Reisen in Konfliktregionen

Tourismus ist niemals neutral. Wer als Tourist oder Touristin in Konfliktregionen reist, nimmt durch sein Verhalten auf die Lage vor Ort Einfluss.Wie sieht das im Fall von Israel und Palästina aus?

Von Susanne Fischer
Grafitti an einem Souvenirladen in Bethlehem.

Über die Bedeutung von Tourismus in Krisen- und Konfliktregionen zu schreiben, mag zunächst überraschend erscheinen. Tourismus kann jedoch dazu beitragen, politisch Erreichtes durch wirtschaftliche Entwicklung abzusichern. Derartige positive Effekte sind aber kein Automatismus – sie sind nur möglich, wenn Tourismus speziellen Regeln folgt. In Palästina ist man bereits seit längerem mit den Chancen und Problemen, die Tourismus in einer Konfliktregion entfaltet, vertraut.

Seit Jahren stockt der Friedensprozess zwischen Israelis und PalästinenserInnen. Neben politischer Stagnation prägt auch ökonomische Perspektivenlosigkeit den Alltag der PalästinenserInnen – die ausländischen Investitionen sind gering und die Arbeitslosigkeit ist hoch. Dies müsste nicht alle Branchen betreffen. So gibt es auch in Palästina zahlreiche touristische Sehenswürdigkeiten. Hierzu zählt selbstverständlich Ostjerusalem mit dem Basar und dem Tempelberg. Mit Jericho und Bethlehem liegen weitere Attraktionen in den palästinensischen Gebieten. Dennoch bleibt der Großteil der Gewinne vom Tourismus bei der israelischen Tourismusindustrie.

Fahndet man nach den Ursachen, dann gibt der Blick auf Bethlehem nach wie vor die meisten Antworten: Bethlehem liegt knapp zwanzig Kilometer von Jerusalem entfernt. Wer jedoch die Stadt besuchen will, muss über den Checkpoint und „durch“ die Mauer. Vor diesem Hintergrund entscheiden sich die meisten TouristInnen dafür, im Bus eines Reiseanbieters von Jerusalem für eine Halbtagestour nach Bethlehem zu fahren. Das Ziel dieser Tour ist die Geburtskirche im Herzen Bethlehems. Hier entlässt der Fahrer die Reisenden mit ihrem Reiseleiter. Dieser führt die Gruppe durch die Kirche und anschließend zu einigen der direkt an der Kirche gelegenen Souvenirshops. Wenige Stunden nach der Einfahrt in die Stadt sind die Reisenden wieder auf dem Rückweg. Zu wenig Zeit, als dass ein Austausch zwischen Reisenden und Bevölkerung stattfinden könnte. Jedoch ausreichend Zeit, um Abfall und Abgase in der kleinen Stadt zurückzulassen.

Dies zeigt, dass Reisen keine neutrale Aktivität ist. So verringert diese Form des Reisens die ökonomische Kluft zwischen den Konfliktparteien nicht, vielmehr bleibt der Gegensatz bestehen oder verschärft sich sogar noch. Worauf also sollten Reisende wie Reiseanbieter achten?

Bereits wenige „Merkposten“ tragen dazu bei, dass Reisende den Bedingungen in einer Konfliktregion mit mehr Sensibilität begegnen.

Der erste Merkposten betrifft die Entscheidung über die Besichtigung touristischer Sehenswürdigkeiten. Wenn auf der Liste einer Reise nicht nur Akkon und Jerusalem, sondern auch Bethlehem und Jericho stehen – und der oder die Reisende an diesen Orten entsprechend Zeit verbringt –, dann besucht er oder sie die ganze Region und wird damit PalästinenserInnen wie Israelis gerecht.

Der zweite Merkposten betrifft die Auswahl der Hotels – diese sollte israelische und palästinensische Hotels möglichst ausgeglichen berücksichtigen. Will ein Reisender, um das obige Beispiel aufzugreifen, nicht in Bethlehem übernachten, so finden sich auch in Jerusalem von PalästinenserInnen geführte Hotels. Überdies ist bei der Hotelentscheidung auf ein umweltbewusstes Hotelmanagement zu achten. Wasser ist in dieser Region ein knappes und umkämpftes Gut – ein sparsamer Gebrauch daher wichtig.

Was für die ersten beiden Punkte gilt, gilt schließlich auch für das tägliche Essen und den Kauf von Souvenirs, den dritten Merkposten. Genießt der oder die Reisende ein Mittagessen in der Innenstadt Bethlehems, dann eröffnet sich hieraus auch der palästinensischen Gastronomie eine Perspektive. Entscheidet man sich zudem für Speisen wie Taboulé oder Hummus, so stützt dies den Anbau regionaler Produkte durch regionale NahrungsmittelproduzentInnen. Und wenn schließlich auch das Souvenir das Siegel eines regionalen Herstellers trägt, so profitiert nicht nur die lokale Tourismusbranche, sondern auch der Gast, der ein „echtes“ Andenken in Händen hält.

Wer sich nun fragt, woher er oder sie die Informationen nehmen soll, um die Reise ins Heilige Land konfliktsensibel zu gestalten, dem sei der Reiseführer „Palestine and the Palestinians“ empfohlen. Außerdem findet man auf der Website der „Palestinian Initiative for Responsible Tourism“ Reiseanbieter und Hotels, die sich über den Verhaltenskodex der Initiative dazu verpflichtet haben, gegenüber ihren MitarbeiterInnen soziale Mindeststandards einzuhalten, die Umwelt zu schützen und Angebote der lokalen Tourismusbranche zu nutzen.

Was viele KonsumentInnen beim Kauf von Lebensmitteln in den letzten Jahren bereits gelernt haben, trifft somit letztlich auch auf die Urlaubsreise zu: Es gilt, Informationen einzuholen, nachzufragen und abzuwägen. Dies führt nicht immer zur perfekten Lösung, doch wenigstens sollte sich der mögliche Schaden begrenzen lassen.

Susanne Fischer ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Politikwissenschaft an der Universität der Bundeswehr München. Sie forscht zur Rolle privatwirtschaftlicher AkteurInnen in Konfliktregionen (Nahost) und zu Sicherheits- und Risikopolitik im öffentlichen Raum.

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