

Nach knapp 40 Jahren wurde das Welser-Nicaragua Komitee aufgelöst. Werner Retzl, einer der Mitbegründer und langjähriger Obmann, erklärt, wie es dazu gekommen ist und wie er die Gegenwart und Zukunft des entwicklungspolitischen Engagements in Österreich sieht.
Wie und wann ist das Welser Nicaragua Komitee entstanden?
1986 ist Walter Guggenberger von einem Einsatz als Entwicklungshelfer in einer Schule in Westnicaragua zurückgekommen und hat voller Motivation eine Städtepartnerschaft zwischen Wels und Chichigalpa ins Leben zu rufen. Das hat von der Infrastruktur und der politischen Ausrichtung in jener Zeit gut gepasst. So haben wir erst ein Personenkomitee gegründet und damit dann, zwei Jahre später, die Städtepartnerschaft in die Wege geleitet.
Was wurde damit ermöglicht?
Das Nicaragua-Komitee hat als Mittler zwischen den Kommunen fungiert: mit dem Partnerverein in Chichigalpa Projektvorschläge eingeholt, übersetzt, aufbereitet. Die Stadt Wels hat dann im Rahmen ihrer Möglichkeiten jährlich ein Projekt unterstützt. Daneben haben wir noch weitere Projekte initiiert, u.a. mit Förderungen des BFI und der Austrian Development Agency mehrjährige Ausbildungsprogramme für Lehrlinge im Bereich Elektro-, Holz- und Metallverarbeitung. Dazu kamen Spenden von Welser:innen, mit denen wir u.a. für 3.000 Kinder Frühstück in der Schule finanzieren konnten. Nach dem Hurrikan Mitch 1998 sammelten wir mit dem Roten Kreuz über eine Million Schilling für die Betroffenen vor Ort. Bis 2015 ist wirklich viel passiert.
Was hat sich dann politisch geändert?
Seit 1946 hatte die SPÖ ununterbrochen den Bürgermeister von Wels gestellt. Seit 2015 ist die FPÖ die stärkste Kraft in der Stadtregierung. Die Auflagen für unsere Projektarbeit wurden verschärft. Und gleichzeitig hat sich auch in Nicaragua die politische Lage verändert. Zuletzt wurden die Projekte von der Kommune vor Ort nicht mehr fristgerecht legalisiert und wir mussten bereits bewilligte Finanzierungsgelder zurückgeben. Dazu kommt, dass wir im Komitee alt geworden und keine Jungen mehr dazugekommen sind. Entwicklungspolitik interessiert offenbar nicht mehr.
Woran liegt das Ihrer Meinung nach?
Ich war bis vor zwölf Jahren Lehrer an einem Welser Gymnasium und habe beobachtet, wie das Interesse an entwicklungspolitischen Themen und Zusammenhängen unter den Lehrenden immer weniger wurde. Jetzt kenne ich niemanden mehr, die oder der sich damit im Unterricht beschäftigt. Dabei gäbe es jetzt ja mehr Bezüge denn je, weil Schüler:innen aus Afghanistan, Syrien und anderen Teilen der Welt in den Klassenzimmern sitzen. Anstatt das als Chance wahrzunehmen, um die Jungen auf eine gemeinsame Zukunft mit aktuellen Herausforderungen auf der Welt vorzubereiten, wird deren unterschiedliche Herkunft problematisiert.
Was bräuchten wir stattdessen?
Engagierte Lehrende, die sich dessen bewusst sind und entwicklungspolitische Zusammenhänge erklären: Die rund 70.000 Menschen, die Ende Juli nach Ceuta wollten, sind nicht nur Verschwörungserzählungen gefolgt. Da steckt mehr dahinter: nämlich Armut und Aussichtslosigkeit in Marokko. Fluchtgründe wie diese, die es auch in anderen Teilen der Welt gibt, werden nicht weggehen durch strengere Asylgesetze. Genau solche Dinge müssten an den Schulen auch in aller Klarheit ausgesprochen werden, damit die Schüler:innen mehr erfahren, als Hasskommentare in sozialen Medien und aus der Politik.
Werner Retzl, 74, kommt aus Steyr/OÖ. Er unterrichtete 35 Jahre Englisch und Deutsch am BG/BRG Dr. Schauerstraße in Wels. Neben dem Nicaragua-Komitee ist ihm die Welser Initiative gegen Faschismus besonders wichtig. Dort engagiert er sich weiterhin in der Gedenk- und Jugendarbeit sowie für andere Aktivitäten für Menschenrechte und gegen Rechtsextremismus.
Interview: Christina Schröder
Mehr zu Werner Retzl und seinen Weltsichten können Sie in einem Interview mit dem Südwind-Magazin aus 2019 lesen.
https://www.suedwind-magazin.at/werner-retzl/
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