Rai gegen den Frust

Sie wurden um ihre Zukunft betrogen und müssen mit Problemen wie Armut und Arbeitslosigkeit alleine fertig werden: Algerische Jugendliche blicken ungewissen Zeiten entgegen.

Von Axel Veiel
So schnell kann es gehen. Keiner hat es gedacht, keiner hat es geplant. Als Khaled das Mikrofon in die Hand nimmt, der für einen Abend aus dem französischen Exil nach Algier heimgekehrte Star, da greifen im Saal Tausende von Händen nach der allseits ausgelegten Fan-Zeitung, winden die Blätter zu Fackeln, zünden sie an. Ein Flammenmeer lodert im Saal, Rauchwolken steigen zur Decke, Funkenregen prasselt auf die Versammelten hernieder. Gibt es jemanden, der jetzt nicht brüllt, tobt und tanzt? Im Schein der Flammen zeichnen sich Gesichter ab. Verzerrte, verzückte, verklärte Gesichter sind es.
Freude bricht an diesem Abend aus, nicht Frust, nicht Hass. Dabei sind es die zu kurz Gekommenen, die um ihre Zukunft Betrogenen, die sich hier in der Sporthalle "Harcha" drängen. Zu Tausenden sind sie gekommen, um für zwei, drei Stunden die eigene Misere zu vergessen, um sich zu berauschen an den drängenden, treibenden Rhythmen des Rai und an Khaled. Keiner versteht es so wie er, die Stimme in immer neuen Halb- und Vierteltonschritten hinauf- und hinunterzuziehen, zu klagen, zu locken, zu verführen. Den König des Rai nennen ihn seine Landsleute.

Im exklusiven "Club des Pins" war das Schicksal der Jugendlichen kürzlich auf der Tagesordnung gestanden. Dort, an den Gestaden des Mittelmeeres westlich der Hauptstadt, hatte die erste nationale Armutskonferenz getagt und schonungslos Bilanz gezogen: Ein Kaufkraftverlust von 35 Prozent zwischen 1991 und 1998, ein Tagesbudget von einem US-Dollar pro Kopf für 40 Prozent der Bevölkerung, eine Arbeitslosigkeit von 30 Prozent, das ist Algerien heute. Wobei Armut und Arbeitslosigkeit in einem Land, in dem zwei Drittel der Menschen noch keine 30 Jahre alt sind, vor allem Jugendarmut und Jugendarbeitslosigkeit bedeuten.
In der Sporthalle "Harcha" scheint diese Altersgruppe sogar ganz unter sich zu sein. Die Männer drängen sich vor der Bühne. Frauen, Kinder, Familienoberhäupter und Ehrengäste sitzen oben auf den Emporen. Erstmals seit 14 Jahren gibt der nach Frankreich ausgewanderte Khaled Hadj Brahim wieder ein Konzert in der Heimat.

Mordkommandos islamistischer Terroristen hatten Mitte der neunziger Jahre Cheb Hasni umgebracht, den "Prinzen des Rai". Später töteten sie auch den Sänger und Produzenten Rachid Baba Ahmed. Aber Algerien scheint sicherer geworden zu sein, vor allem Algier.
Auf den Plätzen und Boulevards der Stadt, auf den Terrassen am Meer, überall scheinen die Menschen von derselben Idee beseelt: Sie wollen endlich ausgehen ohne Angst, Bekannte treffen, sich amüsieren und den Alptraum des Terrors ein für alle Mal abschütteln. Am Eingang der Universität, wo Jahre lang Panzersperren und Ausweiskontrollen den Zustrom der Studierenden regelten und trotz aller Vorkehr einst eine Bombe explodierte, fahren Autos ein und aus, scherzen und lachen StudentInnen. "Früher konnte man die Angst hier riechen", erzählt einer von ihnen.
Auch das Kulturleben kehrt langsam zurück. Der internationalen Buchmesse folgte das Festival des französischen Films. Boudjmaa Kar?che, der Direktor der Cinemathek, der sich aller Terrorattacken erfolgreich erwehren konnte, strahlt: "Der Bildersturm der Religiösen ist vorbei, das Kino hat ihn überlebt." Und nun hält auch noch der König des Rai Einzug.
"Wenn Khaled kommt, dann präsentiert sich Algier als westliche Metropole, erinnert an Paris oder Rom", hatte Zora Mansouri gesagt, die im Parlament für Frauenrechte streitende Abgeordnete der regierungsnahen Partei Demokratische Nationale Sammlungsbewegung (RND).
Und in der Tat fehlt es nicht an Insignien, wie sie Kultur und Kommerz des Westens hervorbringen. Auf Jeans und Jacken der Khaled-Fans kommt zu Ehren, was auch Altersgenossen in Europa hochhalten: Lacoste, Opel oder der FC Barcelona. Und wie auf der anderen Seite des Mittelmeeres verbergen nur wenige Frauen und Mädchen ihr Haar unter Kopftüchern.
Die strikte Trennung der Geschlechter lässt freilich ahnen, welch dünner Firnis oft nur ist, was als westliche Prägung scheint. Wie hier in der Sporthalle haben auch in der Politik Tradition und Moderne, Arabisches und Westliches Schimären hervorgebracht.

Sehr algerisch ist Khaleds Musik. Das ganze Land spiegelt sich in ihr wider. Der Mann mit dem dichten Kraushaar und dem noch dichteren Schnurrbart führt scheinbar mühelos all das Widersprüchliche zusammen, was Algerien auszeichnet: Orient und Okzident, arabische Tradition und westliche Moderne. Die heimische Folklore klingt überall durch, doch sie verbindet sich mit Flamenco, Funk, Reggae, ja Antillenklängen.
Welch kühne Utopie ist da Wirklichkeit geworden. Draußen vor den Toren des Saales treten die verschiedenen Elemente algerischer Identität vielfach gegeneinander an, in der antiwestlichen Propaganda der Islamisten, in den Gegenattacken der Laizisten, in den regelmäßig wiederkehrenden Kampagnen der Regierung gegen den Gebrauch der französischen Sprache.
Die Abgeordnete Mansouri ist froh, wenn sich die jungen Leute an Musik berauschen. Denn ohne den Rausch, ohne das Ersatzerlebnis, geht es wohl nicht. Die wirtschaftliche Erholung, glaubt die Politikerin, werde noch Jahre dauern. Das überrascht insofern, als dank gestiegener Erdölpreise die Devisenquellen sprudeln wie selten zuvor. Die Einnahmen werden zum Jahresende 15 bis 20 Milliarden US-Dollar über dem liegen, was Haushaltspolitiker erwartet und veranschlagt hatten. Ein Teil des in der Presse als "Lottogewinn" gefeierten Geldes dürfte in den Schuldendienst fließen, in die Ankurbelung der Wirtschaft, die Privatisierung maroder Staatsbetriebe, die Modernisierung des Landes. Und der Rest?

Der mitreißenden algerischen Musik allein ist es indes kaum zuzuschreiben, wenn Armut nicht in Aufbegehren umschlägt. Die Repression tut das ihre. "Es gibt in Algerien keine Demonstrationen mehr", erzählt der 28-jährige Hamad. Jedweder öffentliche Protest werde im Keim erstickt. Im Satellitenfernsehen hat der junge Mann gesehen, wie die Franzosen sich auf den Straßen erfolgreich gegen die erhöhten Benzinpreise wehrten. "Bei uns wäre so etwas undenkbar", sagt er. Im Oktober 1988 freilich hatte sich der Volkszorn einmal Luft gemacht, so sehr die Sicherheitskräfte auch damals schon dagegenhielten. Bei Unruhen starben bis zu 500 Menschen.
Outoudert Abrouss, Chefredakteur von "Liberté", der größten französischsprachigen Tageszeitung Algeriens, befürchtet, die Geschichte könne sich wiederholen. "Die soziale Zeitbombe kann jeden Augenblick explodieren", glaubt Abrouss. Andere Vordenker wie Ali Brahimi von der streng weltlich ausgerichteten Sammlungsbewegung für Kultur und Demokratie (RCD) winken ab. Niemand sei mehr da, der dem dumpfen Frust der Massen Richtung und Ziel geben könne, wie dies einst die Islamische Heilsfront FIS getan habe, glaubt Brahimi. Die Islamisten seien hierzu nicht mehr in der Lage. Das Blutvergießen der im Namen der Religion mordenden Terroristen habe die Bewegung nachhaltig geschwächt.
Der RCD-Politiker steht mit dieser Meinung nicht allein. Der Staat hat brutal zurückgeschlagen und sich dabei um die Menschenrechte wenig geschert. Doch die Hauptschuld am Blutvergießen, darin sind sich die meisten AlgerierInnen einig, tragen die bewaffneten Banden, die sich islamisch nennen. Ein Großteil der Bevölkerung hat sich abgewendet von den selbst ernannten Politikern Allahs. Die Erinnerungen an die Gräueltaten sind noch frisch, die Bilder der Toten sind allgegenwärtig.
Ob in den Empfangsräumen einer Zeitungsredaktion, einer Partei, oder im Flur einer Wohnung: Überall sind Mausoleen entstanden, kleine Ecken und Nischen des Gedenkens an die Opfer des Terrors, an den ermordeten Kollegen, Freund und Verwandten.

Nicht nur Ansehen, auch Terrain hat der politische Islamismus verloren. Die Polizei, die sich noch vor zwei Jahren allenfalls zum Sturmangriff in Algiers Kasbah wagte, ist dort inzwischen Herr der Lage, auch wenn das Altstadtviertel noch immer so aussieht, als entziehe es sich jeder ordnenden Hand. Die aus osmanischer Zeit stammenden Häuser brechen und bröckeln. Mauern wölben sich zu berstenden Bäuchen, aus denen Staub und Schutt strömt. Mit Balken und Stangen versuchen die Menschen den Niedergang aufzuhalten. In höhlenähnlichen Verließen hocken Schneider hinter Nähmaschinen und Gewürzverkäufer hinter Säcken, aus denen Zimtstangen, Kümmel oder auch Pfeffer quellen.
An einem Aufgang stehen vier Männer Spalier. Jeder hält etwas in der Hand, eine Trainingshose der eine, ein Paar Schuhe, eine Melone, ein altes Hemd die anderen. Sie verkaufen, was zum Verkaufen geblieben ist. Das sei nicht Armut, das sei Alltag, sagen sie. Ein Greis mit aufgerissenem Mund und verdrehten Augen drängt sich vorbei, brüllt "Allah, Allah, Allah". Ein Verrückter. Viele Menschen sollen verrückt geworden sein in den Jahren des Terrors, in denen mehr als 100.000 AlgerierInnen umgebracht wurden.

Aber könnte nicht ein anderer kommen, eine Art "politischer Khaled", der zu mehr verführt als zu Tanz und Trance? Und wenn nicht, könnten eines Tages nicht doch wieder die Islamisten als selbst ernannte Vorkämpfer der Gerechtigkeit zurückkehren? Die Mächtigen in Algier scheinen dies zu befürchten. Sie wollen es jedenfalls nicht darauf ankommen lassen.
Wohl wissend, dass er den Gegner nicht besiegen, auch nicht beseitigen kann, hat Präsident Bouteflika nach dem Prinzip "Teile und herrsche", einen Teil der Bewegung in die politische Verantwortung eingebunden. Gemäßigte Islamisten stellen etwa ein Viertel der Abgeordneten sowie mehrere Minister. Wobei "gemäßigt" heißt, dass sie sich vorerst mit dem ihnen von Bouteflika und den Generälen zugewiesenen Platz begnügen.
Die Nacht ist weit fortgeschritten. Khaled hat sich ins Hotel zurückgezogen. Nieselregen hüllt "Algier, die Weiße" in eintöniges Grau. Auf der Autobahn Richtung Flughafen marschieren ganze Heerscharen von Jugendlichen hinaus in die Außenviertel der Stadt. Busse fahren dort um diese Zeit schon lange nicht mehr, Taxis können sich Heimkehrer nicht leisten. Wenn die Scheinwerfer eines Autos die Nacht durchschneiden, schnellen Hunderte von Armen in die Luft. Doch es sind der Anhalter zu viele, als dass sich irgendein Nachtschwärmer ihrer erbarmen würde.

Axel Veiel ist Nordafrika-Korrespondent mehrerer deutschsprachiger Medien mit Sitz in Madrid.

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