Prekärer Friede

Von Redaktion ·

Der Krieg zwischen Aufständischen und der burmesischen Armee treibt jedes Jahr Zehntausende in die Flucht. NI-Redakteur Dinyar Godrej berichtet aus einem Lager an der thailändischen Grenze, wohin sich einige der Flüchtlinge gerettet haben.

Der rötliche Lehmpfad scheint fast senkrecht nach unten abzufallen. Ich klammere mich auf dem Rücksitz fest, meine Sachen auf den Rücken gebunden, die Zähne zusammengebissen, während das Motorrad mehr abwärts schlittert als fährt. Unten angekommen, geht mein junger Fahrer auf Vollgas, denn sofort geht es fast ebenso steil wieder hinauf. Es hat über Nacht geregnet, und mitten auf dem Hang beginnen die Räder durchzudrehen. Ich springe ab und laufe neben dem Motorrad her.
Ich bin in Wan Bai Pay angekommen, einem Flüchtlingslager auf der burmesischen Seite der Grenze, ganz im Süden des Shan State [Anm. d. Red.: Mehrheitlich von Minderheiten bewohnte Teile Burmas heißen „States“, die übrigen „Divisions“). Für den Großteil des Weges hierher, vorbei an riesigen Orangen- und Teeplantagen und über von blühendem Pampasgras gesäumte Bergstraßen, musste ich einen Minivan mieten, samt seinem bierverschlingenden Fahrer. An einer Straßensperre wurde ich vorbeigeschmuggelt. Die thailändischen Behörden sind nicht gerade auf Ausländer erpicht, die darüber berichten, was direkt vor ihrer Haustür vorgeht.

Wan Bai Pay ist weitläufig, schmiegt sich an eine Reihe von Hängen, die Pfahlhütten verstreut im wuchernden, saftigen Grün des Urwalds. Der Ort hätte das Potenzial zum Touristenparadies. Tatsächlich ist es ein Platz ohne Zukunft. Die Siedlung entstand im Jahr 2000, heute leben hier 3.000 Menschen. Ein früheres Lager auf der thailändischen Seite wurde hierher verlegt, als sich abzeichnete, dass sich die Neuankömmlinge auf Dauer einrichten würden. Die Flüchtlingslager an der Grenze sind den thailändischen Behörden ein gewaltiger Dorn im Auge. Im Mai 2007 ordneten sie an, ein anderes Lager, Loi Sarm Sip, 500 Meter nach Burma hinein zu verlegen, weil es „von Thailand aus zu leicht zu sehen“ war.
Die Menschen von Wan Bai Pay waren aus ihren brennenden Dörfern durch den Urwald geflüchtet, um den Misshandlungen, dem Morden und den Vergewaltigungen durch die Soldaten der burmesischen Armee und der United Wa State Army zu entkommen, einer in den Drogenhandel verwickelten Miliz der Wa-Bevölkerung, die aber den Segen der Regierung hat. Ein Beispiel für die Teile-und-Herrsche-Politik des Regimes: Derzeit gibt es 30 nichtstaatliche bewaffnete Gruppierungen in Burma, zumeist mit ethnischen Minderheiten assoziiert, die zum Teil ein Waffenstillstandsabkommen mit den Militärs geschlossen haben, zum Teil aber weiter gegen die Regierung kämpfen.

Der Bürgerkrieg im weiter südlich gelegenen Karen State ist der älteste der Welt, er begann 1949. Den Karen war im neuen, von den Briten unabhängigen Burma keine Autonomie gewährt worden, während die Macht im Lande von der größten Nationalität, den Bamar oder Birmanen usurpiert wurde. Die Politik der „Burmanisierung“ – ein katastrophaler Versuch, eine Nation durch die Auslöschung der ethnischen Minderheiten zu erschaffen, mit Zwangskonversionen zum Buddhismus und Zwangsverheiratungen – hat über die Jahre zu einer permanenten Bürgerkriegssituation geführt. Selbst heute sind die Soldaten des SPDC vor allem Birmanen, und die Menschen, gegen die sie kämpfen, Angehörige anderer Ethnien.
Der ständige Exodus aus Burma ist insofern kein Wunder. Menschen, die es schaffen, sich nach Thailand, Indien oder Bangladesch durchzuschlagen, werden nicht gerade freundlich aufgenommen. Im indischen Bundesstaat Mizoram leben heute geschätzte 60.000 Angehörige der Chin-Nationalität, ohne Dokumente und rechtlos, die sich mit den miesesten Jobs über Wasser halten müssen. In Thailand dürfen MigrantInnen nur in bestimmten Sektoren arbeiten (Bauwirtschaft, Plantagen, Hausarbeit, Bekleidungsindustrie, in den Häfen) und werden schlechter bezahlt als InländerInnen. An Straßensperren werden Fahrzeuge nach „Illegalen“ oder nach MigrantInnen durchsucht, die es gewagt haben, den ihnen zugewiesenen Aufenthaltsbereich zu verlassen. Im thailändischen Fernsehen wird ständig dazu aufgerufen, Nachbarn zu melden, die illegale MigrantInnen sein könnten. Auch viele Menschen mit offiziellem Flüchtlingsstatus enden in Lagern, die von der Armee Thailands überwacht werden.

Und dann gibt es Orte wie Wan Bai Pay, innerhalb von Burma, aber in einem „befreiten Gebiet“ – in diesem Fall befreit von der Shan State Army-South, die das Lager unter ihren Schutz gestellt hat. Die umliegende Gegend ist mit Landminen verseucht. Die Stützpunkte der burmesischen Armee und der Wa Army sind mit bloßem Auge zu sehen, gerade einen Halbtagesmarsch entfernt. Die einzige Arbeit hier ist das Teepflücken über der Grenze, zu Hungerlöhnen, wobei jede Bewegung von der thailändischen Armee überwacht wird. Einige der Frauen im Lager versuchen, mit einem Nähprojekt ein Nebeneinkommen zu erzielen. Mehr als fünf Kilometer weit darf sich aber niemand vom Lager entfernen.
Ein Großteil der Nahrungsmittel, der Bekleidung, der Medikamente und der Ausgaben für die Schule wird mit Hilfsgeldern finanziert. In der Gesundheitsstation teilt eine Hilfsagentur per Anschlag mit, dass aus Geldmangel bestimmte Nahrungsmittelrationen gekürzt werden. Mittel internationaler Institutionen sind für eine solche grenzüberschreitende Hilfe schwer aufzutreiben.
In Wan Bai Pay ist einiges in Ordnung: Es gibt keine Wichtigmacher, die das große Wort führen, das Zusammenleben der verschiedenen Ethnien scheint harmonisch, es gibt eine Klinik und eine Schule, wenn auch nur einfachst ausgestattet, das Wasser kommt per Leitung aus einem Fluss in der Nähe. Die Dieselgeneratoren sind der Klinik und den Wohnheimen der Waisen vorbehalten, eins für die Mädchen, eins für die Jungen. Wenn aus dem Urwald Neuankömmlinge eintreffen, halbverhungert und verängstigt, wird ihnen von anderen geholfen, die den selben Leidensweg hinter sich haben. Und was das Wichtigste ist: Hier können die Menschen in Frieden leben, obwohl er sich auf eine kleine Insel beschränkt und auf wackligen Beinen steht. In Burma selbst gibt es rund eine halbe Million Vertriebene, und nur wenige haben eine Gemeinschaft wie in Wan Bai Pay gefunden.

Allein in den letzten zehn Jahren wurden im Rahmen der „Aufstandsbekämpfung“ durch die burmesische Armee mehr als 3.000 Dörfer zerstört oder ihre Bevölkerung in die Flucht getrieben. Die Strategie nennt sich „The Four Cuts“: Dörfer, die verdächtigt werden, mit Widerstandsgruppen zu sympathisieren, werden zerstört, um die kämpfenden Einheiten von der Versorgung mit Nahrungsmitteln, Geld, Rekruten und Informationen abzuschneiden. Die Zivilbevölkerung wird gezwungen, aus Kampfgebieten in „Umsiedlungszentren“ zu ziehen, wo sie jederzeit kontrolliert werden kann. Das ist das Burma, das TouristInnen nicht zu sehen bekommen werden. Die Menschen hier fordern mich ständig auf, der Welt zu sagen, was mit ihnen passiert. Aber diese Geschichte ist schon längst erzählt worden, und nicht nur einmal. Die Frage ist vielmehr, ob die Welt überhaupt zuhören will.

Copyright New Internationalist

Wan Bai Pay, was auf Shan „Flüchtlingslager“ bedeutet, ist nicht der richtige Name des Lagers, der zum Schutz seiner BewohnerInnen nicht bekanntgegeben werden kann. Mehr Berichte aus Wan Bai Pay gibt es im Blog von Dinyar Godrej auf der Website des New Internationalist: www.newint.org

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