Polit-Thriller aus Guatemala

Von Werner Hörtner ·

Ein Anwalt inszeniert seine eigene Ermordung und gibt bereits vorher dem Staatspräsidenten die Schuld daran. Die genauen Hintergründe dieser unglaublichen Geschichte liegen aber noch im Dunkeln.

Vergangenes Jahr berichteten wir in den Ausgaben Nr. 6 und 9 des Südwind-Magazins über die mysteriöse Ermordung des Anwalts Rodrigo Rosenberg am 10. Mai in der guatemaltekischen Hauptstadt. In einem kurz vor seiner Hinrichtung gefilmten Video hatte er den Präsidenten Álvaro Colom, dessen Gattin und den Privatsekretär beschuldigt, in dunkle illegale Machenschaften verwickelt zu sein. Schon am nächsten Tag ging das Video per Internet um die ganze Welt; viele Menschen glaubten, der Präsident wäre der Auftraggeber des Mordes gewesen. Andere wieder, wie etwa Nobelpreisträgerin Rigoberta Menchú, vermuteten von Anfang an, es handle sich dabei um eine Aktion der Rechten, um den sozialdemokratischen Präsidenten zu stürzen.

In dem wenige Tage vor seinem Tod aufgenommenen Video hatte Rosenberg angekündigt: „Wenn Sie diese Botschaft sehen, dann bin ich einem Mordanschlag von Präsident Álvaro Colom zum Opfer gefallen.“ Nach dem Vorfall demonstrierten tagelang Tausende von Menschen gegen den Staatschef und forderten seinen Rücktritt.

Eine auf Verlangen Coloms von der UNO eingesetzte Arbeitsgruppe, die „Internationale Kommission gegen Straflosigkeit in Guatemala“ (CICIG), veröffentlichte am 12. Jänner nach monatelangen minutiösen Recherchen ihren Schlussbericht.

Der spanische Jurist Carlos Castresana leitete die aus ExpertInnen aus elf Ländern bestehende Kommission. Er legte der verblüfften Öffentlichkeit ein Ergebnis vor, das kaum jemand erwartet hatte. Demnach hatte Rosenberg persönlich die Cousins seiner ersten Frau, mit denen er gut befreundet war, um Hilfe gebeten. Castresana: „Die Cousins wurden von ihm beauftragt, einen Killer zu suchen, doch das Ziel war Rosenberg selbst.“ Die Brüder Valdés Paiz machten ihrem Freund den Gefallen und suchten einen Auftragsmörder, der dann ihren eigenen Freund und Familienangehörigen erschoss, als dieser gerade mit dem Fahrrad in der Hauptstadt unterwegs war.

Dem Kommissionsleiter zufolge litt Rosenberg an psychischen Problemen, nachdem sein Mandant, der Unternehmer Khalil Musa, und dessen Tochter Marjorie, mit der der Anwalt offenbar eine Beziehung hatte, zwei Monate zuvor ermordet worden waren. In dem Video, das ein befreundeter Journalist mit Rosenberg wenige Tage vor seiner Liquidierung aufgenommen hatte, war davon die Rede, dass Colom auch der Drahtzieher dieses Mordfalls wäre. Dahinter stecke eine Verschwörung von hohen Funktionären der Regierung zusammen mit der Drogenmafia, so der Anwalt.

Álvaro Colom beglückwünschte die CICIG für die sorgfältige Arbeit und zeigte sich höchst zufrieden mit dem Ergebnis der Untersuchung. „Ich fühle keine Rachegefühle in meinem Herzen, sondern eine enorme Dankbarkeit all jenen gegenüber, die mich mit Geduld begleiteten, ohne einen Moment an meiner Person zu zweifeln.“

In Zusammenhang mit dem Mordfall befinden sich zur Zeit elf Personen in Haft. Die Brüder Valdés, die unfreiwilligen Mitwirkenden bei der Ermordung ihres Freundes, sind seit Dezember auf der Flucht.

Castresana schloss aus, dass irgendeine Verschwörung hinter dem Mord an Rosenberg stehen würde, weder der Präsident noch sonst jemand, „kein Politiker, kein Minister, kein Polizeichef und kein Kommissar“. Vielleicht werden bei den Prozessen gegen die Inhaftierten neue Details ans Tageslicht kommen. Was aber eher unwahrscheinlich ist. Der spanische Kommissionsleiter beklagte sich bitter über die fehlende Zusammenarbeit und Unterstützung der Behörden bei der Untersuchung. Die Kommission habe dem Kongress ein ganzes Paket von Maßnahmen zur Reform der Justiz vorgeschlagen, doch die Abgeordneten hätten diesen Vorschlag nicht unterstützt.

Die CICIG hat damit ihre Aufgabe beendet. Laut Castresana lag ihr Mandat nur in der Erforschung der Umstände der Ermordung von Rodrigo Rosenberg. „Es sind nun die Justizbehörden, die über Schuld oder Unschuld der Angeklagten entscheiden.“

Doch die Fähigkeit – oder auch der Wille – zur Verbrechensaufklärung ist bei der guatemaltekischen Justiz sehr gering ausgeprägt. Castresana zeigte sich schockiert über das Ausmaß der Straflosigkeit im Land. Bei den 6.451 Mordfällen im Jahr 2009 kam es in ganzen 230 Fällen zu Urteilssprüchen. „Wir haben vom Innenminister verlangt, dass er darauf reagiert, dass die Behörden gereinigt werden, dass er alle Korrupten rauswirft, doch er macht nichts. … Wir wissen, wer die Richter sind, die für ihre Schuldsprüche und ihre Freisprüche Geld verlangen“, fuhr der spanische Rechtsexperte fort.

Vor wenigen Tagen erhielt der Autor dieses Berichts ein Schreiben aus Guatemala, von Amilcar Méndez, dem Vater des vor zwei Jahren ermordeten Pepe Méndez (siehe SWM 11/07 und 9/09). Er ist verzweifelt, dass bei den Untersuchungen zum Mord nichts weitergeht. „Der Fall bleibt weiterhin in totaler Straflosigkeit, trotz aller unserer Anstrengungen und des Kampfes der Familie für die Ausforschung der Drahtzieher. Doch wir stehen vor einer Mauer“, schreibt der Vater des Ermordeten, einer der bekanntesten Menschenrechtsverteidiger Guatemalas.

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