Musik als Körperpolitik

Nicht männlich, nicht weiblich: neutral will Liniker sein und lässt mit einer starken Stimme aufhorchen. Ein Porträt des brasilianischen Musikers von Philipp Lichterbeck.

© Philipp Lichterbeck

Liniker Barros habe sich heute nicht nach Kleid und Lippenstift gefühlt. Heute sei einfach ein Jeans- und T-Shirt-Tag. Und außerdem sei es doch völlig egal, was er trage: Rock, Kleid oder Hosen. „Ich bin frei“, sagt Liniker. „Ich zeige mich so, wie ich mich fühle. Und ich will andere ermutigen, das auch zu tun.“

Es ist ein heißer Freitagabend in Rio de Janeiros Vergnügungsviertel Lapa. Liniker kommt in das Foyer des kleinen Design-Hotels, wo er mit seiner Band abgestiegen ist. Eine herzliche Umarmung, zwei Küsschen, wie sich das gehört in Brasilien. Er rückt sich die schwarze Brille zurecht, streicht sich durch seine halblangen Zöpfe und schürzt die Lippen etwas theatralisch.

Starke Stimme. Am nächsten Abend wird Liniker mit seiner Band, Os Caramelows, in Rio auftreten. Der Kartenvorverkauf läuft schon auf der ganzen Konzert-Tournee äußerst gut. Dabei haben sie bisher nur drei Songs veröffentlicht. Letzten Oktober stellte die Band die Videos auf Youtube. Sinnlicher Soul, cooler Funk, entspannter Pop, aufgenommen im Wohnzimmer eines der Bandmitglieder. Mehr als zwei Millionen Klicks waren die Folge. Liniker wird als Stimme des neuen brasilianischen Soul gefeiert. Auf seinen Shows präsentiert er weitere Songs, alle aus seiner Feder. Ein richtiges Album soll im Herbst erscheinen, sagt Liniker, danach plane man eine Tour durch Europa.

Einzigartiger Auftritt. Doch nicht allein mit soliden Texten und der reifen Stimme Linikers ist der so unmittelbare Erfolg zu erklären. In seinen Videos präsentiert sich der 20-Jährige mit langem Rock, großen Ohrringen, schwarzem Lippenstift und einem Turban, wie er von immer mehr schwarzen Brasilianerinnen getragen wird – als Ausdruck eines neuen schwarzen Selbstbewusstseins. Auf dem Konzert am nächsten Tag wird Liniker ein besticktes Kleid und Lippenstift tragen. Er sagt, dass das mittlerweile von ihm erwartet werde, es sei sein Markenzeichen geworden. Seine Vorbilder: Etta James, Nina Simone, Beyoncé. Aber als Diva tritt Liniker nicht auf, er steigt ins Publikum hinab, sucht den Kontakt, flirtet mit seinen Backgroundsängerinnen, lässt sich von ihnen die Show stehlen.

Weder noch. Liniker bringt die Vorzeichen durcheinander. Im Gespräch will er sich nicht festlegen, ob er ein Mann oder eine Frau sei. Als man ihm erzählt, dass es im Deutschen nicht nur weibliche und männliche Substantive, sondern auch neutrale gibt, sagt Liniker: „Das bin ich! Weder männlich noch weiblich. Man muss sich selbst zerstören, um sich neu zu erfinden.“

Liniker, der ein flaumiges Bärtchen trägt, spielt mit den Geschlechteridentitäten. Zu seinen sexuellen Präferenzen sagt er: „Eu sou bicha!“ – „Ich bin eine Tunte!“ In Brasilien ist bicha ein Schimpfwort. Aber Liniker deutet den Begriff um, bemächtigt sich seiner. „Es ist wunderbar, eine bicha zu sein!“ Außerdem sei er eine schwarze bicha. Die Hautfarbe ist in Brasilien nach wie vor ein entscheidender Faktor für die Chancen eines Menschen im Leben. Liniker nimmt es mit gleich zwei Stereotypen auf.

Mut zum Anderssein. Es scheint, als ob der Musiker, der aus der brasilianischen Provinzstadt Araquara im Bundesstaat São Paulo stammt, einen Nerv getroffen hat. Einerseits wird Brasilien gerade von einem neuen Konservativismus erfasst, wie Liniker feststellt. Der Kongress ist der konservativste seit Brasiliens Rückkehr zur Demokratie vor 30 Jahren. Viele Abgeordnete verfolgen eine autoritäre Agenda, sprechen Frauen, Homosexuellen, Transsexuellen die Rechte ab. Und auch die brasilianische Gesellschaft ist konservativer als es oft scheint. Fast 40 Prozent der BrasilianerInnen sagen, dass sie die Homosexualität ihres Kindes nicht akzeptieren würden. Die Ablehnung übersetzt sich in Gewalt. Laut der Schwulenvereinigung Grupo Gay da Bahia (GGB) werden in Brasilien jedes Jahr mehr als 300 Schwule, Lesben und Transvestiten ermordet.

Gleichzeitig aber gibt es eine neue Generation von BrasilianerInnen, die alte Rollenmuster nicht mehr akzeptiert. „Wir sind es leid, still zu halten“, sagt Liniker, „Wir wollen die sozialen und sexuellen Panzer durchbrechen, die uns einzwängen.“ Seine lasziv-poetischen Texte, sagt er, seien Liebesbriefe an Männer, die er sich nie getraut habe, zu schreiben.

Selbstbewusst. Liniker macht mit seinem Körper Politik. Vielleicht ist er so selbstbewusst, weil er ohne Vater, aber von einer liebenden Mutter großgezogen wurde. „Sie unterstützt mich in allem“, sagt er. Das habe ihm geholfen, sich in einer machistischen Gesellschaft nicht zu schämen. In seiner Heimatstadt Araquara gebe es nun eine kleine Gruppe junger Männer, die sich mit Röcken und Lippenstift zeige. Liniker sagt: „Sie nehmen sich die Freiheit. Wenn ich sie dazu ermutigt habe, bin ich glücklich.“

Philipp Lichterbeck lebt und arbeitet als freier Journalist, Autor und Reporter in Brasilien.

nach oben

Durch die Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich mit dem Einsatz von Cookies einverstanden. Mehr Informationen