Mit Kakerlaken gegen soziale Missstände

Von Sarah Helena Schäfer · ·
Logo der indischen Cockroach Janta Party mit einer komikhaft gezeichneten Kakerlake an einem Redepult
© Jayjijau, CC BY-SA 4.0 , via Wikimedia Commons

Wie Indiens „Kakerlaken-Volkspartei“ von einer Online-Satire zur politischen Massenbewegung angewachsen ist.

Der indische Bildungsminister Dhamendra Pradan ist am 25. Juli nach landesweiten Massenprotesten zurückgetreten – ein Erfolg der Generation Z. Zwischen Mitte Mai und Ende Juli hatten tausende junge Menschen gegen die hindunationalistische Regierung von Premierminister Narendra Modi demonstriert.
Ihr Sprachrohr: die sogenannte „Kakerlaken-Volkspartei“, Cockroach Janta Party (CJP), eine Anspielung an die seit 2014 regierende Bharatiya Janata Party (BJP). Was als Satire in den sozialen Netzwerken begann, entwickelte sich rasch zu einer Protestbewegung, die soziale Ungleichheit, mangelnde Arbeitsperspektiven für Studierende sowie Missstände im Bildungssystem kritisiert.

Start auf Social Media
Gegründet wurde die CJP von Abhijeet Dipke, einem 30-jährigen Absolventen der Universität Boston in den USA, als Reaktion auf eine Aussage des obersten indischen Verfassungsrichters Surya Kant. Der hatte zuvor jugendliche Arbeitslose in Indien mit Kakerlaken verglichen und sie der Faulheit beschuldigt. Dipke postete daraufhin auf Social Media ein mit künstlicher Intelligenz erstelltes Satire-Manifest der neuen „Kakerlaken-Volkspartei“ mit der Frage: „Was würde geschehen, wenn sich alle Kakerlaken zusammenschließen würden?“ Damit traf er einen Nerv bei etlichen jungen Inder:innen, die ihren politischen Frust in den Kommentarspalten äußerten.
Obwohl seine Social Media-Konten zunächst durch indische Behörden gesperrt wurden, formierte sich eine Bewegung der Gen Z ähnlich jener in Nepal. Dort wurde 2025 die alte Regierung nach Protesten gegen Korruption gestürzt. Als Antwort auf Regierungsvertreter:innen, die Jugendliche mit Kakerlaken verglichen, konterte Dipke gegenüber dem Sender Al Jazeera: „Sie sollten wissen, dass Kakerlaken sich an verdorbenen Orten vermehren. Genau das ist Indien heute.“ 

Rücktritt des BJP-Bildungsminister gefordert
Mittlerweile hat die CJP über 26 Millionen Follower:innen allein auf Instagram. Der Grund: die Wut über das marode Bildungssystem Indiens. Auslöser dieses rapiden Anstiegs war das Bekanntwerden geleakter Testfragen für eine am 3. Mai angesetzte strenge Aufnahmeprüfung zum indischen Medizinstudium. Der mit großer Anspannung erwartete Termin wurde kurzfristig verschoben und schließlich am 21. Juni unter verschärften Sicherheitsvorkehrungen für mehr als zwei Millionen Bewerber:innen wiederholt. Für viele junge Menschen, die sich jahrelang unter hohem sozialem Druck auf eine der „schwierigsten Aufnahmeprüfungen der Welt“, wie die britische Tageszeitung The Guardian schreibt, vorbereitet hatten, bedeutete die Verschiebung eine zusätzliche starke psychische Belastung. Laut der indischen Zeitung The Indian Express sollen in der Zeit zwischen den beiden Prüfungsterminen mehr als ein Dutzend Bewerber:innen Suizid begangen haben.
Die CJP forderte den Rücktritt von BJP-Bildungsminister Dharmendra Pradhan wegen wiederholter Unregelmäßigkeiten im Prüfungssystem.

CJP-Gründer Dipke reiste im Juni trotz Befürchtungen, verhaftet zu werden, nach Indien um die Demonstrationen vor Ort weiterzuführen. Er selbst wuchs eigenen Aussagen zufolge in der Kaste der „Unberührbaren“ auf. Bei seiner Ankunft in Neu-Delhi und bei bisherigen CJP-Straßenprotesten hielt er symbolisch die Autobiografie des indischen Verfassungsvaters und ehemaligen Justizministers Bhimrao Ramji Ambedkar in der Hand. Auch der gehörte damals der niedrigsten Kaste an. Obwohl die indische Verfassung seit 1950 die Diskriminierung aufgrund von Kastenzugehörigkeit offiziell verbietet, prägt das System bis heute soziale Beziehungen sowie Zugang zu Bildung und politischer Macht im Land.


Demos, Sitzprotest, Hungerstreik und Rücktritt

Die CJP fokussiert sich auf fünf zentrale Forderungen zur radikalen Demokratisierung des politischen Systems in Indien: das Aus für politische Belohnungen in Form von Spitzenposten für hohe Richter, harte Strafen bei Wahlrechtsmanipulation, eine verbindliche 50 Prozent-Quote für Frauen in Parlament und Regierung, unabhängige Medien und ein schärferes Vorgehen gegen Mandatsträger:innen, die aus machtpolitischen Gründen die Partei wechselten.

Um diese Forderungen durchzubringen, hatte sich die Bewegung nach mehreren Straßenprotesten in indischen Städten am 20. Juni auf einen andauernden Sitzprotest in Neu-Delhi verlagert. Prominente Unterstützung gab es u.a. durch den Umwelt- und Bildungsaktivisten Sonam Wangchuk.
Der begann am 28. Juni einen Hungerstreik auf unbestimmte Zeit, um den Druck auf Pradhan und die Regierung zu verstärken. Kurz vor einer Großdemonstration in Neu-Delhi wurde Wangchuk am 18. Juli entgegen seinem Willen von der Polizei vom Protestcamp in ein Krankenhaus gebracht. Die Regierung begründete dies mit seinem Gesundheitszustand. Wangchuk setzte seinen Hungerstreik dennoch vom Krankenhaus aus fort. Beim Protest tausender Studierender am 20. Juli setzten Sicherheitskräfte Schlagstöcke und Tränengas ein und blockierten zeitweise das mobile Internet in Teilen Delhis. Zahlreiche Demonstrierende wurden festgenommen.
Am 23. Juli dann ein erster Sieg: Regierungsvertreter:innen besuchten Wangchuk im Krankenhaus und sicherten zu, die Forderungen der CJP im Parlament zu besprechen. Der beendete daraufhin nach 26 Tagen seinen Hungerstreik. Wenige Tage später trat Bildungsminister Pradhan schließlich zurück.

Die CJP hat den Sitzprotest vorerst beendet, kündigte aber an, wieder zu landesweiten Protesten aufzurufen, solange die zugesagten Reformen der Regierung nicht vollständig umgesetzt würden. Noch komme es laut CJP in mehreren indischen Bundesstaaten zu Festnahmen und Einschüchterungen von Studierenden. Diese landesweite Protestbewegung gilt als die größte gegen die hindunationalistische Regierung seit dem Amtsantritt Modis 2014.

Sarah Helena Schäfer ist freie Journalistin und Sozialwissenschaftlerin. Derzeit forscht sie an der Universität Wien zum Klimawandeldiskurs im Tibetischen Buddhismus. Sie schreibt regelmäßig zu gesellschaftspolitischen und geopolitischen Themen in Tibet, angrenzenden Himalaya-Regionen und Südasien.

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