Werner Leiss hört sich um

Radikal ursprünglich

The Good Ones aus Ruanda mit ihrem Album „Rwanda, You Should Be Loved“.

Die traurigen Fakten bezüglich des Völkermords 1994 sind vielen Südwind Magazin-LeserInnen bekannt. Die Mitglieder der Band The Good Ones sind Überlebende, wobei sich einer als Hutu, der andere als Tutsi und der dritte als Twa definiert. Sie sind „die Guten“, und sie musizieren gemeinsam.

Dass sie überhaupt bekannt geworden sind, ist der findigen Mentalität des US-amerikanischen Produzenten Ian Brennan zu verdanken. Bekannt ist er auch durch die Arbeit mit der Tuareg-Band Tinariwen, mit Ramblin’ Jack Elliott oder dem Zomba Prison Project. Er war schon nahezu überall und er findet auch immer irgendwas.

Mit seiner italienisch-ruandischen Frau, der Filmemacherin und Fotografin Marilena Delli, reiste er 2009 auf der Suche nach lokaler Musik durch Ruanda, bis er schließlich fündig wurde.

Mittlerweile hat sich die Formation international einen Namen gemacht. Für ihr nun drittes Album hat Bandleader, Sänger und Gitarrist Adrien Kazigira ursprünglich über vierzig Songs komponiert. Die meisten sind Meditationen über seine inzwischen dreizehnjährige Tochter Marie-Claire und den lebensbedrohlichen Tumor, der ihr linkes Auge befallen hat.

Wie auch die Vorgänger ist „Rwanda, You Should Be Loved“ mit Hilfe Ian Brennans auf Kazigiras Farm entstanden, wo der Musiker angeblich noch immer ohne Strom und fließendes Wasser lebt.

Reduzierter Klang. Der Klang ist nach wie vor roh und recht unmittelbar. Ganz so, wie es Brennan von Anfang an vorschwebte. Die Aufnahmen wurden live eingespielt. Sie sitzen im Raum mit Gitarren und Perkussion, eine improvisierte Note scheint durchaus beabsichtigt. Die Texte werden in einem lokalen Dialekt der Sprache Kinyarwanda gesungen.

Tatsächlich ist ein reduzierterer Sound kaum vorstellbar. Zu reduziert wohl für manch westliche Klanggewohnheiten. Wer, so werden sich ein paar Vermarktungsbegabte gefragt haben, will sich mit dieser doch letztlich sperrigen Musik auseinandersetzen, wer soll das hören, wer kaufen?

Aber hierfür wurde freilich eine Lösung gefunden. Es haben ein paar Leute aus dem Westen mitgearbeitet, die in nicht unbekannten Indie-Rock- bzw. Americana-Bands wirken: Wilcos Nels Cline, Corin Tucker von Sleater-Kinney, Kevin Shields von My Bloody Valentine, Joe Lally von Fugazi und Tunde Adebimpe von TV On The Radio.

Allzu viel wurde am ursprünglichen Klangbild jedoch nicht verändert, da wurden einfach ein paar bekannte Namen gebraucht. Es handelt sich wohl um eine reine Marketing-Maßnahme. The Good Ones sind aber freilich immer noch radikal ursprünglich. Hoffentlich bleibt ihnen auch genug Geld.

Werner Leiss ist Musikkritiker des Südwind-Magazins und Redakteur des „Concerto“, Österreichs Musikmagazin für Jazz, Blues und Worldmusic.

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