Nicht ohne Freiheit und Würde

Von Yvonne A. Kienesberger ·

Die Rechte psychisch kranker Menschen wurden 2010 in Argentinien mit einem neuen Gesetz geregelt. In den Provinzen wird seither – allen Widerständen zum Trotz – an der mühevollen Umsetzung gearbeitet.

„Vergib den Psychiatrien, denn sie wissen nicht, was sie tun“, steht als Graffiti in bunten Farben auf einer der Wände eines Gebäudes in Córdoba, der zweitgrößten Stadt Argentiniens. In diesem Haus werden Workshops für Menschen mit psychischen Erkrankungen organisiert. Mit Musik- und Theaterveranstaltungen soll es ihnen ermöglicht werden, ins Alltagsleben zurückzufinden, nachdem sie lange Jahre in Psychiatrien verbracht haben, wo sie wie Gefangene behandelt wurden.

Eine kuriose Statistik besagt, dass es in Argentinien mehr PsychologInnen pro EinwohnerIn gibt als irgendwo sonst auf der Welt. Tatsächlich ist es ganz normal, regelmäßig zur Therapie zu gehen, wenn man es sich leisten kann. Denn die Preise privater Therapiesitzungen stehen europäischen in nichts nach.

Gleichzeitig ist in öffentlichen Gesundheitszentren die Nachfrage nach psychologischer Betreuung eher gering, obwohl das Angebot kostenlos ist. Eine überarbeitete Hausfrau der armen Bevölkerungsschicht holt sich keine psychologische Hilfe. Viele benachteiligte Menschen müssen sich zuerst damit beschäftigen, Essen auf den Tisch zu bekommen oder Geld für die Miete zu verdienen. Sie kommen gar nicht auf die Idee, eventuell psychische Probleme zu haben. „Für sie ist der Gang zum Therapeuten ein unverständlicher Luxus“, erklärt die Psychologin eines Gesundheitszentrums. „Nur in akuten Fällen von Gewalt oder Drogenexzessen gehen sie eventuell zum Arzt.“ Leider hat die herkömmliche „Betreuung“ sie auch nicht dazu ermutigt: Sie besteht darin, Tabletten verschreiben oder „schwere Fälle“ in Psychiatrien einweisen, ohne genaue Diagnose und auf unbeschränkte Zeit. 

Das argentinische Gesundheitssystem steht auf  drei Säulen: Einrichtungen für Privatversicherte, staatliche, kostenlose Einrichtungen wie öffentliche Krankenhäuser und Gesundheitszentren sowie Institutionen von Sozialversicherungen. In jedem dieser Bereiche werden auch Psychiatrien, Manicomio genannt, geführt. Das Ergebnis ist dasselbe: „Egal ob privat oder öffentlich: In den Kliniken riecht es nach Unfreiheit“, erzählt eine Psychologiestudentin der Universität Córdoba und schüttelt sich beim Gedanken an die menschenunwürdigen Zustände in Psychiatrien, die sie im Laufe ihrer Praxismonate besucht hat.

Das sollte sich in den nächsten Jahren ändern. 2010 erließ die argentinische Regierung ein Gesetz, das die Rechte psychisch kranker Menschen stärken soll und das Schließen der Manicomios zum Ziel hat. Disziplinübergreifende Arbeitsgruppen sollen die Umsetzung gewährleisten. Oberster Grundsatz: Auch psychisch Kranken ihre Würde lassen.

Wenn die Umsetzung gelingt, werden bis 2020 alle Manicomios geschlossen bzw. in Einrichtungen für betreutes Wohnen umgewandelt sein. Breit angelegte Informationskampagnen sollen über die Rechte psychisch Kranker informieren und Vorurteile abbauen helfen. PatientInnen, die bisher gegen ihren Willen festgehalten wurden, wird rechtliche Unterstützung zugesagt. Zehn Prozent des Gesundheitsbudgets sollen dem Ziel „psychische Gesundheit für alle“ dienen.

Der Widerstand gegen diese Maßnahmen ist derzeit noch sehr groß. Betreiber von Psychiatrien befürchten zu Recht den Abfluss von Finanzmitteln und das Aufdecken von Missständen, wie erst kürzlich geschehen, als die unerträglichen Menschenrechtsverletzungen in einem Manicomio in Belville bekannt wurden. Die MitarbeiterInnen der Arbeitskreise stellen sich der Herausforderung und engagieren sich für eine Integration psychisch Kranker in die Gesellschaft.

Parallel dazu entstehen von NGOs betreute Workshops oder Geschäfte wie Bäckereien, die mit Hilfe ehemaliger Manicomio-PatientInnen geführt werden, zum Beispiel La Casa del Paraná in Rosario. Ihren Anspruch hebt ein weiteres Graffiti hervor: Sin libertad no hay salud mental! (Ohne Freiheit keine psychische Gesundheit!) Es ist anzunehmen, dass sich die Nachfrage nach solchen Einrichtungen und auch nach psychotherapeutischer Begleitung auch für weniger Wohlhabende in den nächsten Jahren massiv erhöhen wird, da die meisten Manicomios ja aufgelassen und die meisten PatientInnen in ihrem sozialen Umfeld, in ihrer Familie betreut werden sollen.

Unter jenen, die an der Umsetzung des neuen Gesetzes arbeiten, ist eine gewisse Aufbruchsstimmung zu spüren, ein vorsichtiger Optimismus. Man ist stolz darauf, dass Menschenrechte auch im Bereich der Betreuung psychisch Kranker etabliert werden und „die Herrschaft der Manicomios“ ein Ende finden soll.

Die Autorin Yvonne A. Kienesberger lebt seit mehreren Jahren in Córdoba im Norden Argentiniens.

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