Nutztiere - die stumme Größe

Tiere haben die Geschichte und die Kulturen des Menschen geprägt. In den Industrieländern wurde der Großteil der Nutztiere im Laufe des letzten Jahrhunderts auf Massenschlachtvieh reduziert. Während der weltweite Fleischkonsum ökologisch und entwicklungspolitisch untragbar wird, zeichnet sich ein neuer Blick auf die Beziehungen zwischen Mensch und Tier ab.

Von Irmgard Kirchner

Das für den Menschen nützlichste Tier? Silke Zeitelhofer denkt nur kurz nach: „Aus Sicht einer Ackerbäuerin die Biene. Bienen werden unterschätzt, ohne sie würde die Bestäubung nicht funktionieren und unsere Pflanzenwelt ganz anders ausschauen.“ Die junge Frau betreibt einen Bio-Bauernhof in Regelsbrunn in Niederösterreich und hat als Kultur- und Sozialanthropologin die Beziehungen zwischen Mensch und Nutztier wissenschaftlich erforscht.

Bei Nutztieren mag man vorerst an eindrucksvollere Tiere als Bienen denken: an Rinder, Pferde, Kamele, Esel, Schweine, Schafe oder Ziegen. Aber neben den Bienen gehören auch Kaninchen, Geflügel, Fische, Pelztiere und Versuchstiere zu den Mitlebewesen, die der Mensch im Laufe seiner Entwicklung zum Teil domestiziert hat, züchtet und benutzt. Der Mensch teilt sich den Lebensraum Erde mit Tieren, die er seit zehntausenden Jahren für sich leben und sterben lässt – als Arbeitstiere, Jagdgehilfen, Reittiere und Lieferanten tierischer Produkte.

Silke Zeitelhofer, Bäuerin in vierter Generation am Hof, hat für ihre Forschung mit vielen Bäuerinnen und Bauern in Niederösterreich gesprochen und ihre Betriebe besucht: „Nutztiere zu halten gehört zum Selbstverständnis dieser Bauern.“ Auch wenn auf ihrem eigenen Hof seit fast 25 Jahren die Viehzucht zugunsten des klassischen Ackerbaus von Weizen, Roggen, Soja und Mais aufgegeben wurde, gibt es dort Bienen, Hühner und Kaninchen.

In Entwicklungsländern gehören Nutztiere zum Großteil der Haushalte in ländlichen und auch städtischen Gebieten. Meist sind es nur wenige Tiere, deren Haltung andere landwirtschaftliche Aktivitäten ergänzt oder die Ernährung verbessert. Das kann eine Handvoll Hühner im Hinterhof einer Großstadt sein oder eine Kleinherde von Ziegen, die mit Abfällen aus der Getreideernte gefüttert werden. Ähnliches kennt man hierzulande aus der jüngeren Geschichte. Man kann sich vielleicht noch an das Schwein, gefüttert mit Essensresten aus dem Sautrog, oder den Hasenstall hinter dem Haus erinnern.

Nutztiere tragen direkt zur Ernährungssicherheit bei. Sie verwandeln für den Menschen nicht essbare Vegetation und Erntereste, Nebenprodukte der Nahrungsmittelherstellung und organische Abfälle in menschliche Nahrung. Besonders in Trockengebieten, die etwa 40 Prozent der Erdoberfläche und 54 Prozent der produktiven Flächen ausmachen. Derartig nützliche Tiere werden nur selten geschlachtet. Selbst bei Hirtengemeinschaften wie etwa den ostafrikanischen Massai werden Milch und Blut der lebendigen Tiere verzehrt. Geschätzte 180 Millionen Menschen in Entwicklungsländern sind für ihren Lebensunterhalt von der Viehzucht abhängig.

Tierische Ausscheidungen dienen als Dünger und Brennstoff. Darüber hinaus haben die Nutztiere je nach Art und Region viele Rollen: Sie dienen als Zug- und Tragtiere, spenden Nahrung (Fleisch, Milch, Eier) und liefern Wolle und Felle. Der Besitz von Tieren stellte eine Art Versicherung dar und bedeutet auch immaterielle Vorteile. Er erhöht den Status und ermöglicht die Einbindung in soziale Netzwerke. Und die Menschen haben auch eine emotionale Bindung an ihre Tiere. Ein Hirte ist nie allein, nur fernab anderer Menschen.

Wenige Tiere, gehalten für die eigene Subsistenz: dafür muss kein wertvolles Ackerland geopfert werden, um Futter für die Tiere anzubauen. Damit ist auch kaum Geld zu verdienen: Man geht von weltweit 752 Millionen armen ViehzüchterInnen mit einem Einkommen von weniger als zwei Dollar pro Tag aus. Der Großteil von ihnen lebt in Südasien und Subsahara-Afrika.

Dieser Subsistenz-Viehzucht steht die industrielle Massenproduktion von Tieren in den Schwellen- und Industrieländern gegenüber. Österreichs Nutztierhaltung ist immer noch kleinstrukturiert. Auch die Betriebe mit Massentierhaltung sind vergleichsweise klein. Silke Zeitelhofer hat vor allem Bauern in einer Übergangssituation getroffen. „Das Selbstverständnis, es mit Tieren als Lebewesen zu tun zu haben, ist noch nicht verloren gegangen. Allerdings kommt es zu einer Werteverschiebung. Haltungsbedingungen, die vor 30 bis 40 Jahren nicht vorstellbar waren, werden mit der Zeit annehmbar.“

Gehalten werden immer mehr Tiere von immer weniger Nutztier-Rassen, die immer schneller wachsen sollen. Brauchte ein Schwein vor hundert Jahren noch elf Monate, um 100 Kilo schwer zu werden, sind es jetzt nur mehr viereinhalb.

In den großen Ställen sind es Maschinen, die füttern, heizen, reinigen und lüften. Das verkürzt den Kontakt zwischen Mensch und Tier, die Beziehung wird weniger intensiv.

„Wenn 200 Schweine im Stall sind, da muss das Tier schon etwas Besonderes haben, damit es auffällt“, sagt Zeitelhofer. Und doch gibt es immer wieder Individuen, denen es gelingt, aus der anonymen Masse herauszustechen. „Die Bauern haben erzählt, wie es mit manchen Tieren zu einer Beziehung kommt: wenn sie ein krankes Tier pflegen und es dadurch besser kennen lernen. Manche Tiere sind zutraulicher, sind besonders schön oder haben auffällige Merkmale, die den Menschen berühren.“ Diese Tiere bekommen dann einen Namen, manche dürfen sogar am Hof bleiben. Zeitelhofer: „Die Lebendigkeit des Arbeitsgegenstandes bestimmt alle Ebenen. Es zählt nicht nur die wirtschaftliche Dimension. Es kann zu Widersprüchen mit der emotionalen Ebene kommen.“

Heimische Bäuerinnen und Bauern entfremden sich von ihren Nutztieren. Die KonsumentInnen haben sich von ihrer Nahrung schon ziemlich weit entfremdet. Ein Bauernhof ohne Tiere ist kaum vorstellbar. Die wirtschaftliche Entwicklung geht in Richtung Tiere ohne Bauernhof: Hunderte Tiere in riesigen Ställen am Rande oder außerhalb von Siedlungen, gemästet mit importiertem Futter.

Die Menschen wollen keine Geruchs- und Lärmbelästigung durch die Tiere. Sie wollen auch nicht sehen, woher das Fleisch kommt, sondern an die Bauernhofidyllen glauben, die die Fleischpakete im Supermarkt zieren.

In der industrialisierten Landwirtschaft werden Nutztiere reduziert auf Massenschlachtvieh, das unter dem Gesichtspunkt der Kostenminimierung produziert wird. Die Fleischproduktion erzeugt heute mehr Treibhausgasemissionen als der gesamte Verkehr weltweit. Mit exzessivem Verbrauch von Wasser, Agrarflächen und dem Einsatz von Getreide als Futtermittel trägt sie zum Hunger auf der Welt und dem fortschreitenden Landraub in armen Ländern bei (siehe Beiträge auf Seiten 32 und 35).

Der weltweit rasant wachsende Fleischkonsum wird auch von BefürworterInnen des Fleischessens an sich als untragbar und mittelfristig unbezahlbar gesehen. So sieht der Sozialphilospoh und Gastrosoph Harald Lemke „die Fleischfrage“ als entscheidende zukunftsethische Frage. Wie viel Fleisch steht jedem Menschen zu? Für ihn ist – analog zu CO2-Emissionsrechten – ein Menschenrecht auf Fleisch denkbar: das gleiche Recht für alle, die gleiche Menge an tierischen Lebensmitteln essen zu dürfen.

Realistischere Optionen seien eine vegetarische Lebensweise oder die radikale Reduktion des Fleischkonsums und die Beschränkung auf ausschließlich biologischen Landbau. Sollten die Menschen vom Fleisch nicht ablassen können, bliebe noch die Zukunftsvision des in der Retorte aus Stammzellen gezüchteten Fleischs – ganz ohne lebendiges Tier. An dieser Variante wird bereits geforscht. Die Industrie geht davon aus, dass die KonsumentInnen Retortenfleisch annehmen würden, wenn es nur billig genug ist.

Aus ökologischen und entwicklungspolitischen Überlegungen überwiegt bei der Massenhaltung von Tieren der Schaden den Nutzen.

Nutztiere sind heute ökonomisch vor allem dann wichtig, wenn sie tot sind. Schon mit der industriellen Revolution haben sie ihre Funktion als „vitale Energie“ verloren. Die Last- und Arbeitstiere wurden durch Maschinen ersetzt, die mit fossiler Energie angetrieben werden. Für unser unmittelbares Überleben brauchen wir sie nicht mehr.

Möglicherweise ist es gerade das Verschwinden von Tieren aus Alltag und Arbeitsleben, das sie interessant macht. Carolyn Bakargiev, die künstlerische Leiterin der documenta 13, forderte im Vorjahr öffentlichkeitswirksam das Wahlrecht für Hunde und andere Nicht-Menschen. Sie propagiert eine „nachhumanistische Weltsicht“. In den letzten beiden Jahren ist eine Reihe vieldiskutierter Bücher zum Trendthema Vegetarismus erschienen. Das Philosophicum Lech widmete sich im Vorjahr dem Thema „Tiere. Der Mensch und seine Natur“.

Zeichnet sich ein „anderer Blick“ auf Tiere ab? In der Geistesgeschichte war das Tier immer Gefäß menschlicher Projektionen und nützliches Instrument bei der Festlegung sozialer Abgrenzungen. Und der Mensch hat durch die Tiere hindurch immer wieder nur auf sich selbst geschaut. Tiere haben in der Geschichtsschreibung keine Stimmen und hinterlassen keine Spuren. Auch im Zuge der umfassenden Neuorientierung der Geschichtswissenshaften in den 1960er und 1970er Jahren, die etwa zur Etablierung der Kategorie „Gender“ in der Geschichtswissenschaft geführt hat, wurde die menschenzentrierte Sicht auf die Geschichte nicht hinterfragt.

Seit dem 3. Jahrtausend allerdings gibt es eine interdisziplinär ausgerichtete historische Tierforschung, die im deutschsprachigen Raum noch schwach ausgeprägt ist. Sie führt gewissermaßen die Kategorie „Tier“ in die Geschichtsschreibung ein. Zum Beispiel in die Kolonialgeschichte Nordamerikas, bei der die Einfuhr von Haus- und Zuchttieren zentrales Thema war. Für derartige Fragestellungen braucht es allerdings ein erweitertes Verständnis von dem, was Gesellschaft ist; eine Sichtweise, die die Gesamtheit der Interaktionen zwischen Mensch und Tier mit einschließt. Die US-amerikanische Historikerin Harriet Rivo bezeichnet Tiere als „die jüngsten Nutznießer der demokratisierenden Tendenzen der Geschichtswissenschaft“. Das historische tote Tier wird also zunehmend sichtbar gemacht, während das lebende Mastvieh unsichtbar bleiben soll.

Das Verhältnis des postmodernen Menschen zu den Tieren ist voller Widersprüche. Während das Konsumverhalten zum Tierelend beiträgt, kann das eigene Haustier abgöttisch geliebt werden. Haustiere als etwas Lebendiges, das man besitzen kann, haben in der Gesellschaft einen hohen Wert und sind als KonsumentInnen von Tierfutter wichtiger Wirtschaftsfaktor.

Tiere werden als Spendenmotiv genutzt. In Österreich liegen sie an vierter Stelle, hinter Kindern, Behinderten und der Katastrophenhilfe im Ausland und noch vor sozial Benachteiligten, ist im Spendenbericht 2012 des österreichischen Fundraising Verbands zu lesen. Der überwiegende Teil der zahlreichen Tierschutzorganisationen in Österreich nimmt sich der Haustiere an. Fundraiserin Marion Steiner hat allerdings auch mit Nutztieren im Fundraising gute Erfahrungen, falls es gelingt „sie mit einem Gesicht zu versehen, eine Geschichte zu erzählen“. Bei Nutztieren habe der Tierschutz immer auch eine politische Komponente.

Auch Silke Zeitelhofer sieht Tierschutz als gesamtgesellschaftliches Problem, das nicht auf die Bauernschaft oder die KonsumentInnen allein abgewälzt werden darf: „Viele Menschen wollen gar nicht wissen, woher das Fleisch kommt und wie das Tier gehalten wurde. Es braucht dazu viel mehr öffentliche Diskussion.“

nach oben

Durch die Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich mit dem Einsatz von Cookies einverstanden. Mehr Informationen