Neuerliche Wende

Von Eva Rossmann ·

Seit 20 Jahren wird die Inselgruppe Kap Verde von Österreich im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit finanziell unterstützt. Eine Reportage von

Mudança“, Wende, heißt das Wort, das auf Kap Verde jetzt wieder häufiger zu hören ist. Vor zehn Jahren hatte die konservativ-wirtschaftsliberale MPD (Movimento Para a Democracia, Bewegung für Demokratie) damit geworben und die Wahlen gewonnen. Zu Beginn dieses Jahres wurde sie von der PAICV (Partido Africano da Independencia de Cabo Verde, Afrikanische Unabhängigkeitspartei von Kap Verde) abgelöst, jener Partei, deren Vorgängerin Kap Verde vor 25 Jahren in die Unabhängigkeit geführt hatte. Und wieder erhoffen sich viele eine Wende: Chancen für soziale Entwicklung, Ansätze der Armutsbekämpfung, eine bessere Verteilung von Wasser und Energie, aber auch ein Ende zentralistischer Politik.

Doch die Staatskassen sind leer und gleichzeitig ziehen sich einige der Staaten (z. B. Deutschland), die hier seit Jahren Entwicklungshilfe geleistet haben, zurück. Kap Verde gehe es ohnehin etwas besser, man müsse sich auf weniger Länder „konzentrieren“, es gäbe eben auch in den Geber-Ländern leere Staatskassen, heißt es.

Seit zwanzig Jahren versucht Österreich, zur „Entwicklung“ von Kap Verde etwas beizutragen. Die Frage ist bloß immer, wer definiert, wohin die Entwicklung geht. Und: „gut gemeint“ kann bekanntlich auch das Gegenteil von „gut“ sein.

Zehn Tage bin ich gemeinsam mit der Koordinatorin der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit (EZA), Karla Krieger, und ihren – übrigens durchwegs kapverdischen – MitarbeiterInnen quer durch die Hauptinsel Santiago gefahren, habe mit Menschen gesprochen, Projekte kennen gelernt – und erlebt, dass Veränderungen zum Besseren möglich sind: wenn sich die richtigen Leute engagieren, die politischen Rahmenbedingungen stimmen und wenn Menschen ganz konkret neue Lebensperspektiven sehen.

Wir fahren über die staubigen, gepflasterten Straßen der Hauptstadt Praia Richtung Norden. Noch vor der Stadtgrenze sehen wir Frauen mit Eimern oder Kanistern auf dem Kopf. Bei der öffentlichen Wasserstelle ist Hochbetrieb, Leitungswasser ein Luxus, den die wenigsten hier kennen. Ich frage, wie das mit den mehrgeschoßigen Neubauten ist, an denen wir gerade vorbeifahren. Nein, dort gäbe es wohl auch kein fließendes Wasser, und man könne nur hoffen, dass die Möglichkeit, es später einleiten zu lassen, mitgeplant worden sei.

Karge Wüstenlandschaften, in denen der Wind Plastikmüll verteilt hat, gelbbraune Hügelketten mit zartgrünen Büschen.

Dann ein grünes Tal, hier macht Grundwasser dichte Bananenhaine möglich. Jugoslawien hatte Kap Verde vor fast 20 Jahren den genossenschaftlichen Schweinezuchtbetrieb „Justino Lopes“ geschenkt. 250 der Schweine wurden sogar mit dem Flugzeug eingeflogen. Als dann nicht alles lief wie geplant, sprang Österreich ein. Ein Schlachthof und eine Wurstfabrik entstanden, unter anderem wurde die Dauerwurst „lunga vida“, also „langes Leben“, verkauft. Mittels einer Biogasanlage sollte aus dem Schweinemist Energie gewonnen werden. Die wollte man dann auch zur Bewässerung der landwirtschaftlichen Produktion nutzen. Bananen gibt es auch heute noch, der Rest von Justino Lopes besteht aus weiträumig verteilten Ruinen.

Die Entwicklungszusammenarbeit habe sich gewandelt, erklärt Karla Krieger. Jetzt setze man auf die Schulung einheimischer Kräfte. Hilfe zur Selbsthilfe. Sinnvolle EZA müsse das Ziel haben, sich selbst überflüssig zu machen.

Eine Pilotschule in Flamengos. Hier geht es darum, die DirektorInnen und LehrerInnen zu qualifizieren. Von den zwölf beschäftigten LehrerInnen ist nur einer vollständig ausgebildet. Einige haben selbst nur einen mittleren Schulabschluss. Es gibt viele Kinder, der Lehrberuf ist schlecht bezahlt und so wird auch mangelhaft unterrichtet. Der Schulbesuch liegt trotzdem bei circa 97 Prozent. Das hat auch damit zu tun, dass die Kinder in der Schule jeden Tag eine warme Mahlzeit bekommen.

Wieder über Staubstrassen, hinein in ein Flusstal. Österreich unterstützt die Assoziation „Agrogado“ in Ribeireta. Begonnen hat alles als Wasserbau-Projekt: Hier werden kleine Dämme gebaut, um das Wasser nach den (seltenen) Regenfällen besser zu halten. Auch Trinkwasser-Reservoirs werden angelegt. Bei einer solchen Baustelle stoppen wir. Eine Frau schleppt – den randvoll gefüllten Eimer auf dem Kopf – Sand heran, eine andere leert Wasser dazu und mischt unter den wachsamen Blicken eines Mannes Mörtel. Männer setzen Steine übereinander. Mit dem Wasserbau alleine ist es noch lange nicht getan, erklärt der Verantwortliche, Eugenio Barros. Man müsse „integriert“ denken. Die Erhaltung der Umwelt sei ebenso ein Thema wie rentable Landwirtschaft, Viehzucht und der Verkauf landwirtschaftlicher Produkte.

Frauen sind traditionell für gesundes Trinkwasser zuständig, aber auch für Landwirtschaft und die Infrastruktur. Wenn man wolle, dass etwas funktioniert, müsse man auf Kap Verde mit Frauen arbeiten, sagt Suzana Alfama, die für diese Bereiche Verantwortliche des Kooperationsbüros.

Tarrafal, an der Nordküste von Santiago gelegen, wird als Paradies mit idyllischem, von Kokospalmen gesäumten Strand beworben. Aber wir fahren weiter, über eine holprige Piste in das Land hinein. Der Ort heißt Fazenda – über 90 Prozent der Menschen haben keine Arbeit, die meisten Männer sind emigriert. Alkoholismus ist ein großes Problem. Der Zuckerrohrschnaps, „Grogo“ genannt, ist stark, eine Versuchung und offenbar für viele die trügerische Hoffnung, Fazenda wenigstens für einige Stunden zu entkommen.

Steinhütten inmitten von Staub und Steinen, freilaufende schwarze Schweine, Ziegen, einige Kühe, zirka 130 EinwohnerInnen. Man kennt den Geländewagen der „Cooperaçao Austriaca“. Es wird gewunken, Hände werden geschüttelt. Hier betreut Österreich ein Faimo-Programm zur Armutsbekämpfung, das inzwischen auch international Anerkennung findet. Rund

50 Frauen beteiligen sich, aber bloß fünf Männer.

Man plane, in Zukunft auch Mikrokredite für die neuen Kleinstunternehmerinnen zu unterstützen, erfahre ich. Die kapverdische Frauen-NGO „Morabi“ hat damit schon Erfahrungen. In einigen afrikanischen Ländern hätten Männer ihren Frauen das Geld weggenommen und es für eigene Zwecke verbraucht, werfe ich in einem Gespräch mit Lucia dos Passos von Morabi ein. Sie schüttelt den Kopf. Hier seien Frauen die Chefinnen der Familien, so etwas sei noch nie vorgekommen. Ziel der Frauenbewegung sei es aber auch, eine gerechte öffentliche Repräsentanz von Frauen durchzusetzen. Was denn gerecht sei? Natürlich 50 Prozent, sagt sie, aber bis dorthin gelte es, noch viel Machismo zu überwinden.

Premierminister Jose Maria Neves empfängt uns in einem Raum mit repräsentativen Lederfauteuils. Natürlich sei sein „armes, kleines Land“ weiterhin auf Unterstützung angewiesen. Rohstoffe gäbe es keine, Kap Verdes Reichtum liege in der Humankapazität und die gelte es, entsprechend zu entwickeln, sagt er. Da sieht er auch die Rolle der österreichischen EZA in der Zukunft. Und natürlich sei die Wasserversorgung ein zentrales Thema der „armen, kleinen Inseln“.

Was kann Kap Verde selbst tun, um seine Situation zu verbessern? Neves spricht von einer Verwaltungsreform, von mehr Kompetenzen für die einzelnen Gemeinden. Ganz wichtig sei auch die Stärkung der Zivilgesellschaft. Er ist der erste Regierungsvertreter, den ich kenne, der von sich heraus an einer stärkeren Zivilgesellschaft interessiert ist, ohne sie fälschlicherweise als Konkurrenz zum Parteienapparat zu begreifen.

Am Gang reden wir dann noch mit seinem Assistenten. Warum Neves das mit dem „armen, kleinen Land“ so oft betont habe? Immerhin seien auf der anderen Seite Leute aus einem Geberland gesessen, scherzt er. Ob es nur ein Scherz ist? Ob es bisweilen noch immer sinnvoll ist, als Zielland so genannter „Entwicklungshilfe“ die Demutshaltung einzunehmen? Wahrscheinlich. Auch wenn es von der österreichischen Repräsentantin und ihren KollegInnen im Kooperationsbüro sicher nicht verlangt wird.

Eva Rossmann ist Autorin und Publizistin (zuletzt erschien der Krimi „Ausgejodelt“). Sie war u.a. auch Mitinitiatorin des Frauenvolksbegehrens.

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