Museums-Frühling

Seit Mai des Vorjahres ist Steven Engelsman Direktor des Völkerkundemuseums in Wien. Darüber, wie er das Haus neu positionieren und öffnen will, sprach er mit Südwind-Chefredakteurin Irmgard Kirchner.

Steven Engelsman

Eigentlich war Steven Engelsman dabei, in Pension zu gehen. Dann kam für den Direktor des renommierten Volkenkundemuseums in Leiden in den Niederlanden die „Riesenchance, den Kollegen in Wien zu helfen, das wunderschöne Museum für Völkerkunde wieder darzustellen“. Seit vergangenem Mai arbeitet der promovierte Mathematiker in Wien. Mit dem klaren Auftrag von Bildungsministerin Claudia Schmied, das Museum neu zu positionieren. Vorangegangen war ein jahrelanger Disput um das Konzept „Museum Neu“. Die angestrebte Fusion mit dem Museum für Volkskunde zu einem Museum der Kulturen in der Neuen Burg war an Ministerin Schmids Widerstand gescheitert. Sie stellte sich gegen eine Wiederausgliederung des Völkerkunde-Museums aus dem Konzern des Kunsthistorischen Museums (KHM) und die Schaffung eines neuen Bundesmuseums. Daraufhin war Direktor Christian Feest im April 2011 zurückgetreten.

Für Engelsman ist eine Wiederausgliederung aus dem KHM vom Tisch. Der neue Direktor, der das Museum in Leiden grundlegend erneuert hatte, fand in Wien ein „abgewandtes und verschlossenes Museum“ vor: „Es war verelendet, 22 Säle standen seit zehn Jahren leer. Sammlungen wurden nicht aus dem Keller geholt und nicht dem Publikum gezeigt.“ Als ersten Schritt hat Engelsman eine neue Organisationsstruktur eingeführt. Mit drei Abteilungen und einer mittleren Führungsebene. Darunter eine starke, dem KHM gegenüber eigenständige Abteilung Marketing und Publikum.

Ein Gesamtkonzept für einen Neuauftritt des Museums liegt seit Oktober letzten Jahres bei Ministerin Schmied. In diesem Frühjahr soll darüber entschieden werden.

Engelsman: „Das hat natürlich seine finanziellen Konsequenzen. Das Museum muss wieder neu eingerichtet werden. Die Ambitionen, die es im Konzept ‚Museum Neu‘ gegeben hat, bleiben bestehen.“ Über einen konkreten Betrag will der Direktor allerdings nicht sprechen. Beim gescheiterten „Museum Neu“ war von einem Bedarf von 20 Millionen Euro die Rede.

Auch inhaltliche Ambitionen des verblichenen „Museum Neu“ bleiben bestehen. Dieses sollte das Manko Wiens beheben, eine Weltstadt ohne Museum der Kulturen zu sein. Viele Seiten, vor allem Grüne und NGOs, hatten die Schaffung eines Museums des Interkulturellen Dialogs gefordert. Engelsman: „Genau das wollen wir sein. Die Mission des zukünftigen Museums ist, Treffpunkt für Menschen und Kulturen aus der ganzen Welt zu sein und Wertschätzung und Begeisterung für kulturelle Vielfalt zu vermitteln.“

Und dabei hätten die österreichischen migrantischen Communities „absolut“ einen Platz: „Das Museum kann nur dann ein Erfolg werden, wenn die migrantischen Communities sagen: ‚Das ist unser Haus. Da haben wir eine Stimme und da reden wir mit.’“ Bei der aktuellen Penacho-Ausstellung zum Beispiel wurde Latino-TV aus Wien mit dem begleitenden Dokumentarfilm beauftragt.

Rund um die Ausstellung des Penacho, des legendären altmexikanischen Federkopfschmucks aus dem 16. Jahrhundert, ist die Diskussion um Restitution von Museumsobjekten wieder aufgeflammt. Von offizieller mexikanischer Seite gebe es keinen Anspruch auf Rückführung, nur eine Bitte, ihn als Leihgabe in Mexiko auszustellen. Doch ein Gutachten in mexikanischem Auftrag hat mittlerweile bestätigt, dass das fragile Stück den Transport nicht unbeschadet überstehen würde.

Engelsman hält nicht viel von einer Konzentration auf Eigentumsfragen: „Viel interessanter ist es, sich zu überlegen, wie kann man mit den Sammlungen gemeinsam etwas Gutes machen.“ Unter dieses „sharing collections" fallen auch die so genannten Benin-Dialogues, bei denen Wien eine weltweite Vorreiter-Rolle habe: „Die Gespräche finden alle zwei Jahre statt zwischen nigerianischen Museumskollegen und Beamten des Kulturministeriums sowie den Museen, in denen die Benin-Sammlungen sind. Es geht um die Frage, wie man mit diesem gemeinschaftlichen Erbe umgeht. Und auch darum, dass wir es irgendwann schaffen, eine Ausstellung zu machen, die auch nach Nigeria geht.“

Das Museum wird auch einen neuen Namen bekommen, der noch geheim gehalten wird: „Der Begriff Völkerkunde trägt noch das Einseitige in sich: der wissenschaftliche Völkerkundler macht seine Aussagen über andere, ohne dass die anderen überhaupt wissen, dass über sie geredet wird.“ Und wie wird die neue Dauerausstellung aussehen? Engelsman: „Das wird eine Perlenkette von Geschichten. Es sind 16 Säle, und jeder Saal erzählt eine eigene Geschichte.“ „Es wird einen Saal für Mexiko geben mit dem Penacho. Ein Saal erzählt von Sammlungen, Sammlungsreisen und von großen Sammlern, wie etwa Franz Ferdinand von Österreich-Este, dem das Museum 14.000 Objekte verdankt. Ein anderer Saal ist der Südsee und den frühesten Erkundungen durch Captain Cook gewidmet.“ Auch zu Migration ist ein Saal vorgesehen: „Die Begegnung von Fremden hat die ganze Weltgeschichte geprägt und ist der Motor der Entwicklung.“

Jetzt ist Kulturministerin Schmid am Zug. Engelsman: „Wenn alles reibungslos vor sich geht, im besten Falle, dann schaffe ich das vor dem 1. Mai 2017, dann ist mein Vertrag zu Ende.“

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