Rapperin Priya Ragu will’s wissen

Von Monika Austaller ·
Die tamilische Sängerin Priya Ragu
© Reuben Bastienne-Lewis

Priya Ragu hat ihren Brotjob an den Nagel gehängt und rappt jetzt auf Englisch und Tamilisch.
Die international für Furore sorgende Künstlerin aus der Schweiz im Interview.

Ihre Musik klingt vertraut und gleichzeitig komplett unerkennbar. Sie experimentieren mit amerikanischem R ’n’ B und indischer Tabla – und rappen dazu auf Englisch und Tamilisch. Was bedeutet es für Sie, eine tamilisch-schweizerische Künstlerin zu sein?

Es war nie geplant, tamilische Samples zu benützen. Am Anfang wollte ich einfach R ’n’ B, Soul und Hip-Hop machen. Ich kooperiere mit meinem Bruder, Japhna Gold. Er ist mein Produzent. Mein Bruder arbeitet experimenteller und ist offener als ich. Deshalb gab es zu Beginn auch immer wieder Diskussionen – bis wir uns musikalisch auf der gleichen Ebene gefunden haben. Dann ist alles ganz organisch entstanden. Und plötzlich war klar: Das ist unser Ding!

Wie würden Sie Ihren Musikstil beschreiben?

Ich nenne ihn „raguwavey“, also Ragu, wie mein Nachname. Es spielen ganz viele verschiedene Einflüsse hinein. Auf ein spezifisches Genre möchte ich mich gar nicht beschränken, weil ich noch am Entdecken bin. Natürlich gibt es tamilische Einflüsse in meiner Musik, aber genauso Hip-Hop, Soul, Jazz und Bossa Nova. Das ist alles in mir drin und deshalb weiß man nie, was da rauskommt. (lacht)

Im vergangenen Jahr haben Sie mit „Good Love 2.0“ die erste Single veröffentlicht, im September dieses Jahres ist Ihr erstes Mixtape „Damnshestamil“ erschienen. Was sprechen Sie darin an?

Es geht darum, auf die innere Stimme zu hören. Der Intuition zu folgen, den eigenen Weg zu gehen. Ich habe zehn Jahre lang bei Swiss Air gearbeitet, sechs Jahre als Buchhalterin, dann als technische Einkäuferin. Es war eine tolle Zeit. Aber ich wusste, dass es nicht für immer ist. Dass es noch mehr gibt. 2017 habe ich meinen Job gekündigt und bin nach New York geflogen, um – möglichst weit weg von zu Hause – eigene Lieder zu schreiben.

Priya Ragu, 35, ist in der Schweiz aufgewachsen und lebt heute in St. Gallen und London. Sie stammt aus einer tamilischen Familie, die in den 1980er Jahren aus dem vom Bürgerkrieg gebeutelten Sri Lanka floh. Schon als Kind träumte sie davon, Musikerin zu werden. 2020 gelang ihr der Durchbruch. Nachdem ihre erste offizielle Single „Good Love 2.0“ auf BBC Radio 1 zu hören war, wollten sie zwanzig Labels unter Vertrag nehmen. Jetzt wird ihre Musik in den USA genauso gespielt wie in Indien, England oder in der Türkei. Sie hat einen Vertrag bei Warner Music unterzeichnet. In der Zeitschrift Vogue wird sie als Pop-Entdeckung des Jahres gefeiert.

priya-ragu.com

Oft setzt man sich selber Grenzen im Kopf. Was waren Ihre und wie haben Sie die überwunden?

Mit meiner Musik hatte ich Zweifel, in der Schweiz erfolgreich sein zu können. Dass ich international Erfolg haben könnte, hätte ich nie gedacht. Bei Open Mic-Abenden, also wo ich meine selbst verfassten Texte performt habe, wurde ich oft gefragt, wann ich endlich ein Album herausbringe. Irgendwann hat es mich echt genervt, darauf keine Antwort zu haben. Ich habe aufgehört, zu Jam Sessions zu gehen und habe meine innere Stimme lange, lange Zeit unterdrückt. Und dann kam der Punkt 2017, an dem ich dachte, wenn ich jetzt diese Herausforderung nicht annehme, meine Musik zu veröffentlichen, dann nie.

Wie ist Ihr Bezug zu den Wurzeln Ihrer Familie?

Ich bin in Zürich geboren. Meine Familie ist ursprünglich aus Jaffna im Norden von Sri Lanka. Ich habe nicht so gute Erinnerungen an Sri Lanka, weil wir im Bürgerkrieg Familienmitglieder verloren haben. Außerdem wird die tamilische Minderheit dort immer noch unterdrückt. Lange konnten wir deshalb nicht zurückreisen.

Aber meine Eltern sind in den Ferien oft mit uns Kindern nach Indien gereist, nach Chennai in Südindien. Sie haben einen starken Bezug zu den hinduistischen Tempeln und viele Freunde in der Gegend. So ist auch mein Bezug zu Indien intensiver geworden.

Was gefällt Ihnen am Musikmachen am besten?

Das Faszinierende ist: Ich kann etwas kreieren. Und Menschen damit verbinden. Es ist dann für immer da draußen. Und kann Leben verändern.

Interview: Monika Austaller

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