Saubere Freundschaft

Von Redaktion ·

Eine chinesische Waschmittel-Firma warb auf rassistisch anmutende Weise für „Weißheit“. Die darauffolgende Debatte enthüllte mehr über die Beziehungen zwischen China und Afrika als Rassismus, analysiert Sarah Hanisch.

Eine junge Frau steht mit einem muskulösen Mann, der äußerlich an den Fußballstar David Alaba erinnert, vor der Waschmaschine. Er hat weiße Farbstreifen an den Wangen, offenbar kommt er gerade vom Malen. Sie nimmt eine Kapsel des Waschmittels Qiaobi und steckt ihn damit in die Waschmaschine. Wenig später entsteigt dieser ein Mann, der auch ein chinesischer Seifenoper-Star sein könnte.

Anfang Juni 2016 sorgte diese Waschmittelwerbung der chinesischen Firma Leishang Cosmetics für Aufruhr. Auf die Ausstrahlung des Werbespots mit dem Titel „Verwandlung fängt mit Qiaobi an“ erfolgte eine transnationale Debatte über Rassismus in China, geführt von JournalistInnen und WissenschaftlerInnen in westlichen Medien wie den New York Times oder dem Guardian, aber auch in englisch-sprachigen Zeitungen aus Hong Kong, etwa der China Morning Post und dem Shanghaiist in Shanghai.

Weniger sichtbar, aber nicht weniger relevant war die Diskussion in chinesischen virtuellen Chaträumen wie WeChat, QQ und Websites wie Zhihu. Es ging um die Bedeutung von Hautfarbe, den Umgang mit Fremden und darum, ob es Rassismus in China überhaupt gäbe. Weiterführend stellte sich die Frage, warum das Aussehen des Mannes im Spot gerade von afrikanisch zu asiatisch gewandelt wurde, und was dies über die China-Afrika-Beziehungen aussagt. Die meisten Beiträge dazu kamen von ForscherInnen aus dem China-Afrika-Feld.

„Die freundschaftlichen Gefühle zwischen den Völkern von Afrika und China sind tief“, heißt es auf diesem Poster aus dem Jahr 1972.

Blühende Freundschaft. Chinas Beziehungen zu afrikanischen Ländern erfreuen sich seit dem ersten Forum on China-Africa Cooperation (FOCAC) im Jahr 2006 erhöhter Aufmerksamkeit in der Wissenschaft und den Medien. FOCAC steht für eine strategische Partnerschaft, die auf der langjährigen politischen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit Chinas mit einigen afrikanischen Ländern seit den 1960ern aufbaut. Im Rahmen der Solidarität Chinas mit dem sozialistischen Afrika entstand bereits während des Kalten Krieges das Schlagwort der Chinesisch-Afrikanischen Freundschaft. China ist zwar nicht das einzige Land, das das Freundschaftsnarrativ für bilaterale Beziehungen verwendet, aber kein anderes Land spricht so oft von seinen afrikanischen Freunden. Chinesische Propagandaposter aus den 1960er Jahren verkünden die tiefe Chinesisch-Afrikanische Freundschaft. FOCAC, über das ausführlich in chinesischen Medien berichtet wurde, hat das Freundschaftsnarrativ aufgenommen. Es steht nicht nur für die bilateralen Beziehungen, sondern bezieht auch eine klare Gegenposition zum Westen.

Besser als der Westen. Aus offizieller chinesischer Sicht verbindet China und Afrika die Erfahrung von westlichem Imperialismus und Kolonialismus, aber auch von Rassismus, deshalb habe Rassismus keinen Platz in den China-Afrika-Beziehungen, China sei besser als der Westen. Diese Meinung wurde auch in der Debatte rund um den Qiaobi-Werbespot ins Feld geführt. Barry Sautman und Yan Hairong von der Hong Kong University of Science and Technology zum Beispiel finden, der Rassismus-Vorwurf sei wie mit Steinen im Glashaus zu werfen. Statistiken aus den USA hätten gezeigt, dass dort rassistisch-motivierte Gewalt verbreitet sei. In China, so die ForscherInnen, existiere sie nicht in dem Ausmaß.

AfrikanerInnen in China

Die größte Einwanderungsbewegung von AfrikanerInnen nach China begann in den späten 1990er Jahren. Um Handel zu treiben, kamen Tausende WestafrikanerInnen vor allem nach Guangzhou in Südchina, wo sich die exportorientierte Fertigungsindustrie entwickelte. Genau Zahlen sind aufgrund der unterschiedlichen Visaregelungen und mangelnder offizieller Daten nicht zu berechnen. Aus dem Zensus von 2011 geht lediglich hervor, dass insgesamt 600.000 Menschen aus aller Welt in China residierten. 2014 sprach die Regierung von Guangzhou im Zuge der Diskussion rund um Ebola von 16.000 AfrikanerInnen in der Region.

ChinesInnen in Afrika

Schätzungen zufolge leben rund eine Million ChinesInnen in afrikanischen Ländern. Nach Südafrika und Madagaskar kamen viele schon ab Ende des 19. Jhd. als Arbeiter in Minen und Eisenbahnprojekten der Europäer in den damaligen Kolonien. Heute sind die beiden Staaten unter den Ländern mit dem größten Anteil an Menschen mit chinesischer Herkunft. Auch in Angola sollen viele ChinesInnen  arbeiten, vor allem im Bausektor. Schätzungen gehen von ca. 250.000 Menschen aus.   cs

Versteckter Rassismus. AfrikanerInnen werden von offizieller, chinesischer Seite als FreundInnen bezeichnet. Der chinesische Staat ermöglicht ihnen ein Studium in China, lädt sie zu Workshops ein und duldet ihre Geschäftsaktivitäten in chinesischen Städten wie Guangzhou oder Yiwu. Chinesische MigrantInnen, die nach Afrika gehen, leben und arbeiten bei ihren afrikanischen „FreundInnen“, so die offizielle Darstellung.

Doch die Realität hat sowohl in China als auch in Afrika wenig mit Freundschaft zu tun. Die New York Times berichtete, dass AfrikanerInnen in China oft als Menschen zweiter Klasse behandelt werden. Chinesische MigrantInnen in Afrika sprechen hinter vorgehaltener Hand mitunter von schwarzen Teufeln. Einige reproduzieren die alten, kolonialen Bilder des „faulen, aber lachenden“ Afrikaners. Nicole Bonnah, britische Journalistin und Autorin des Dokumentarfilms „The Black Orient: Black Lives in China“, argumentiert, dass Fälle wie die Qiaobi-Werbung zwar nicht häufig vorkommen, aber sehr wohl ein Ausdruck von verstecktem Rassismus in China seien. Auch in China machen AusländerInnen die Erfahrung, einen Job nicht zu bekommen oder rassistischen Kommentaren ausgesetzt zu sein. Dabei sind Unterdrückung und Rassismus zuerst durch die westlichen Kolonialmächte und dann durch Japan ein wichtiger Bestandteil des historischen Selbstbildes Chinas. Es prägt bis heute Diskussionen über Chinas neue Rolle in der Welt. Die eigene Erfahrung von Diskriminierung und Rassismus sowie das kollektive Selbstverständnis als Opfer schützen aber offensichtlich nicht davor, andere zu diskriminieren. Und auch die Gesetze gegen Diskriminierung von Minderheiten, die es in China gibt, oder die offiziell deklarierte Freundschaft zu Afrika sind keine Garantie gegen Rassismus und Diskriminierung im Alltag.

Gleichzeitig scheint die China-Afrika-Freundschaft gerne auf dem politischen Bankett zelebriert zu werden, um wirtschaftspolitische Interessen im Hintergrund zu verschleiern: Afrikanische Länder sollen von Chinas Erfahrung lernen, Chinas Wissen und Technologie bekommen. Man könnte den MacherInnen des Qiaobi-Spots unterstellen, dass sie genau dieses Verständnis auch durch den weißgewaschenen Freund zum Ausdruck bringen.

Sarah Hanisch ist seit 2014 Universitätsassistentin am Institut für Ostasienwissenschaften/Sinologie in Wien.

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