschluss passierte: von einer vollwertigen Teilhabe an dem, was man an Fortschritt in Land zu bringen vorgab.

Wer heute über das Internet kommunizieren möchte, muss englisch sprechen und schreiben können. Schätzungen gehen davon aus, dass 80 Prozent aller Inhalte im Netz in Englisch verfasst sind.

Das Menschenrecht auf die eigene Sprache darf auf keinen Fall angetastet werden. Doch wo der letzte seiner Sprache nur mehr mit dem Tonbandgerät des Linguisten spricht, liegt das Problem nicht vordringlich bei der Sprache. Um Sprachen und Kulturen zu „retten“, muss bei den Lebensbedingungen der SprecherInnen angesetzt werden. Jeder Mensch hat das Recht auf beides: auf seine eigene Sprache und Kultur und auf eine selbstbestimmte Teilhabe an der Welt. Mehrsprachigkeit schafft Kultur täglich neu.

An der vorhandenen Fremdsprachenkompetenz wird dieser Anspruch nicht scheitern: Wie wir zu unserer eigenen Schande gestehen müssen: Im Süden sprechen die Menschen meist mehr Sprachen als wir BewohnerInnen der reichen Länder.

Kollege Werner Hörtner weilt bis Jahresende auf Sonderurlaub. Lateinamerika-Spezialist Ralf Leonhard übernimmt für diese Zeit seine Aufgaben. Barbara Felkel, für SÜDWIND-Marketing zuständig, freut sich auf ihr Baby. Thomas Divis vertritt sie während ihrer Karenzzeit. Das SÜDWIND-Team wünscht in neuer Frische einen schönen Herbst.

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