Mit Pfeil und Bogen gegen die Konzerne

Seit den Sechzigerjahren findet in West-Papua ein Befreiungskampf gegen die indonesische Herrschaft statt. Die Massaker und Vertreibungen des indonesischen Militärs fanden jedoch kaum internationales Interesse. Nun kam erstmals ein Vertreter der Befreiung

Von Thomas Schmidinger
Sam Karoba ist der erste Vertreter der Befreiungsbewegung West-Papuas, dem es gelang, aus Indonesien auszureisen und innerhalb weniger Monate in London Englisch zu lernen. Vor seiner Rückkehr nach West-Papua brach er im März zu einer Rundreise durch Europa auf, um Solidaritätsgruppen, Umweltbewegungen und linke Gruppierungen auf die Unterdrückung der Menschen in West-Papua durch die indonesische Armee und die Zerstörung des Landes durch multinationale Konzerne aufmerksam zu machen.

Die Insel Neuguinea, welche von deutschen, britischen und niederländischen Kolonialherren gedrittelt wurde, blieb im Zuge der Enkolonialisierung zweigeteilt. Während der Osten der Insel 1975 unter dem Namen "Papua-Neuguinea" unabhängig wurde, gelang es der Bevölkerung auf der Westhälfte nicht, ihre selbst von der niederländischen Kolonialmacht angestrebte Unabhängigkeit zu verteidigen. Das Gebiet wurde zwar zuerst von Indonesien als eigene Verwaltungsregion ausgegliedert, jedoch 1962 besetzt und in Irian Jaya umbenannt.

Schon zwei Jahre später führte die repressive Politik der neuen Kolonialmacht zur Gründung der Befreiungsbewegung OPM (Organisasi Papua Merdeka, Papua Befreiungsbewegung). Wer sich darunter eine modern bewaffnete Guerilla vorstellt, liegt jedoch falsch. Sam K. erzählt, dass es sich dabei um Menschen verschiedenster Stämme aus allen Teilen des Landes handelt, die vor den Vertreibungen und Massakern der indonesischen Armee in die Wälder geflüchtet sind: "Die OPM ist keine Armee. Die einzelnen Gruppen agieren so weit von einander entfernt, dass es eigentlich keine Kommunikation zwischen ihnen gibt. Funkgeräte oder Satellitentelefone haben wir nicht, und die Wege zwischen den Lagern sind weit und gefährlich. Überall hat die indonesische Armee Posten aufgestellt, die die Wege zwischen den Dörfern sehr gefährlich machen."

Die 250 Sprachen, die allein in West-Papua gesprochen werden, ermöglichen keine Verständigung zwischen den isoliert lebenden Bevölkerungsgruppen. Dazu kommt die schlechte Bewaffnung. Sam erzählt von seinen Leuten, den Lani aus dem Hochland West-Papuas: "Unsere OPM ist nur mit Pfeil und Bogen bewaffnet und kämpft damit gegen eine hochmoderne Armee."

Erst in den letzten Monaten errichtete die OPM eine überregionale Struktur, die jedoch nicht die Autonomie der einzelnen Gruppen einschränken soll. Zwei "collective tribal leaders", einer für das Hochland und einer für das Tiefland, sollen die OPM nach außen vertreten.

Nach den Massakern der Suharto-Ära sieht die OPM nämlich eine neue Chance für eine friedliche Lösung des Konfliktes. Sam: "Seit dem 26. Februar 1999 befinden wir in uns in einem Dialog mit der Regierung, um unsere Unabhängigkeit mit friedlichen Mitteln zu erreichen. Die OPM hat seither keine militärischen Aktionen mehr unternommen, Wir haben eine politische Organisation gegründet, die unsere Interessen gegenüber der Regierung in Jakarta durchsetzen soll." Die FORERI (Forum for reconciliation of Irian People) hat seither auch einige Erfolge zu verzeichnen. Die Provinz wurde auf ihre Initiative hin wieder in West-Papua zurückbenannt, viele politische Gefangene der OPM in die Freiheit entlassen.

Damit ist für Sam aber nur ein erster Schritt getan, denn "immer noch sitzen viele Unabhängigkeitsaktivisten in indonesischen Gefängnissen. Wir haben immer noch kein Recht, unsere Zukunft selbst zu bestimmen. Unser Land wird weiterhin von multinationalen Konzernen ausgebeutet und zerstört."

Und genau hier liegt auch einer der wichtigsten Gründe für die strikte Verweigerung der Unabhängigkeit durch die Regierung in Jakarta. West-Papua besitzt riesige Rohstofflagerstätten. Auf der Vogelkopf-Halbinsel wird Erdöl gefördert. Eine der weltweit größten Kupfer- und Goldminen befindet sich im Stammesgebiet der Lani im Hochland West-Papuas. 50.000 Tonnen Erz werden pro Tag in der US-Kupfermine Freeport gefördert. Der heilige Berg der Lani wird dabei im Tagbau völlig abgetragen.

Auch Siemens oder Rio Tinto Zinc aus Großbitannien sind am Raubbau der Bodenschätze West-Papuas beteiligt. Sam meint dazu: "Wir wollen die Minen nicht verstaatlichen oder vergesellschaften, wir wollen sie schlicht und einfach schließen. Wir brauchen kein Kupfer und kein Gold, sondern unsere Berge und Wälder, von und auf denen wir leben."

Diese Konzerne haben daher ein massives Interesse daran, eine politische Partizipation der Bevölkerung West-Papuas zu verhindern. Trotzdem sieht Sam eine gewisse Hoffnung, dass die Veränderungen in Indonesien auch an West-Papua nicht spurlos vorübergehen. Immerhin sind die Zeiten "ethnischer Säuberungen" vorbei.

Auch die von der Weltbank finanzierten "Transmigrasi"-Projekte der Achtzigerjahre sind heute Geschichte. Im Rahmen dieser Projekte wurden Hunderttausende Javaner und Maduresen auf entlegene Inseln wie Borneo oder Neuguinea umgesiedelt, um einen indonesischen Nationalstaat zusammenzuschweissen.

Die OPM versucht heute, mit den "TransmigrantInnen" von einst zusammenzuarbeiten und will Auseinandersetzungen verhindern. Sam will "keinen neuen Nationalstaat, sondern in Ruhe gelassen werden. Wenn die MigrantInnen hier bleiben wollen sind sie willkommen. Wir haben in der Zwischenzeit sogar schon einige Nachkommen der Zuwanderer in unseren Reihen und wollen mit ihnen gemeinsam für die Befreiung kämpfen. Sie sind schließlich auch Opfer des Suharto-Regimes und damit nicht unsere Gegner."

Der Autor studiert Politikwissenschaft an der Universität Wien

nach oben

Durch die Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich mit dem Einsatz von Cookies einverstanden. Mehr Informationen