Quinoa in aller Munde

Von Hildegard Willer ·

Quinoa ist auf dem Weltmarkt angekommen. Für die kleinbäuerliche Landwirtschaft der Anden ist das ein Segen – mit Nebenwirkungen.

Sonntag auf der „Feria de 16 de julio“: Im geschäftigen Treiben des Wochenmarkts im bolivianischen El Alto findet sich alles, was das Herz begehrt: Neue Kleinbusse stehen hier ebenso zum Verkauf wie Schrauben aus einem ausgeschlachteten Motor, neben traditionellen Trachten sind moderne Jeans zu haben. Wem es auf dem in 4.000 Meter Höhe gelegenen Markt vor den Toren der Hauptstadt La Paz zu anstrengend wird, kann bei Doña Juana zu einer „Pesche de quinoa“ einkehren. Aus einem großen Aluminiumtopf serviert die Ayamara-Frau ein warmes Mus aus Quinoa, Milch und Käse. Unzählige indigene Kinder in den Hoch-Anden sind mit diesem Gericht aufgewachsen; wenn keine Milch im Haus war, gab es die senfkorngroßen Samen nur mit Wasser gekocht. Aber Quinoa war immer da, auch im ärmsten Haushalt.

Das ist heute anders. Doña Juana verkauft seit neun Jahren „Pesque de quinoa“ auf dem Markt in El Alto. In dieser Zeit hat sich der Preis für die Quinoa versechsfacht. Sechs Bolivianos, umgerechnet 65 Eurocent, verlangt sie heute für einen Teller des Quinoa-Gerichtes. „Quinoa ist kein Armengericht mehr, heute ist es für Reiche“, sagt sie.

Der Siegeszug der Quinoa ist der internationalen Nachfrage zu verdanken. Die kleinen Körnchen – in gelber, roter oder schwarzer Variante zu haben – sind zwar seit Jahren für ihren hohen Nährwert- und Eiweißgehalt bekannt und wurden von der Nordamerikanischen NASA als Astronautennahrung angepriesen. In Europa fristeten sie dennoch nur ein Nischen-Dasein in Reformhäusern oder Eine-Welt-Läden. Seit jedoch immer mehr NordamerikanerInnen und EuropäerInnen an Weizenunverträglichkeit leiden, ist die Nachfrage nach dem glutenfreien Quinoakorn in die Höhe geschossen. Seit 2005 hat sich der Preis für Quinoa deswegen verdreifacht und liegt bei über 3.000 US-Dollar pro Tonne. Die Anbauflächen in Peru und vor allem in Bolivien nehmen seitdem zu. Von 2000 bis 2009 sind, laut Welternährungsorganisation FAO, die Anbauflächen in Bolivien um 31 % und in Peru um 18 % gewachsen. Die FAO sieht in der Quinoa-Pflanze ein Mittel gegen den Hunger in der Welt und hat das Jahr 2013 zum Jahr der Quinoa-Pflanze erklärt.

Quinoa wird seit jeher von peruanischen und bolivianischen Kleinbäuerinnen und -bauern in 3.500 bis 4.000 Metern Höhe angebaut. Die steigende Nachfrage nach Quinoa hat den Gebirgsbäuerinnen und -bauern nun unverhofft einen Markt für ein Produkt eröffnet, das auf der kargen Hochebene besonders gut wächst. Das bringt neben dem Geld allerdings auch Konflikte mit sich: die Ausweitung der Quinoa-Anbaugebiete geht auf Kosten der Weideflächen für Lamas, deren natürlicher Dünger die Böden fruchtbar macht. Die Abkehr von traditionellen, schonenden Anbaumethoden laugt die Böden zusätzlich aus. Zudem ist der Preis der Quinoa so in die Höhe geschnellt, dass sich viele PeruanerInnen und BolivianerInnen die Quinoa nicht mehr leisten können.

Quinoa-Fakten

  • Quinoa hat seinen Ursprung im Gebiet rund um den Titicacasee und hat sich über Bolivien und Peru in weitere Andenländer verbreitet.
    Die Pflanze ist ein Gänsefußgewächs, verwandt mit Spinat, Mangold und Roter Rübe. Essbar sind die Blätter und die Samenkörner.
  • Es gibt mit 3.000 Sorten eine große Sortenvielfalt. Die so genannte Königsquinoa (Quinoa Real) gedeiht nur in Bolivien im Hochland um den Salzsee Salar de Uyuni.
  • Wichtigste Anbauländer von Quinoa: 1. Bolivien, 2. Peru, 3. Ecuador. Weitere Anbauländer: Chile, Argentinien, Brasilien und weitere Länder Lateinamerikas.
  • Produktion von Quinoa in Bolivien:
    2011/12: 50.566 Tonnen auf 96.544 Hektar. Davon gingen 52% in den Export, 24% in den lokalen Markt, 24% werden als so genannte Überschussproduktion bezeichnet ( v.a. Schmuggelware).
  • Pro Kopf-Verbrauch in Bolivien:
    2008: 0,35 kg
    2012: 1,10 kg
    2013: 2,00 kg (Plan)
    Zum Vergleich: der Verzehr von Kartoffeln liegt bei rd. 92 kg pro Kopf.        red

Dennoch: der Quinoa-Boom hat die kleinbäuerliche Landwirtschaft in den Hoch-Anden belebt, wie es jahrzehntelange Entwicklungsprojekte allein nicht vermochten. In Bolivien und Peru kehren MigrantInnen aus den städtischen Armenvierteln wieder auf das Land ihrer Eltern zurück und bauen Quinoa an.

Der hohe Preis für die Quinoa hat auch das Leben des 28-jährigen Landwirts Rolando Pari beeinflusst. Er sieht heute wieder eine Perspektive, als Landwirt arbeiten zu können und seinen Betrieb zu vergrößern. Stolz zeigt er das neu gestrichene Wohnhaus im Dorf Caracoto, vor den Toren der peruanischen Stadt Juliaca, in dem er mit seinen Eltern wohnt. Er hat den Erlös der Quinoa-Ernte in eine Wasserpumpe investiert und konnte außerdem den Stall für seine 18 Milchkühe renovieren. Nur auf die Quinoa zu setzen sei nämlich riskant, sagt er, denn die Quinoapflanze ist sehr witterungsanfällig. Kommt der Frost zu früh im Jahr, ist die ganze Ernte verloren.

Rolando Pari und seine Eltern gehören der Quinoabauern-Genossenschaft des Dorfes an und beliefern die Quinoa-Mühle in Juliaca. Die einst von einem Priester gegründete Mühle verarbeitet heute monatlich 100 Tonnen ökologisch angebaute und fairtrade-zertifizierte Quinoa und exportiert sie in alle Welt. Noch haben die Quinoa-Bäuerinnen und -Bauern der Hoch-Anden einen Wettbewerbsvorteil – aber die Konkurrenz steht bereits in den Startlöchern. Denn Quinoa wächst auch in niedrigeren Höhen sehr gut. An Perus Küste wie auch in den USA und Kanada wird bereits mit dem großflächigen Anbau von Quinoa experimentiert. Einen Unterschied zur Quinoa aus den Hoch-Anden gibt es jedoch: In tieferen Lagen muss gegen Schädlinge gespritzt werden, ökologisch angebaute Quinoa gibt es erst ab 3.500 Metern. Noch ist Quinoa ein Nischenprodukt, allerdings auf dem Weg zum weltweit gehandelten Rohstoff.

Hildegard Willer arbeitet als freie Journalistin und Journalismus-Dozentin in Lima, Peru.

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