Ohne Smartphone keine Revolution

Von Christina Bell ·

Wer Jugendliche mit Themen wie Entwicklung oder Menschenrechte erreichen will, sollte verstehen, was sie bewegt. Und ihnen zeigen, was sie bewegen können.

Die "Jugend von heute“ ist eine unbekannte Größe. Ihr Denken und Handeln nachzuvollziehen oder vorauszusagen, ist für PädagogInnen genauso von Interesse wie für PolitikerInnen, Unternehmen, MedienmacherInnen – und NGOs.

Laut UN-Definition umfasst „die Jugend“ die über 15- und unter 25-jährigen. Auch die entwicklungspolitischen AkteurInnen wollen diese für ihre Anliegen gewinnen – mit verschiedenen Aktivitäten und Konzepten, etwa dem Globalen Lernen. Dessen Ziel ist es, „Bewusstsein für globale Zusammenhänge in unserem Leben zu entwickeln“, erklärt Franz Halbartschlager, Bereichsleiter Bildung bei der Südwind Agentur. „Globales Lernen will das kritische Denken von Menschen fördern, Handlungen im Sinne globaler sozialer Gerechtigkeit und ökologischer Nachhaltigkeit anregen.“

Wie gelingt das bei der aktuellen „Generation Facebook“, die als unpolitisch gilt? Wie stehen die Jugendlichen zu Themen wie Gerechtigkeit oder nachhaltige Entwicklung? Kann man sie für internationale Politik begeistern oder ziehen sie den geschützten Kreis ihrer Facebook-FreundInnen und WhatsApp-Gruppen vor, wo es um die aktuellen Selbstporträts („Selfies“) oder den Gefällt-mir-Button geht? Der Schluss liegt nah, dass Solidarität mit Schwächeren oder Systemkritik gar nicht so gut in die Leben der „pragmatischen Individualisten“ – wie sie etwa der österreichische Jugendforscher Bernhard Heinzelmaier, bezeichnet – passen.

Dem stehen allerdings aktuelle Phänomene entgegen: die „Unibrennt“ Bewegung vor fünf Jahren, das ungebremste Interesse an Studienrichtungen wie „Internationale Entwicklung“, der weitverbreitete Wunsch, in entwicklungspolitischen oder Umwelt-NGOs tätig zu sein, um so an einer besseren Welt mitzuarbeiten. „Es gibt eine PolitikerInnenverdrossenheit, aber Politik berührt die jungen Menschen sehr wohl“, fasst Helmuth Hartmeyer, Leiter der Entwicklungspolitischen Kommunikation und Bildung bei der Austrian Development Agency (ADA) zusammen. „Sie wollen sich einmischen und etwas tun.“

Das vergangene Jahrzehnt hat gezeigt, was Jugendliche – gerade durch soziale Medien – auf die Beine stellen können: Vom arabischen Frühling über die Occupy-Bewegung bis zu Petitionen zu menschenrechtlichen oder gesellschaftspolitischen Anliegen, die binnen Stunden hunderttausende Menschen weltweit für ein Thema eintreten lassen. Vieles wird von jenen getragen, die beim Fall der Berliner Mauer noch nicht geboren waren. Die Medien haben sie, das Wissen, mit ihnen umzugehen, auch. Zentral sei es, den Jugendlichen Handlungsalternativen aufzuzeigen, erklärt Olivia Tischler, Bildungsreferentin bei der Südwind-Agentur. Und sie dort abzuholen, wo sie sind – was sich unterscheide, je nachdem, ob man in Schulen geht, zu Vereinen oder in Jugendzentren. Tischler: „Bei Pfadfinder-Gruppen ist ein zweistündiger Workshop durchaus üblich, in Jugendzentren muss man sich anderer Methoden bedienen. Dort geht es eher um eine Art Lernen im Vorbeigehen. Schließlich erreicht man die Jugendlichen in ihrer Freizeit – und Lernen wird ja nicht unbedingt als cool gesehen.“

Auch die ADA versucht, der Diversität in der Zielgruppe Jugend Rechnung zu tragen, durch die Förderung von Projekten und Initiativen in Berufsschulen, Lern- und Volontariatseinsätzen in Entwicklungsländern, Arbeit in Jugendzentren, Aktivitäten rund um den Sport, Kampagnen oder Wissenschafts-Projekte. „Für die ADA gehört die Zielgruppe junge Menschen zu den wichtigsten der Entwicklungspolitischen Kommunikation und Bildung in Österreich“, betont Hartmeyer.

Gerade bei Volontariaten steigt die Nachfrage stetig. „Die Möglichkeit, andere Lebensrealitäten kennen und verstehen zu lernen und Menschen in konkreter Solidarität zu begegnen, scheint faszinierend für viele junge Menschen zu sein“, sagt Cornelia Pernsteiner, Geschäftsführerin von „Volontariat bewegt“. Die Organisation entsendet jedes Jahr zwischen 35 und 40 junge Erwachsene zu Projekten für benachteiligte Kinder und Jugendliche in Afrika, Asien und Lateinamerika. Die Zahl der Bewerbungen ist viermal so hoch. Rund 90 Prozent geben nach ihrer Rückkehr an, sich weiterhin engagieren bzw. ihre Erfahrungen weitergeben zu wollen. Gleichzeitig würden von ehemaligen VolontärInnen viele eigene Projekte gestartet, erklärt Pernsteiner. Nachwuchssorgen hat die Enwicklungszusammenarbeit also vorerst eher nicht.

suedwind-agentur.at/jugendarbeit
www.baobab.at
www.entwicklung.at
www.volontariat.at

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